EU-Energieimporte: Wie Europa aus der Energiefalle herauskäme

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Im Januar 2019 war die Welt noch eine andere. Damals machte während des Weltwirtschaftsforums in Davos die 16-jährige Schülerin Greta Thunberg Schlagzeilen. Ihre Botschaft war unmissverständlich: »Unser Haus brennt. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid – ich will, dass ihr in Panik geratet!«. Sie forderte die versammelten Wirtschaftsbosse und Spitzenpolitiker auf, die Klimakrise endlich als das zu behandeln, was sie sei: ein Notfall.

Sieben Jahre später steigen CO2-Emissionen steigen immer noch, und Extremwetterereignisse richten immer größere Schäden an. Die teilnehmenden Wirtschaftsbosse und Spitzenpolitiker in Davos sind jedoch nicht wegen der Folgen der weltweiten Erderwärmung in Panik, sondern wegen Donald Trump.

In den sieben Jahren, die seit 2019 vergangen sind, reihte sich eine Krise an die nächste: die Corona-Pandemie, der Überfall Russlands auf die Ukraine und nun seit einem Jahr ein US-Präsident, der die bestehende Weltordnung umwirft.

Leider ist die Europäische Union durch die Krisen nicht wirklich widerstandsfähiger geworden. Weiterhin handeln viele europäische Regierungen erst, wenn es zu spät ist. So geschehen in der Gaskrise 2022/2023, als der russische Präsident Wladimir Putin die Pipelinelieferungen mit Erdgas stoppte. Die damalige Ampelregierung durfte das jahrzehntelange Festhalten an russischen Importen teuer bezahlen. Um von Putins Gas loszukommen, schwenkte man auf andere Anbieter um, unter anderem in einem Deal mit Katar, den Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck persönlich einfädelte. Ausgebaut wurden auch die Energiebeziehungen zu den USA. Im vergangenen Jahr vereinbarte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der US-Regierung bis zu 750 Milliarden Dollar an Energieexporten abzukaufen, darunter vorwiegend Flüssigerdgas (LNG).

Vom Regen in die Traufe: Gas-Abhängigkeit von den USA sicherheitspolitisch extrem riskant

Abgesehen davon, dass Erdgas klimaschädlich ist und die EU davon eigentlich loskommen sollte, warnen jetzt Forschende auch aus politischen Gründen vor mehr amerikanischen LNG-Importen. Laut einer aktuellen Analyse  des niederländischen Clingendael-Instituts, des Berliner Ecologic-Instituts und des Norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten haben die EU und Großbritannien ihre frühere Abhängigkeit von russischem Gas durch eine neue von amerikanischem Flüssigerdgas eingetauscht. Die Zahlen sind deutlich: US-amerikanisches LNG macht mittlerweile 59 Prozent aller LNG-Importe der EU aus, in Großbritannien sind es sogar 68 Prozent.

Im Vergleich zu 2019 stiegen die US-LNG-Importe in den Europäischen Wirtschaftsraum um satte 485 Prozent, während russisches Pipelinegas von 60 Prozent auf nur noch acht Prozent der Gasimporte fiel.

Auch in Deutschland steigt der LNG-Anteil aus den USA: Die Gasimporte sind seit Trumps Amtsantritt vor einem Jahr regelrecht explodiert. Das zeigen von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ausgewertete Exportzahlen der US-Amerikaner. »Die Bundesregierung verstetigt ihre fossile Importstrategie und erhöht die energiepolitische Verwundbarkeit Deutschlands. Donald Trump dürfte das gefallen«, sagt Constantin Zerger, Gas-Experte der DUH.

Spätestens seit der Veröffentlichung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie  der US-Regierung vom vergangenen November sollten bei solchen Zahlen sicherheitspolitisch die Alarmglocken läuten. Dort steht unmissverständlich: »Die Wiederherstellung der amerikanischen Energiedominanz in Öl, Gas, Kohle und Kernenergie« sei »eine strategische Priorität höchsten Ranges«. Man lehne »die desaströsen Ideologien des ›Klimawandels‹ und des ›Net Zero‹« ab, die Europa geschadet hätten. Und: »Der Ausbau unserer Netto-Energieexporte (...) wird unsere Fähigkeit zur Landesverteidigung stärken – und uns dort, wo es nötig ist, ermöglichen, unsere Interessen weltweit durchzusetzen«, heißt es in dem Papier.

Energieexporte könnten also als politische Waffe eingesetzt werden.

So könnte sich die Gaskrise wiederholen: Angesichts der derzeit historisch niedrigen Gasreserven in der EU und geopolitischer Spannungen drohe laut den Autoren der neuen Gas-Studie bei einem kalten Winter eine dramatische Energiekrise, sollten die USA ihre Gasimporte stoppen. Die Forscher empfehlen Europa daher, den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen, um »die strategische Verwundbarkeit zu reduzieren«, wie sie schreiben.

Heimische Energien als Sicherheitskonzept

Dass es möglich ist, kann niemand bestreiten: Wind- und Solarkraft haben im vergangenen Jahr in der EU erstmals mehr Strom erzeugt als fossile Brennstoffe. So stammten gut 30 Prozent des EU-Strommixes 2025 aus Sonnen- und Windenergie, zusammen mit anderen erneuerbaren Energien wie Wasserkraft und Energie aus Biomasse waren es 47,7 Prozent – gegenüber 29 Prozent aus fossilen Brennstoffen, wie aus einem aktuellen Bericht der Denkfabrik Ember hervorgeht. (23,4 Prozent stammten demnach aus Kernkraft.)

Will die EU den Erdgasbedarf nachhaltig reduzieren, müssen vorrangig Heizungen und Industriebetriebe umgestellt werden. Beim Endenergieverbrauch sind immer noch rund drei Viertel noch fossilen Ursprungs, darunter viel Erdgas. Bis 2030 sollen es nur noch rund zwei Drittel sein.

Daher sollte es auch in der deutschen Politik unbedingt darum gehen, den Erdgas-Ausstieg systematisch anzugehen. Jedoch arbeitet Wirtschaftsministerin Katherina Reiche  genau in die andere Richtung: Statt zu überlegen, wie mit möglichst wenig neuen Gaskraftwerken bei Dunkelflauten nachgesteuert werden kann, plant sie mit möglichst vielen. Laut einem »Non-Paper« der Bundesregierung, das die Deutsche Umwelthilfe diese Woche öffentlich machte, will das Bundeswirtschaftsministerium bis 2029 weit mehr Gaskraftwerke ausschreiben, als es die Bundesnetzagentur für nötig hält .

Dabei sind die Kraftwerke so teuer, dass Bau und Betrieb bezuschusst werden müssen. Experten raten deshalb schon aus Kostengründen, eher weniger zu bauen. Wenn, dann ohnehin nur wasserstofffähige Kraftwerke und am besten so viel wie möglich durch klimafreundliche und günstige Optionen wie Batteriespeicher zu decken.

Auch Ministerin Reiche ist auf dem Wirtschaftstreffen von Davos. Dort erklärte Trump abermals, wie »hässlich« er Windräder findet und dass »nur Dumme« Windräder kaufen würden. Erneuerbare stören den US-Präsidenten, schließlich würde Europa weniger Erdgas kaufen, wenn es sich elektrifiziert und die Energiewende schneller vorantreibt.

Genau deshalb sollte eine deutsche Wirtschaftsministerin alles tun, um Deutschland energiepolitisch zu emanzipieren – statt die Abhängigkeiten von Klimawandelleugnern wie Trump noch zu stärken. Es gibt gerade nichts Konservativeres und Patriotischeres, als sich auf die eigenen, heimischen Ressourcen zu besinnen.

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Ihre Susanne Götze
Redakteurin Wissenschaft

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