Eva Michelmann: Familie von verschwundener Journalistin drängt auf politische Hilfe

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 Seit fast 60 Tagen keine Nachrichten mehr
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Journalistin Michelmann: Seit fast 60 Tagen keine Nachrichten mehr

Foto: privat

Als seine Schülerinnen aus der 8. Klasse vergangene Woche mit der Idee eines TikTok-Videos zu ihm kamen, war Toni Michelmann erst ziemlich skeptisch. Der 39-Jährige ist Lehrer für Naturwissenschaften an einer Kölner Gesamtschule. Und er hatte seinem Chemiekurs erzählt, was ihn privat bedrückt: Seit dem 18. Januar ist Michelmanns Schwester, die Journalistin Eva Michelmann, verschwunden – im kurdischen Teil Syriens, nach Augenzeugenberichten verschleppt von islamistischen Kämpfern, die der syrischen Übergangsregierung nahestehen.

Eva Michelmann, die aus der Nähe von Köln stammt, berichtete seit 2022 als freie Journalistin für das türkisch-kurdische Nachrichtenportal ETHA aus dem Gebiet der »Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien«, auch »Rojava« genannt. Die Region war Mitte Januar von syrischen Regierungstruppen massiv angegriffen worden. Der Versuch der kurdischen Seite, Zivilisten aus dem Kriegsgebiet zu bringen, sei gescheitert, berichtet die Mediengewerkschaft Ver.di . Auch Eva Michelmann und ihrem kurdischen Kollegen Ahmed Polad, der einen türkischen Pass hat, sei es nicht mehr gelungen zu fliehen.

»Nach allem, was wir wissen, haben sie sich in einem Jugendzentrum in Sicherheit gebracht, wurden dort von den Kämpfern aufgespürt, in Autos des syrischen Innenministeriums gesetzt und weggefahren«, berichtet Toni Michelmann im Gespräch mit dem SPIEGEL. Das gehe aus Schilderungen von Augenzeugen hervor. Es gebe einige Videos von diesem Tag – seine Schwester sei darauf jedoch nicht zu sehen. Insgesamt seien nach seinen Informationen mehr als 1000 Menschen weggebracht worden. Lediglich 100 von ihnen sind bisher freigelassen worden – von den anderen fehle jede Spur.

Unterstützung durch Achtklässler

Das alles erzählte der Chemielehrer auch seinen Schülerinnen und Schülern, damit sie die Infos aus erster Hand und nicht aus den Medien erfahren. Deren Reaktion habe ihn erstaunt: »Wir machen ein Reel mit Ihnen, das geht viral.« Und tatsächlich kann der kurze Clip, vor einer knappen Woche ins Netz gestellt, bereits mehr als eine Million Aufrufe auf verschiedenen Plattformen verzeichnen.

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»Wir sind stolz auf Eva und ihre Arbeit«, sagt ihr Bruder. Nach Rojava zu gehen, sei ein Herzensprojekt seiner Schwester gewesen, sie habe dort antifaschistische und feministische Anliegen unterstützen wollen und darüber auch berichtet. Rojava sei für Eva auch ein Ort gewesen, an dem echte Solidarität gelebt worden sei. Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit – unter anderem auf einer Pressekonferenz der Organisation Peoples Bridge  in der vergangenen Woche – wolle die Familie die Aufmerksamkeit für den Fall erhöhen, so Toni Michelmann.

Dazu dient auch eine Demonstration, die für Dienstagmittag vor dem Auswärtigen Amt in Berlin angekündigt ist. Dann wird auch Eva und Toni Michelmanns Mutter vor Ort sein, um auf das Schicksal ihrer Tochter aufmerksam zu machen und einen stärkeren politischen Einsatz für die verschwundene Journalistin zu fordern.

Er könne bestätigen, »dass dieser Fall der deutschen Botschaft in Beirut, die auch die konsularische Unterstützung für Syrien leistet, bekannt ist«, hatte ein Sprecher des Außenministeriums vergangene Woche im Rahmen der Bundespressekonferenz erklärt: »In Zusammenarbeit mit unserer Botschaft in Damaskus, die in diesem Feld allerdings nur sehr eingeschränkt handlungsfähig ist, befassen wir uns mit dem Sachverhalt und sind natürlich intensiv um Aufklärung bemüht.«

»Intensiv um Aufklärung bemüht«

Ob die Bundesregierung wisse, wo Eva Michelmann sich befinde? Und ob es in diesem Fall Kontakt zur syrischen Übergangsregierung gebe? »Wir sind intensiv um Aufklärung bemüht«, wiederholte der Sprecher knapp. Aus Datenschutzgründen, hieß es aus dem Ministerium, werde man sich nicht weiter äußern.

Für die Angehörigen, sagt Toni Michelmann, sei diese zurückhaltende Kommunikation ausgesprochen belastend. Umso mehr ist er für die Unterstützung seiner Schülerinnen und Schüler dankbar – »und für die große Solidarität, die wir als Familie derzeit erfahren«. Von den Jugendlichen habe er gelernt, wie solche Solidarität im digitalen Raum entstehen könne: »Ich bin wirklich beeindruckt, wie sehr die Kinder das zu ihrem Projekt gemacht und dann diese öffentliche Resonanz erzeugt haben.«

In die Vorbereitungen zur Demonstration in Berlin mischen sich derweil Nachrichten, die bei der Familie vage Hoffnung auslösen: Ein kurdischer General hatte mitgeteilt, er erwarte in den nächsten Tagen die Freilassung von weiteren 300 Verschleppten. Ob es wirklich dazu kommt und wenn ja, ob Eva Michelmann Teil dieser Gruppe sein wird, ist derzeit aber noch völlig unklar.

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