Kritik der Kulturindustrie: Ist die Popmusik schuld an Donald Trump?

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Wie scheinbar ziellos die Zeit rennt, merkt man den vielen Sachbüchern an, die sich einzelnen Jahren, Dekaden oder noch längeren Strecken widmen. Sie versuchen in der Rückschau, die Zeit festzuhalten und durch ein mehr oder weniger historisches Prisma die Gegenwart zu greifen. W. David Marx knöpft sich in „Blank Space“ nun gleich ein Vierteljahrhundert vor. In den ersten 25 Jahren unseres Jahrhunderts, so seine These, habe die künstlerische Produktion keine Innovation mehr hervorgebracht. Dass weder dominante Stile in der Mode noch neue Formen in den Künsten zu erkennen seien, habe zur allgemeinen „Malaise“ beigetragen, womit Marx Zukunftsängste meint und die Bedrohung der Demokratie durch rechtsautoritäre Parteien.

Erfrischend argumentiert Marx gegen die Angst vieler Kulturkritiker, als elitäre Kulturpessimisten zu gelten. Er dagegen greift den Mainstream der Gegenwartskultur rabiat an: Mit ungenauen Kampfbegriffen wie Inklusion und Klassismus seien kulturelle Hierarchien abgeschafft worden zwischen studienintensiven Künsten und Boulevard sowie Trash – eine Entwicklung, die Marx „omnivorism“ (Allesfressertum) nennt. Im Zuge dieser vermeintlich postmodernen Enthierarchisierung der Künste regiere der „poptimism“, eine Kontraktion aus Pop und Optimismus. Auf diese Weise habe sich durchgesetzt, dass über Qualität allein der quantitative Zuspruch entscheide, in der Digitalisierung also die Clickzahlen.

Von „Vice“ zu den „Proud Boys“

Reich und berühmt zu werden, so Marx, sei für die nachfolgenden Generationen zum einzigen Ziel geronnen. Coolness, Ablehnung, Boheme, alles Faktoren in der Vergangenheit für subkulturelle Innovation, seien unterdessen verschwunden. Wenn Unternehmertum im Vordergrund stehe, seien Verflachung und Wiederholung von Bekanntem die Folge.

 „Blank Space“. A Cultural History of the Twenty-First Century.W. David Marx: „Blank Space“. A Cultural History of the Twenty-First Century.Viking

Das Buch geht aber noch einen Schritt weiter und erklärt, wie die Kommerzialisierung im Internet direkt zu rechtsextremen Bewegungen geführt habe. Mit der Geschichte der Hipster-Zeitschrift „Vice“ und ihrem Chef Gavin McInnes lässt sich das mehr oder minder belegen. Die Hipster-Bewegung und ihre vermeintlich ironische Verwendung von Symbolen aus der Arbeiterklasse wie Trucker Caps, Feinripp-Unterhemden und Billigbier mündete mitunter direkt in den Hass der paramilitärischen Schlägertruppe „Proud Boys“, die McInnes nach seiner Tätigkeit bei „Vice“ gründete. Aber sind das wirklich Massenerscheinungen? Und reicht zur kausalen Verbindung, dass Berühmtheiten wie Paris Hilton oder der Rapper Kanye West den Kandidaten Trump unterstützten?

Als würde das Buch von seiner Dia­gnose selbst eingeholt, folgt es nur den reichweitenstärksten Phänomenen. Damit lassen sich kaum solide Aussagen über die gesamte Kulturproduktion von 25 Jahren treffen. Und so liest sich „Blank Space“ oft wie eine Revue der vergangenen 25 Jahre Celebrity-Kultur, die man schon wieder verdrängt hat. Dabei vergisst das Buch seinen eigentlichen Gegenstand: die Künste und die Frage, ob Innovation noch eine Rolle spiele. Stichproben in der darstellenden und der bildenden Kunst des deutschsprachigen Raums belegen durchaus Innovation, auch im 21. Jahrhundert.

Gilt das Urteil auch für die Hochkultur?

In den freien Produktionshäusern und in einigen Stadttheatern etwa ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht strukturell, aber ästhetisch einiges passiert. Viele Formate des freien Theaters beschäftigen sich heute mit dem Dialog mit dem Publikum, veranstalten Zusammenkünfte, Symposien, interaktive und immersive Situationen, die im letzten Jahrhundert nur sehr vereinzelt vorkamen. Die Zuschauer werden nicht bloß in den Spielzeitheften angesprochen, um für Abonnenten zu werben, sie werden zu Partnern der Kunst selbst. Das Phänomen mag ein Nischenphänomen sein, manchmal mag auch nur ein Stuhlkreis übrig bleiben; man muss diese Entwicklung auch nicht mögen, aber zumindest neu, so die kapitale Kategorie bei David Marx, ist das Ganze schon.

In der bildenden Kunst blieb im ersten Viertel unseres Jahrhunderts kein Stein auf dem anderen. Die bisher weitgehend westliche Kunstgeschichte wurde globalisiert, der Werkbegriff erweitert und die Institutionenkritik wieder so laut wie zuletzt in den Siebzigerjahren. Allerdings mit nun sichtbareren Resultaten: Museen sind heute viel mehr als Orte zur Aufbewahrung von Werken, sie versuchen Zentren der Versammlung und des Austausches zu sein. Bisher übersehene gesellschaftliche Gruppen wie nicht weiße Künstler und vor allem Frauen wurden zum Teil spät, aber immerhin überhaupt entdeckt. Das führte in einigen Fällen zu spektakulären Karrieren, manchmal auch erst im hohen Alter wie im Fall von Louise Bourgeois oder erst nach dem Tod wie bei der deutschen Malerin Lotte Laserstein.

Dass dabei eher der Kunstbetrieb und weniger die Ästhetik selbst neu sortiert wurde, muss kein Widerspruch sein. Zumindest dann nicht, wenn die Ästhetik davon handelt, die Institution und ihre Räume neu zu interpretieren, wie etwa die Performances von Tino Sehgal in Museen, wo sich die Zuschauer unter die Tänzerinnen und Tänzer mischen.

Taylor Swift klingt wie Künstliche Intelligenz

Auch wenn die Museen in Zukunft noch mehr Drittmittel einwerben müssen, weil die öffentlichen Subventionen für ein Vollprogramm nicht mehr reichen, reagieren sie auf die veränderte Demographie und sprechen ihr Publikum auf andere Weise an – das ist in den USA nicht grundlegend anders. Gelten solche Verschiebungen nicht als Innovation? Würde man die Jahresprogramme wichtiger Museen wie des Museum of Modern Art in New York von 1990 und 2025 nebeneinanderlegen, würde man die Institutionen kaum wiedererkennen.

Den zum Teil durchaus innovativen Wandel innerhalb der sogenannten Hochkultur erkennt Marx nicht, weil er sich für sie dann doch nicht interessiert, obwohl er vorgibt, sie zu vermissen. Doch man sollte seine These deswegen nicht gleich ganz zu den Akten legen. Was den Mainstream der Popmusik angeht, kann man der Klage der mangelnden Innovation kaum widersprechen. Kein Superstar der letzten 25 Jahre hat ästhetische Veränderungen angeregt, Taylor Swift klingt etwa so, wie sich eine Künstliche Intelligenz Popmusik statistisch ausrechnet. Pop war der erste digitalisierte Kulturmarkt und nur darin Avantgarde im 21. Jahrhundert.

Innovation gibt es dennoch in der Musik, aber nicht mehr an der Spitze. Die alte Dynamik zwischen Subkultur, Boheme und Massengeschmack funktioniert nicht mehr, weil im Streamingzeitalter Erfolg nur ganz oben stattfinden kann, wo selbst kleine Experimente mit weniger Aufmerksamkeit bestraft werden. Pop sollte dem Publikum und den Kulturpolitikern eine Warnung sein – damit das Gleiche nicht anderen Sparten droht.

W. David Marx: „Blank Space“. A Cultural History of the Twenty-First Century. Viking Press, New York 2025. 384 S., geb., 21,– €.

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