Ornithologische Illustrationen: Schräge Vögel

vor 2 Stunden 1

Ein seltsames Buch. Muss man sagen. Aber auch ein gutes. Eventuell sogar, und das ist ein etwas peinlicher Verdacht: so seltsam, dass es schon wieder gut ist. Jedenfalls präsentiert Clark Winter in „Birds“ (Steidl Verlag, 35 Euro) Fotos von aufgeschlagenen Bänden, deren Seiten Vögel zeigen. Und zwar gemalte, nicht solche, die mit der Kamera in freier Wildbahn festgehalten wurden. Bei den Illustrationen handelt es sich um Klassiker, die wiederum in Klassikern der ornithologischen Literatur zu finden sind. Nur welche genau? Dazu gibt es keine Angaben. Auch das: seltsam.

Die meisten lassen sich immerhin schnell identifizieren. Da sind etwa die Roten Paradiesvögel des amerikanischen Zoologen Daniel Giraud Elliot (1835 bis 1915), der Löffler des englischen Ornithologen und Botanikers Prideaux John Selby (1788 bis 1867), ebenso dessen Basstölpel – oder Henry Constantine Richters (1821 bis 1902) fies dreinblickende Schneeeule, die einen hübschen Kontrast zu Edward Lears (1812 bis 1888) auf­geschlossen schauendem Exemplar derselben Art bildet. Auf Letzterer liegt der Schatten des über der Seite gehaltenen Handys, was, Sie ahnen es, seltsam ist.

Dramatische Posen waren erwünscht

Und dann der sparsame Text, den man sich im Grunde auch hätte schenken können. Winter schreibt: „This book is a testament to that sense of awe and wonder for the visually unknown. It also pays tribute and recognition to the art of looking at books which convey our respect for knowledge and astonishment.“ Mit „that sense of awe and wonder“ sind jene Reaktionen gemeint, die Naturkundler etwa zu Zeiten Darwins aus­gelöst haben, wenn sie von langen Reisen heimgekommen sind und ihre Beute (Federn und Pflanzen) präsentierten. Warum zeigt man dann nicht einfach nur frontal die Farbtafeln? Und was ist eigentlich „the art of looking at books“? Bücher in einem Buch zu betrachten? Zwei Königsfasane von Joseph Smit (1836 bis 1929) so schräg zu fotografieren, dass sie nur verzerrt zu erkennen sind?

Edward Lears Schneeeulen, 1832 bis 1837Edward Lears Schneeeulen, 1832 bis 1837Clark Winter/Steidl

Erstaunlich ist, was es in längst vertrauten Kunstwerken noch zu entdecken gibt. Mit welcher Sorgfalt Daniel Giraud Elliot die Schwingen eines Swinhoefasans ausarbeitet und Mantel wie Bürzel konturiert, das macht Winter mit seinen Fotos deutlich, weil sie das Augenmerk auf Dinge lenken, die sonst eher übersehen werden. Hier eine Nahaufnahme, dort ein steiler Kamerawinkel. Es ging vielen Vogel-Illustratoren vergangener Jahrhunderte um dramatische Posen (John James Audubon!), allerdings ebenso um Exaktheit. Und wie exakt ein Bild ausfällt, lässt sich heute leichter als je zuvor mit ein paar Klicks überprüfen. Wer die Probe aufs Exempel macht und John Goulds (1804 bis 1881) fütternden Papageitaucher betrachtet, wird verblüfft sein angesichts seiner Fähigkeit, den „Giss“ beziehungsweise „Jizz“ einigermaßen zu erfassen.

Über die Herkunft dieses Begriffs wird gestritten. Die einen behaupten einen militärischen Ursprung: Piloten im Zweiten Weltkrieg hätten schnell erkennen müssen, ob ein Flugobjekt eine Gefahr darstellt, und zwar anhand des „Giss“, der „general impression of size and shape“. Man registriert Form, Größe, das Verhältnis der Teile zueinander und bekommt so einen brauchbaren Gesamteindruck. Eine weitere Theorie besagt, „Giss“ gehe auf das deutsche Wort „Gestalt“ zurück und meine den Habitus des Vogels.

Trifft ein Zeichner den „Giss“ nicht, kann er noch so perfekt die Farben wiedergeben – die Darstellung bleibt ungenau. Künstler früherer Jahrhunderte können mit heutigen Vogel-Illustratoren wie Szabolcs Kókay, Killian Mullarney, Dan Zetterström oder David Sibley nicht mithalten. Aber wie gut sie schon waren, das lässt sich mit Clark Winter studieren.

Gesamten Artikel lesen