Davos: Friedrich Merz warnt vor Ära der Großmachtpolitik

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Merz warnt vor einem "radikalen Umbau" in der US-Außenpolitik und ruft dazu auf, die Nato nicht "abzuschreiben". Trumps Kurswechsel bei Grönland sei "der richtige Weg".

22. Januar 2026, 11:07 Uhr Quelle: DIE ZEIT, AFP, Reuters, dpa,

 Bundeskanzler Friedrich Merz beim Weltwirtschaftsforum in Davos
Bundeskanzler Friedrich Merz beim Weltwirtschaftsforum in Davos © Fabrice Coffrini/​AFP/​Getty Images

Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor den Folgen einer neuen Ära der Großmächte gewarnt. "Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen", sagte der CDU-Politiker in seiner Rede. "Wir sind in eine Zeit der Großmachtpolitik eingetreten." Das zeige sich unter anderem darin, dass die USA ihre Außenpolitik radikal veränderten – als Reaktion darauf, dass die "globale Führungsposition der USA herausgefordert" werde. 

Die Entwicklungen destabilisierten die internationale Ordnung "in atemberaubendem Tempo", warnte der Kanzler. "Die neue Welt der Großmächte ist auf Macht, Stärke und – wenn nötig – auch Gewalt gegründet", sagte Merz. "Sie ist kein gemütlicher Ort." Historische Erfahrungen zeigten, dass die Welt dadurch gefährlich werde. "Im 20. Jahrhundert ist mein Land, Deutschland, diesen Weg bis zu seinem bitteren Ende gegangen. Es hat die Welt in einen schwarzen Abgrund gestürzt", sagte Merz. 

Merz begrüßt Deeskalation im Konflikt um Grönland

Der Kanzler rief die EU dazu auf, sich nicht zum Spielball von Großmächten machen zu lassen. "Wir sind dieser neuen Weltordnung nicht hilflos ausgeliefert", sagte er. "Wir haben eine Wahl". So verwies Merz auf die ersten Entspannungen im jüngsten Konflikt zwischen den USA und der EU über die Drohung von US-Präsident Donald Trump, im Zuge seiner Annexionsforderungen gegenüber Grönland neue Zölle zu verhängen. "Jede Drohung, europäisches Territorium gewaltsam zu annektieren, wäre inakzeptabel", sagte Merz. Auch neue Zölle würden "die Grundlagen transatlantischer Beziehungen untergraben". 

In diesem Zusammenhang begrüße er Trumps Kurswechsel vom Mittwochabend: Es sei "der richtige Weg", sagte Merz. Trump und Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatten sich zuvor nach Darstellung des US-Präsidenten auf eine Lösung verständigt, deren Details noch unklar sind. 

Nach ZEIT-Informationen sollen die USA ihre Militärpräsenz in Grönland ausbauen und bei künftigen Investitionen in Grönland mitentscheiden dürfen. Im Gegenzug dazu rückte Trump von seiner Androhung neuer Zölle ab. Zuvor hatte Trump bei seiner Rede in Davos angekündigt, er werde keine militärische Gewalt für eine Übernahme Grönlands einsetzen. Seitens der US-Regierung war vergangene Woche noch zu hören, der US-Präsident schließe das nicht aus.

"Autokratien mögen Untertanen haben, Demokratien haben Partner"

Merz rief dazu auf, bei der leichten Entspannung im Grönlandkonflikt anzusetzen und die Zusammenarbeit innerhalb der Nato zu stärken. "Lassen Sie uns bitte auch bei allem Frust und Ärger der letzten Monate die transatlantische Partnerschaft nicht voreilig abschreiben", sagte Merz. Eine naive Hoffnung sei das nicht: "Wir Europäer, wir Deutsche wissen, wie kostbar das Vertrauen ist, auf dem die Nato fußt", sagte er. "Im Zeitalter der Großmächte werden auch die USA auf dieses Vertrauen angewiesen sein." Die Nato sei auch für die USA ein Wettbewerbsvorteil: "Autokratien mögen Untertanen haben. Demokratien haben Partner und verlässliche Freunde."

Im Gegenzug für die Abkehr Trumps von Besitzforderungen gegenüber Grönland müsse Europa seine arktische Präsenz ausbauen. Auch Deutschland werde daran teilnehmen, sicherte der Kanzler zu. "Für unsere Souveränität werden wir mit Festigkeit eintreten. Unsere Nachbarn in Europa können sich auf unsere Solidarität verlassen."

Damit Europa trotz der geopolitischen Umbrüche eine starke Position behalte, müsse es "mutige" Entscheidungen treffen und "den Kurs mit klarem Realismus bestimmen", sagte Merz. Die EU sei bereits auf dem Weg dazu, und Deutschland nehme dabei eine "besondere Verantwortung" wahr, versprach der Kanzler: "Erstens müssen wir massiv in unsere Verteidigungsfähigkeit investieren. Wir tun das. Zweitens müssen wir unsere Volkswirtschaften schnell wettbewerbsfähig machen. Wir tun das. Drittens müssen wir enger zusammenstehen, zwischen Europäern und gleich gesinnten Partnern. Wir tun das."

Merz warnt vor Scheitern von Handelsabkommen

Ein Rückschritt sei dabei hingegen die Entscheidung des Europäischen Parlaments, das kürzlich unterzeichnete EU-Mercosur-Handelsabkommen zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof zu überweisen und dadurch dessen Ratifizierung zu verzögern. Die EU-Kommission und die Bundesregierung würden sich dadurch jedoch nicht in ihrer Absicht, mehr Freihandel durchzusetzen, beirren lassen, sagte Merz: "Wir werden uns nicht aufhalten lassen." 

Europa müsse die "Antithese" zu Protektionismus, Abhängigkeiten bei Rohstoffen, "willkürlichen Zöllen" und "staatlich subventionierten, unfairen Handelspraktiken" sein. Zu Abkommen wie dem EU-Mercosur-Vertrag gebe es keine Alternative, wenn die EU Wachstum anstrebe. Zugleich warb er dabei um Investitionen in die deutsche Wirtschaft: "Wer immer in die Zukunft investieren will: Sie werden in Deutschland einen starken Partner finden", sagte er. 

Am jährlichen Treffen im schweizerischen Davos nehmen Hunderte Geschäftsführer globaler Unternehmen und Dutzende Staatschefs teil. Vorläufiger Höhepunkt des Weltwirtschaftsforums war Trumps Rede am Mittwoch. Darin hatte er trotz des selbsterklärten Gewaltverzichts gegenüber Grönland einen harten Ton gegenüber der EU eingeschlagen und Steuern, Regulierung sowie die EU-Einwanderungs- und Klimapolitik kritisiert. 

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