Wer ihn einmal persönlich kennenlernen und mit ihm einen Nachmittag in seiner Villa im Berliner Westen verbringen durfte, wird seine großzügige und charmante Art ebenso wenig vergessen wie seinen scharfen Blick, seine klugen Beobachtungen und seinen Sinn für feine Ironie: Mit Egidio Marzona konnte man über den Einfluss von Carl André auf Architekten ebenso anregend diskutieren wie über die Misere der Museumspolitik, über die Schönheit seines alten Lancia Coupés ebenso wie über die Zukunft des Sammelns. Wenige Kunstsammler waren so umfassend gebildet wie Marzona, der in einem halben Jahrhundert eine der umfangreichsten Sammlungen von Kunst des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat. Kaum jemand prägte wie er gleich zwei deutsche Städte mit seinen Sammlungen.
In Berlin konnte sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – teils per Ankauf, teils als Schenkung – mehr als 600 Kunstwerke und 40.000 Archivalien aus Marzonas Sammlung sichern, darunter Minimal Art, Konzeptkunst und Arte Povera; das Konvolut ist eine der tragenden Säulen der zukünftigen Sammlung des im Bau befindlichen Museums „berlin modern“, der sogenannten Kulturscheune.
Er glaubte an Berlin – und beschenkte Dresden
Dass Marzona mit den oft konzeptlosen Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrer wahllosen Sammlung von Sammlungen in der Vergangenheit nicht immer froh war, führte dazu, dass er 2016 sein Archiv zu den Avantgarden des 20. Jahrhunderts und die dazugehörige Sammlung aus Berlin abzog und dem Freistaat Sachsen schenkte; seit 2024 prägt sein Archiv der Avantgarden (ADA) als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen das Stadtbild Dresdens. Seine Avantgarden machte Marzona aber nicht nur in Berlin und Dresden, sondern auch in der Heimat seines Vaters zum Teil des öffentlichen Lebens: In Villa di Verzegnis im Friaul, woher seine Familie ursprünglich stammt, richtete er ab 1989 einen Skulpturenpark mit Werken von unter anderem Bruce Nauman, Richard Long, Sol LeWitt und Carl André ein.
Dem 1944 in Bielefeld geborenen Italiener Marzona verdanken Berlin wie Dresden viel, wie Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ehemalige Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erklärt, „denn er hat seine Sammlungen nach und nach den jeweiligen Museen übergeben, wo sie wie eine Batterie wirken, die immer wieder neue Narrative und Kontexte ermöglicht“.
Nach der Galerie wurde er Verleger
Marzona hatte zunächst in Bielefeld und Düsseldorf als Galerist gearbeitet und sich in den Siebzigerjahren als Verleger der „Edition Marzona“ einen Namen mit Publikationen zu den Themen Bauhaus, Fotografie, Typographie und Architektur gemacht. Daneben baute er eine beeindruckende Kunstsammlung mit Schwerpunkt auf Minimal Art, Konzeptkunst, Land Art und Arte Povera auf. Parallel dazu entstand ein umfangreiches Archiv aus Briefen, Fotografien, Zeitschriften und Büchern, das Marzonas Interesse am Entstehungsprozess von Kunst spiegelte: Gesammelt wurde nicht nur das fertige Werk, sondern auch alles, was zu ihm führte. Damit schuf Marzona etwas Neues im Feld des Sammelns; sein Archiv erhellte die Avantgarden des 20. Jahrhunderts im Licht philosophischer, ästhetischer und politischer Bewegungen.
Als weltläufigem und liberalem Europäer machte ihm die Verbreitung rechtsextremer Ideologien Sorgen: Mit der „Marzona Stiftung Neue Saalecker Werkstätten“ in Naumburg an der Saale) half er, einen von NS-Ideologie kontaminierten Ort, der zur Pilgerstätte Rechtsradikaler geworden war, zu einem weltoffenen Studienort zu machen.
Die von seiner Stiftung mitgegründete, auch vom Bund und vom Land Sachsen-Anhalt unterstützte „Design Akademie Saaleck“ befindet sich in einem Baukomplex, den der Architekt und Rassenideologe Paul Schultze-Naumburg 1902 entworfen hatte, und widmet sich mit Kongressen und Stipendien der Förderung von internationalen Designern, Handwerkern, Architekten und Künstlern. Das deutsche „Black Mountain College“, das hier entstehen soll, ist eines von vielen wichtigen Projekten, mit denen Egidio Marzona die deutsche Kulturwelt bereichert hat. Wie seine Familie und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz jetzt mitteilen, ist Marzona am vergangenen Sonntag in Berlin gestorben.

vor 2 Stunden
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