Neuer russischer Museumsboom: Der sowjetische Piranesi ist heute Kult

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Im vorigen November wurde das Verbot, die Leidtragenden des Staatsterrors unter Stalin künstlerisch zu würdigen, in Russland exemplarisch vorexerziert: Im Skulpturenpark der Moskauer Tretjakow-Galerie wurde die monumentale Installation des Bildhauers Jewgeni Tschubarow (1934 bis 2012) „Die Opfer des totalitären Regimes“ demontiert, die mit mehr als zweihundert als Köpfe behauenen Natursteinen, aufgeschichtet hinter Eisengittern und Stacheldraht, die industrielle Tötung und Versklavung von Menschen durch den Sowjetstaat vergegenwärtigte. Die Arbeit, die seit 1998 dem Museum gehört, war eines Morgens ohne Erklärung einfach abgeräumt.

Ein neuer fünfstöckiger Kunsttempel

Das Tabu galt freilich schon zuvor de facto: Studenten wird seit Jahren abgeraten, das Thema Repressionen wissenschaftlich zu behandeln; die Ausstellungen über sowjetische Kunstexpeditionen nach Zentralasien, die vorigen Sommer sowohl die Tretjakow-Galerie als auch das Kulturzentrum GES-2 ausrichteten, sparten das Faktum, dass unter Stalin viele Künstler dorthin verbannt wurden, auffälligerweise aus; und auch die derzeitige Kunstschau „Arktis. Pol der Farbe“, die noch bis zum 21. Juni in der Tretjakow-Galerie läuft, scheint vom Straflagersystem im hohen Norden nichts zu wissen.

Zugleich erlebt Russland einen Kunstboom, der neidisch machen kann. Seit Dezember hat Moskau ein weiteres Privatmuseum: Der milliardenschwere Bauunternehmer Andrej Moltschanow eröffnete im Süden der Hauptstadt als Krönung der Nobelneubausiedlung Zilart den fünfstöckigen Kunsttempel „Kollekzia“. Das Gebäude von Sergej Tschoban, der in jüngster Zeit etliche ikonische Kulturbauten in Russland errichtet hat, ist ein Quader aus Glas und angeschrägten Kupferstreben, dessen Schauräume der Besucher über von Moskauer Fassadenkünstlern bemalte Rolltreppen erreicht, wobei er stets auch die Straße draußen im Blick hat. In der Lobby prangt, neben Museumsladen und Kinderbetreuungszentrum, als Hommage an das legendäre Autowerk, das einst hier stand, die Sil-Limousine des letzten Sowjetherrschers Michail Gorbatschow.

Monsterinsekten in der Luft

Das Haus präsentiert Moltschanows reiche Sammlung: Skulpturen moderner russischer Klassiker wie ein stilisiertes Kolosseum, worin Tiere frühe Christen zerreißen, und ein klobiger „Letzter Jäger“ mit gen Himmel gerichteter Maschinenpistole von Dmitri Kaminker oder eine sowjetakademische Sportlerfigur von Michail Anikuschin, aber auch abstrakte neue Großplastiken von Anna Urban. Daneben hängen Gemälde der Konzeptualisten Ilja Kabakow, Erik Bulatow, des Fotorealisten Semjon Faibissowitsch sowie des Arte-povera-Klassikers Michail Roginski. Eine Wimmelschau von mehr als tausend Holzskulpturen aus West- und Zentralafrika im dritten Stock ist nach Themen wie Götter, Familie, Tiere, Status, Macht strukturiert. In der obersten Etage imaginiert die vielfigurige Installation „Dies illa“ des in den USA lebenden Grisha Bruskin mit kleine Menschen aus der Luft bedrohenden Monsterinsekten das Jüngste Gericht.

In rasender Bewegung malte Natalja Gontscharowas ihren „Fahrradfahrer“In rasender Bewegung malte Natalja Gontscharowas ihren „Fahrradfahrer“Archiv

Das Puschkin-Museum, eigentlich für westliche Kunst zuständig, zeigt noch bis zum 15. März eine Retrospektive der russisch-belarussischen Periode von Chagall mit Werken aus diversen russischen Museums-, aber auch Privatsammlungen, darunter ein graues, grünes und ein rosafarbenes Liebespaar. Prunkstück der Schau sind Chagalls 1920 entstandene großformatige kubistische Wand- und Deckengemälde für das Moskauer Jüdische Theater, mit denen das Museum einen eigens dafür errichteten Theatersaal schmückt.

Hinterm neuen Eisernen Vorhang

Ein Großereignis war die unlängst zu Ende gegangene Schau des Avantgarde-Architekten und Meisterzeichners Jakow Tschernichow (1889 bis 1951) im Moskauer Jüdischen Museum, die mit 500 Zeichnungen, Modellen, aber auch Laborgeräten das schöpferische Denken des kon­­struktiven Visionärs vergegenwärtigte. Versammelt waren Tschernichows zunächst suprematistische, später verstärkt auch ornamental konzipierte Architekturphantasien, geometrische Figuren, die er aus seinen Skizzen mikrobiologischer Organismen in einem Labor der Roten Armee entwickelte, sowie die späteren kommunistischen Paläste und Pantheonentwürfe, für die er der sowjetische Piranesi genannt wurde. In Sankt Petersburg wurde 2024 eines der wenigen erhaltenen Industriebauten Tschernichows, die konstruktivistische „Seilerei“ (Kanatnyj Zech), beispielhaft restauriert. Die Filiale der Moskauer Wirtschaftshochschule, die dort seit vorigem Jahr residiert, eröffnete im Sommer eine Galerie mit seinen Werken.

Der neue Eiserne Vorhang zwischen Russland und Europa habe dazu geführt, dass reiche Russen, die früher in Courchevel prassten, jetzt Kultur förderten, erzählt eine russische Freundin. So erwarb im vorigen Jahr der Moskauer Verleger Andrej Gnatjuk die frühere Petersburger Wohnung des Avantgardedichters Alexander Wwedenski (1904 bis 1941), der zur Absurdisten-Gruppe Oberiu um Daniil Charms gehörte. Gnatjuk rekonstruierte ihren Zustand während der frühen Sowjetepoche und eröffnete, gemeinsam mit engagierten Sammlern, Ende vergangenen Jahres das einzige Oberiu-Museum. Zur ersten Schau, die noch bis zum 12. März läuft, gehören zu Lebzeiten erschienene Kinderbücher des Oberiu-Kreises, mit denen viele ihren Lebensunterhalt bestritten, historische Fotos und Zeichnungen sowie das letzte Schreiben des 1941 in Charkiw verhafteten Wwedenski an seine Familie, das er aus dem Gefangenenwaggon auf den Bahnsteig warf – der adressierte Zettel wurde, wie viele in jener Zeit der Massenrepressionen, von Passanten aufgelesen und den Angehörigen zugestellt.

 Aus der Archäologie-Schau „Träume Sibiriens“Venus von Sibirien: Aus der Archäologie-Schau „Träume Sibiriens“Archiv

Auch das staatliche Russische Museum, das die größte Avantgardekunstsammlung überhaupt besitzt, präsentiert in seiner neuen Dauerschau in siebzehn Sälen 400 selten zuvor gezeigte Arbeiten mitsamt gegenstandslosen Plastiken, suprematistischem Porzellan sowie zwei Dutzend Leihgaben aus regionalen Museen. Der Parcours mit dem patriotischen Titel „Unsere Avantgarde“ ordnet die Werke gemäß aufeinanderfolgenden Strömungen wie Primitivismus mit Michail Larionows kindlich-heidnischer gelber „Venus“ und Alexej Morgunows derbem Fleischhauer, Kubismus mit Natalja Gontscharowas sich in Bewegung auflösendem „Fahrradfahrer“ oder Expressionismus, unter welchem auch frühe Werke von Wassily Kandinsky und Pawel Filonow verbucht werden. Von Malewitsch sind ein schwarzes, aber auch ein rotes Quadrat, andere Primärformen sowie abstrakte Kompositionen und postsuprematistische Figürlichkeit versammelt, von Filonow insgesamt dreißig, teils großformatige „analytische“ Prachtbilder. Der Katalog hebt hervor, russische Künstler hätten – im Unterschied zu ihren europäischen Vorbildern – stets auf volkstümliche, „niedere“ Motive und Stilistik rekurriert. Programmatisch ist das einst skandalöse, in derber Ladenschildmanier gemalte Ganzkörperdoppelbildnis von Ilja Maschkow von 1910, auf dem er selbst und sein Malerkollege Pjotr Kontschalowski halbnackt als Zirkusartisten mit Hanteln und Noten spanischer Volkstänze in der Hand posieren, während zugleich eine Handbi­bliothek auf ihre Kenntnisse der modernen wie klassischen Kultur verweist.

Von Behörden verboten

Auch die Regionen investieren in Kultur. In Perm wurde soeben am Kama-Fluss der kupfergrüne Neubau der Kunstgalerie fertiggestellt, ebenfalls ein Werk von Tschoban, das eine historische Eisenbahnwerkstatt integriert und mit seiner fensterlosen gezackten Silhouette ans nahe Uralgebirge gemahnt. Der Saal für die größte russische Sammlung christlicher Holzplastiken erinnert mit gewölbter Holzdecke an umgedrehte Schiffe. Im asiatischen Landesteil tourt unterdes die archäologische Ausstellung „Träume Sibiriens“ mit bronze- und eisenzeitlichen Grabmasken sowie sibirisch-skythischen Raubtier-, Schlangen- und einer Elchfigur aus dortigen Funden. Prunkstücke der Schau, die noch bis zum 1. März in Irkutsk läuft, sind zwei kleine steinzeitliche Venusfiguren.

Doch das ist Kulturerbe, aktuelle Kunst hat es schwer. Soeben wurde in einem renommierten Moskauer Museum eine schon fertig gehängte Schau zeitgenössischer Werke von den Behörden verboten. Vorigen Herbst sollen vor der Eröffnung der Kunstmesse Cosmoscow zensierte Kunstwerke lastwagenweise abtransportiert worden sein. Immerhin findet sich in Petersburg heute im Gromov-Geschäftszentrum das gleichnamige Kulturzentrum, wo man jeden Donnerstag die dort gezeigte Auswahl neuer russischer Medienkunst aus der Sammlung des Stifters Igor Suchanow bewundern kann, darunter Tim Parschtschikows Foto „Burning News“, das einen buchstäblich in Flammen aufgehenden Zeitungsleser zeigt, oder die Ablichtung eines durch Zweige mit Stoffbändern als Gedenkort kenntlich gemachten Steinhaufens durch Wassilina Utschajkina, die ihr Bild „Apotheose des Krieges“ nennt, als Hommage an das berühmte Ölgemälde einer Schädelpyramide von Wassili Wereschtschagin.

Ein anderer Freund erzählt, russische Sammler kauften derzeit viel Zeitgenössisches, zeigten es aber nicht. Von Künstlern hört man, sie hätten viele Aufträge, aber keine Ausstellungen. Stattdessen leben Wohnungsausstellungen wie in der späten Sowjetunion wieder auf. Die Zensur verschärft sich rapide. Doch sollte einst ein kulturelles Tauwetter einsetzen, wird es in Russland viel Kunst zu entdecken geben.

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