Zensur gegen Kinderbücher: Wie lieben sich eigentlich Seepferdchen?

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„Schmatz! Rubbel, rubbel“, so steht es bei einer Zeichnung von zwei Seepferdchen, die sich mit den Schwänzen umschlingen, die Bäuche reiben und die Schnauzen aneinanderhalten. Das Bild leitet den Band „Das Liebesleben der Tiere“ ein, das Kindersachbuch aus dem Leipziger Verlag Klett Kinderbuch, in dem die Autorin Katharina von der Gathen und die Zeichnerin Anke Kuhl ein Panorama von Werbung, Sex, Fortpflanzung und Familienleben im Tierreich entwerfen.

Und das ist groß: Verführung, Rivalität, Libido, Monogamie, Physis und damit verbundene Rekorde, das und viel mehr handeln die Urheberinnen so informativ wie vergnüglich auf etwa 150 reich bebilderten Seiten ab, die ins Detail gehen und dabei mit Gernhardts „Kragenbär“ an passender Stelle auch große Kunst zitieren. Auf dem gar nicht so kleinen Segment des deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchbereichs, das sich mit Körper und Sex beschäftigt, gehört dieses Buch zu den erfreulichsten Werken, und es gehört zu der kleinen Minderheit an deutschsprachigen Büchern für junge Leser, die auch im Ausland rezipiert wird.

Ein nackter Knabe? Das geht gar nicht!

„Smack! Rub-a-dub“, so heißt es bei den Seepferdchen in der englischsprachigen Ausgabe des Buches, mit Unterstützung des Goethe-Instituts vor fünf Jahren im neuseeländischen Verlag Gecko Press erschienen. Die Übersetzung fragt im Titel „Do Animals Fall in Love?“, die zupackende deutsche Überschrift „Ich krieg dich!“ des Kapitels zu den Verführungskünsten wird im Englischen zum sehr viel zahmeren „I like you“.

Solche Varianten bewahrten das Buch allerdings nicht davor, mit einiger Verspätung unter den Argusblick besorgter Kinderbuchdistributoren zu geraten. Beim Schulrat von Orange County in Florida gingen nun, offenbar vor allem wegen der Illustrationen, Beschwerden gegen das Buch ein, die darauf abzielten, „Das Liebesleben der Tiere“ aus Schulbibliotheken zu verbannen, so wie zuvor andere Bücher auch. Unvergessen der Streit um eines von Rotraut Susanne Berners Wimmelbüchern, das eine Kunstausstellung und darin auch das Bild eines nackten Knaben zeigt – der ursprünglich vorgesehene amerikanische Verlag wollte das Buch nur zensiert drucken, Berner war dazu nicht bereit, dann publizierte ein anderer Verlag die Originalfassung.

Das war 2008, seitdem ist viel passiert in der Kinderbuchwelt, in der es wachsende Bemühungen gibt, die Lektüre junger Leser drastisch und nach kaum nachvollziehbaren Vorlieben einzuschränken. Kein Anlass zu Optimismus also. Aber in diesem Fall ging es anders aus. Mit sechs zu zwei Stimmen wies das Gremium die Beschwerde ab.

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