Der Herrscher der Tortendiagramme ist zurück. Wirklich weg vom Bildschirm war er nie, schon gar nicht an Wahlabenden und auch nicht im „Presseclub“, aber den Hauptpart im Politfernsehen der ARD hatten andere. Nun tritt Jörg Schönenborn neben Jessy Wellmer und Ingo Zamperoni spätabends für die „Tagesthemen“ vor die Kamera, und dafür gibt es Gründe.
Fuhst geht, Schönenborn kommt
Mit Helge Fuhst hat die ARD gerade den zweiten Chef der Nachrichtenredaktion und Auswechsel-Anchorman an den Springer-Verlag verloren. Springer warb Fuhst mit einem Topjob ab. Er ist seit der vergangenen Woche Chef der „Premium“-Gruppe mit „Welt“, „Politico“ und „Business Insider“. Etwas Vergleichbares konnte der öffentlich-rechtliche Senderverbund ihm nicht bieten.
Dass er es dort nicht bis nach ganz oben schaffen würde, bekam Fuhst im Juni vor zwei Jahren zu spüren, als er sich um das Amt des WDR-Intendanten bewarb. Hinter den Kulissen intrigierten einige gegen ihn, trotzdem verlor er die Wahl gegen Katrin Vernau in der ersten Runde mit einer Stimme nur knapp, in der zweiten dann deutlich.
Der Dritte im Bunde mit wiederum auch nur einer Stimme weniger war – der WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn, der sich im Sender Stufe um Stufe hochgearbeitet hatte. So geben sich bei den „Tagesthemen“ also gerade zwei Möchtegern-Intendanten die Klinke in die Hand, von denen man sagen könnte, dass diese Niederlage für sie verspätet ein Gewinn ist.
Hierarchisch gesehen ist das ein Abstieg
Hierarchisch gesehen ist Schönenborns neuer Job ein Abstieg, mit dem er den umgekehrten Weg des früheren WDR-Intendanten Tom Buhrow geht. Doch darauf kommt es nicht an. Wenn man es wirklich will, ist die Aufgabe, eine Hauptnachrichtensendung zu präsentieren, nämlich die Krönung. Da steht man nun und soll den Zuschauerinnen und Zuschauern erklären, warum die ganze Welt auseinanderfliegt und man trotzdem den Glauben, das Gute werde siegen, nicht verlieren soll. Das drückt sich in der Berufsbezeichnung „Anchorman“ (der selbstverständlich auch eine Frau sein kann) aus.
Dafür ist der unaufgeregte Schönenborn genau der Richtige, und es war eine erstaunlich gute Idee der Intendantinnen und Intendanten, ihn als Nachrichtenvertrauensmann zu fragen. Lange überlegt hat er nicht, wie er der „Süddeutschen“ sagte. Und für einen Journalisten, dessen Lebensziel es nicht ist, Konferenzrekorde aufzustellen, ist es keine Frage, worin der Reiz liegt, die „Tagesthemen“ zu machen.
Da geht es um scheinbar einfache, in Wahrheit schwere Dinge: Fragen so zu formulieren, dass es Erkenntnis gibt, Momente zu schaffen, in denen etwas klar wird, und „Dinge so zu erklären, dass sie nicht müde machen, dass sie nicht Kraft rauben, dass sie nicht hoffnungs- und mutlos machen“. So umschreibt Schönenborn es in der SZ selbst. Gelingt ihm das, erreicht er für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der in einer selbstverschuldeten Glaubwürdigkeitskrise steckt, Terrain. Und für den Journalismus an sich. Soll er mal den Anker werfen.

vor 1 Stunde
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