Theater in Wien: Die Väter sollen verrotten!

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Es ist kein „Puppenheim“ mehr wie in Ibsens „Nora“, es ist ein „Herrenhaus“ bei Sivan Ben Yishai. Schon der Titel macht unmissverständlich klar, was hier mit dem Haus passieren soll: zerstört soll es werden, nach dramatischer Anleitung. Es geht nicht mehr um eine mögliche, Wirklichkeit imaginierende Geschichte von Figuren und ihrer Veränderung, über die sich das Publikum Gedanken machen könnte. In „Nora oder wie man das Herrenhaus kompostiert“ geht es um die Zerschlagung aller bisherigen, männlichen, überkommenen Strukturen. Da muss sich keiner mehr Gedanken machen, da liegt der Subtext an der Oberfläche.

Vor vier Jahren hatte Ben Yishai „Nora: Prolog“ als Teil einer Neuinszenierung für die Münchner Kammerspiele geschrieben, 2023 wurde die Produktion zum Theatertreffen eingeladen. Eine Probensituation, in der sich die Schauspieler über Größe und Geltung ihrer Rollen streiten und die Nebenfiguren ins Rampenlicht gezogen werden, allen voran der Paketbote, der nicht bis zum Schlussapplaus bleiben muss. Das war witzig und funktionierte im Zusammenspiel mit den Folgeteilen. Für die zweite Bearbeitung der „Nora“ bekam die Autorin 2024 den Mülheimer Dramatikpreis, damals in der Inszenierung von Marie Bues. Als Co-Leiterin des Schauspielhauses hat diese das Stück nun nach Wien geholt und Juan Miranda zur Inszenierung übergeben.

Zusammenspiel mit Folgeteilen

Hier wird das, was im „Prolog“ skizziert wird, in dekonstruktiver Dauerschleife durchexerziert. Alle Figuren wollen dringend mehr sein als sie sind. Alle außer Torvald, Noras Ehemann. Der muss nicht mehr sein wollen, der ist ja schon mehr, auch wenn er nichts versteht, er ist schließlich ein privilegierter weißer Mann (Kostümbildnerin Martha Lange hat ihn deshalb auch besonders weiß gekleidet).

In der Gestaltung von Regisseur Miranda und Schauspieler Maximilian Thienen fasst er Frauen an den Hintern oder rammelt das Knie des Paketboten. Nora, klar und konsistent gespielt von Sophia Löffler, beansprucht aus dem Haus heraus – einer Bruchbude aus Plastik, Holz und Metall (für die Bühne verantwortlich zeichnet Elisabet Castells i Negre) – die Hauptrolle. Das Hausmädchen (Iris Becher) ist non-binär, also kein Mädchen, sondern eine geschlechterfluide Person; Christine Linde, mit Sonnenbrille ebenfalls von Iris Becher gespielt, übernimmt die Rolle der erklärenden Autorin; das Kindermädchen (Mareike Wenzel) beklagt sich übers Kindermädchendasein und zieht sich dabei aus, während Kaspar Lochers Paketbote bis zum Schlussapplaus bleiben muss, obwohl seine Gage so unter den Mindestlohn fällt.

Non-binäres Kindermädchen

Sechzig Jahre nach Derridas Erfindung der Dekonstruktion ist von der Offenlegung von Widersprüchen keine Rede mehr. Hier gibt es nur noch: Dekonstruktion um der Dekonstruktion willen, Selbstverweis und Größenwahn, Pubertät auf Dauer und Vernichtung der Erzeuger. Dabei funktioniert das Kompostieren nicht ganz so reibungslos wie gedacht: „Die Leichen unserer Väter wollen einfach nicht verfaulen“. Obwohl sie schon so lange tot sind, werden sie kein „Nährboden“ für Neues. Trotzdem müssen sie weg, muss alles Alte „verfaulen, verwesen“. Ungehemmte Vernichtungssehnsucht bricht sich an diesem Theaterabend Bahn. Am Ende hauen alle wütend auf zwei bühnengroße Luftsäcke ein und bleiben doch, wer sie sind: Rollenträger und Figuren.

Inszenierung und Stück folgen der fehlerhaften Vorstellung, dass die Rolle, das Darstellende, mit der Figur, dem Dargestellten, identisch wäre. Ein dramatischer und theatraler, ein ästhetischer und semantischer Fehlschluss. Denn so verweisen die Figuren auf nichts. Sie beanspruchen die Veränderung von Wirklichkeit, aber das Einzige, was sie verändern, sind ihre Rollen, während sie denken, ihre Bühne wäre die Wirklichkeit.

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