Oscars 2026: Und der Grusligste von allen: Sean Penn

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Die alljährliche Oscar-Verleihungszeremonie findet nicht in der Wirklichkeit statt, sondern in einer Glamour-Parallel­gesellschaft. Der Unterschied zwischen Realität und Traumraum füllt sich dabei jedes Mal spätestens in den Tagen vor dem Ereignis mit zahllosen Wünschen, Forderungen, Beschwerden und Einwänden. Die Schauspielerin Amanda Seyfried zum Beispiel hat mürrisch erklärt, die ganze Veranstaltung sei längst nicht mehr so wichtig wie früher. Für ihr grandioses Spiel in Mona Fastvolds eigenartigem Musical „The Testament of Ann Lee“ hat man sie nicht nominiert; vielleicht färbt das ihre Perspektive auf die Sache. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann wiederum gab im Vorfeld der Show seinen Wunsch bekannt, die Berühmten sollten sich im Traumraum politisch artikulieren. Auch er war für nichts nominiert.

Die Wirklichkeit 2026: Trump, Inflation, Krieg, Naturverwüstung, Unrecht. Die Oscar-Zeremonie 2026: Witzbolde, Schauspiel- und Regietalente, die ein paar Stunden lang so tun dürfen, als könnten sie auf heiter-feierliche Distanz zu besagter Wirklichkeit gehen, mit kleinen Spitzen gegen sie. Javier Bardem sagt in ein Mikrofon: „Free Palestine“. Die Nachrichten sagen etwas anderes. Zwei Filme, um die es in der Zeremonie vor ­allem ging, handeln exakt von solchen verschärften Kontrasten ­zwischen gesellschaftlichen Übeln und parallelgesellschaftlichen Ausweichräumen: „Sinners“ (in Deutschland: „Blood and Sinners“) von Ryan Coogler und „One Battle After Another“ von Paul Thomas Anderson. In Cooglers Film versuchen Menschen, die tagsüber auf Baumwollfeldern schuften müssen, am Abend ein wenig Glück, Lust und Kultur in einer selbstverwalteten, ärmlichen Bude zu genießen. Aber Un­geheuer, die aussehen wie die Leute, unter deren Joch die Feiernden tagsüber leiden, dringen in den Schutzraum ein und richten ein Blutbad an. Der Film ist ein Meisterwerk; er enthält die glorreichste Feier musikalischer Schönheit emanzipierter Diasporakunst der ganzen Tonfilmgeschichte.

 Paul Thomas Anderson mit mehr Oscars, als er tragen kann.Ausgezeichnet für Regie, Drehbuch und den besten Film: Paul Thomas Anderson mit mehr Oscars, als er tragen kann.John Locher/Invision/AP

Feine Vorstellungen von Benicio del Toro und Leonardo DiCaprio

In Andersons „One Battle After An­other“, einer bis zum Kontrollverlust freihändigen Verfilmung von Thomas Pynchons Roman „Vineland“, nimmt die für manche überlebensnotwendige Parallelgesellschaft die Gestalt einer komplexen Ökologie gegenseitiger Hilfeleistungen Verfolgter an. Untergrundzellen, Hinterhäuser, Schulbekanntschaften, ein Kampfsportlehrer (Benicio del Toro, immer sehenswert, hat seit Jahrzehnten keine so feine Vorstellung gegeben wie hier): Sie alle helfen einem Mädchen, das Chase Infiniti mit ungeheurer Grazie unter schwerstem Druck spielt, und seinem Vater, einem verkifften Stadtguerillero (nie wurde Leonardo DiCaprio ärger durch den Wringer gewrungen). Die beiden sind (erst zusammen, dann getrennt) auf der Flucht vor einem Aufstandsbekämpfungs-Militärmonster namens Steven J. Lockjaw. Den Kerl spielt Sean Penn als zusammengepresste Essenz aller je formulierten Faschismustheorien, von den blödesten bis zu den klügsten. Es ist die dichteste Performance im beeindruckenden Lebenswerk dieses durchgeknallten, schwierigen Darstellers. Er war nicht da, um sich seinen hochverdienten Preis dafür abzuholen. Auf schwer fassbare Weise gehört diese irritierende Abwesenheit zu seiner phantastischen Arbeit für Andersons Film.

 Castingdirektorin Cassandra Kulukundis hält den Oscar für „One Battle After Another“ in den Händen.Erster Oscar für Besetzungskunst: Castingdirektorin Cassandra Kulukundis hält den Oscar für „One Battle After Another“ in den Händen.Chris Pizzello/Invision/AP

Manchmal ist Casting, also Besetzung, im Kino eben wirklich entscheidend. Nicht immer: Der süße Timothée Chalamet war sicherlich der Grund, dass der semi-charmante Film „Marty Supreme“ volle neun Nominierungen abbekam; ein Preis wurde nicht daraus. Dass es 2026 aber erstmals einen Casting-Oscar gab, ist zu begrüßen – er ging auch gleich vernünftigerweise an Cassandra Kulukundis für „One Battle After Another“, wobei Francine Maisler für „Sinners“ die bessere Wahl gewesen wäre, denn sie hat ein ­Riesenpublikum mit der göttlichen Wunmi Mosaku bekannt gemacht.

Millionen Widerstandsakte im Alltag

„Leute berühmt machen“ ist eine Funktion von Kunst. Aber wozu sind Berühmtheiten gut? Daniel Kehlmann hat geschrieben: „It does make a difference if ­powerful famous people find the courage to speak out. It actually makes all the difference.“ Der erste Satz ist grundwahr: Es macht einen Unterschied aus, ob mächtige, berühmte Leute den Mut finden, das auszusprechen, was ist. Aber den zweiten Satz, der sagt, dieser Unterschied sei schon das Ganze, kann nur ein Prominenter glauben. Die Proteste der unbekannten Menschen in Minneapolis und anderswo sind mindestens genauso wichtig wie ein Satz am Mikrofon. Millionen Widerstandsakte im Alltag bilden das wahre Ganze.

Die rassistische Kabale, in die Lockjaw in „One Battle After Another“ aufgenommen werden will, verabscheut Parallel­gesellschaften. Leute dieser Sorte denken, alle Menschen aus Haiti wären von finsterem Voodoozeug besessen, das sie dazu anhält, die Katzen und Hunde nordamerikanischer Nachbarschaften zu fressen. Sie glauben, alle Muslime wünschten Terror. Sie glauben, Demokraten wollten aus Wokeness eine Diktatur errichten. Sie sind wie die Pseudofrommen, die bei republikanischen Events „Christ is King!“ brüllen, aus Bandenlaune. Man ahnt: Sie verübeln Muslimen, Migranten und Woken (oder ihrer Phantasie von all diesen) wohl, dass jene überhaupt irgend etwas glauben. Menschen in zerfallenden ­Sozialzusammenhängen, mit vorgeschobenen Überzeugungen, hassen Leute, die zusammenhalten. Michael B. Jordan, Doppelheld des gegen diesen Hass gerichteten Films „Sinners“, hat sich für seinen Hauptdarstellerpreis unter anderem bei Gott bedankt. Sein Regisseur Coogler hat mit ihm schon einen anderen Film über den Rassismus in den USA gedreht, „Fruitvale Station“ (2013). Das war ein Werk des Realismus. „Sinners“ ist ein Werk der dunklen Phantastik.

Beide handeln nicht von der Wirklichkeit, sondern von etwas, das wichtiger, schlimmer und dringlicher ist: von der Wahrheit, dass diese Wirklichkeit ge­ändert werden muss.

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