Zukunft des „Capa-Hauses“: Genug erinnert

vor 2 Stunden 1

Die Narben, die Bombensplitter und Schrapnell in der Backsteinfassade hinterlassen haben, sind notdürftig verputzt, die Fenster sind zugemauert. Das eingeschossige Gebäude an der Peironcely-Straße 10 im Madrider Arbeiterviertel Vallecas hat nicht nur den Spanischen Bürgerkrieg überlebt – es ist zu einem Symbol dafür geworden: Der ungarische Fotograf Robert Capa hat es unsterblich gemacht. Zwei Mädchen und ein Junge sitzen 1936 nach dem Bombardement vor dem Haus am Straßenrand, eine junge Frau steht in der Türe. Das Foto erschien in der „New York Times“, der „Berliner Illustrierten Zeitung“, in Chile und in China.

Hitler hatte die Flugzeuge der deutschen „Legion Condor“ nach Spanien geschickt, um den Putsch des späteren Diktators Francisco Franco zu unterstützen. Zum ersten Mal wurde Bombenterror über einer Großstadt als Kriegswaffe eingesetzt, dokumentiert von Robert Capa. Doch um das verfallende Haus ist ein internationaler Streit entbrannt. Das International Center of Photography (ICP) in New York, das das Erbe des ungarischen Fotografen verwaltet, hat der Madrider Stadtverwaltung verboten, Capas Namen zu verwenden. Die konservative Partido Popular (PP) will in den Überresten das „Robert-Capa-Kulturexperimentierzentrum“ für sozial benachteiligte Kinder errichten. Capa und der Bürgerkrieg sollen in einem einzigen Raum dort eine Nebenrolle spielen.

Aus der Zeitung von den Plänen erfahren

Das ICP in New York distanziert sich „kategorisch von diesem einseitigen Vorgehen“. Capas Namen gebe es nur für ein Zentrum, wie es die Bürgerinitiative „SalvaPeironcely10“ vorgeschlagen habe. Aber die Stadt schließt die Plattform aus, die seit fast zehn Jahren für die Rettung des Hauses gekämpft hatte: Es wurde unter Denkmalschutz gestellt, die Bewohner in Sozialwohnungen umgesiedelt. In Zusammenarbeit mit Historikern und internationalen Partnern entstand ein Konzept, das Capas Foto neben der Erinnerung an Bomben- und Bürgerkrieg in den Mittelpunkt stellt.

„Wir haben von den Plänen der Stadtverwaltung aus der Zeitung erfahren. Bis heute haben wir keinen Gesprächstermin erhalten“, sagt frustriert der Koordinator der Bürgerplattform, Uría Fernández – als wollte man die „Geschichte auslöschen“ und in einen Raum mit ein paar Fotos verbannen. Die Bürgerinitiative sei nicht dagegen, benachteiligten Kindern zu helfen. Doch dafür seien in Vallecas bessere Alternativstandorte vorhanden, „aber es gibt nur ein Peironcely 10“, sagt Fernández.

Die Inspiration für den Madrider Erinnerungsort kommt aus Deutschland. Bei der Eroberung von Leipzig machte Capa dort 1945 das bekannteste Bild seiner Serie „Last Man to Die“: Ein amerikanischer Soldat liegt in einer Blutlache auf einem Balkon einer Wohnung. Wie in Madrid waren es Bürger, die das baufällige historische Gebäude retteten und verhinderten, dass es Immobilienspekulanten zum Opfer fiel. Das „Capa-Haus“ ist eine der wichtigsten Erinnerungsstätten der Stadt.

„Hohes künstlerisches Niveau“

Leipzig und Vallecas arbeiten bereits zusammen. Man sei „tief beeindruckt vom hohen akademischen und künstlerischen Niveau“ der spanischen Initiative, heißt es in einem Brief aus Leipzig. Das Leipziger Stadtmuseum, das Goethe-Institut und die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützen das Projekt, dazu Forscher amerikanischer und europäischer Universitäten.

Auch die Madrider Kultur- und Sportreferentin Marta Rivera de la Cruz beruft sich auf Capas Foto. Mit der „Rückgabe des Ortes an die Kinder“ erinnere man an dessen Geschichte und „ehre den Geist jenes Bildes“, teilt ihre Sprecherin der F.A.Z. mit. Die Stadt wolle deshalb vor allem Raum für „kulturelle Experimente von Jugendlichen mit Ausgrenzungsrisiko“ bieten. Dafür würden gut eine Million Euro ausgegeben. Wirklich relevant sei nicht die Bezeichnung des neuen Zentrums, sondern dessen gesellschaftliche Funktion. Man habe sich das Projekt der Bürgerinitiative angesehen, müsse aber „auch die Bedürfnisse des Viertels und seiner Bewohner berücksichtigen“. Das Gebäude gehört der Stadt, die linke Vorgängerregierung hatte es erworben.

In Vallecas tut sich wieder der tiefe Graben auf, wenn es um die spanische Vergangenheit geht. Im Rathaus und in der Regionalregierung hat die PP die absolute Mehrheit. Das Land regiert die linke Minderheitsregierung, die Peironcely 10 und die benachbarte Arbeiterkirche auf die offizielle Liste der Orte der „demokratischen Erinnerung“ gesetzt hat. Im S-Bahnhof, der der staatlichen Bahngesellschaft untersteht, gibt es dazu eine große Ausstellung.

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