Deutsch-Polnische Kontroversen: Ein unerträgliches Freund-Feind-Denken

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Im November letzten Jahres hat die Gedenkstätte Topographie des Terrors in Berlin kurzfristig eine Buchpräsentation abgesagt, die sie gemeinsam mit dem Deutsch-Polnischen Haus veranstalten wollte. Vorangegangen war eine Intervention des polnischen Botschafters, der sich das Auswärtige Amt und der Koordinator für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit anschlossen. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang, der mit den damals unmittelbar bevorstehenden deutsch-polnischen Regierungskonsultationen begründet wurde: Man wolle diese nicht vorab belasten.

Präsentiert werden sollte die 2024 erschienene, 1100 Seiten lange Habilitationsschrift des an der Freien Universität Berlin lehrenden Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über das Verhalten polnischer Bürgermeister während des Holocaust. Sie hatte in Polen bereits für einige Aufregung gesorgt und war vom staatlichen Institut des Nationalen Gedenkens mit einer 47 Seiten langen vernichtenden Rezension bedacht worden. Auf Druck einer nationalistischen Stiftung protestierte daraufhin auch die Polnische Akademie der Wissenschaften in einem offenen Brief gegen das Buch.

Gründliche Quellenarbeit ist eine Provokation

Rossoliński-Liebe hat eine umfassende, seriöse, aus den Quellen geschöpfte Arbeit vorgelegt, die in ihren weitreichenden, den eigenen empirischen Befunden teilweise allerdings widersprechenden Thesen eine starke Verantwortung polnischer Bürgermeister im und für den Holocaust postuliert. Für die polnische Rechte ist das eine Provokation. Man darf getrost unterstellen, dass die allerwenigsten Protestierenden das Buch gelesen haben.

Dass der polnische Botschafter einen Skandal in der Publikation erkennen will und gemeinsam mit der deutschen Regierung Druck auf die Wissenschaft ausgeübt hat, zeigt, wie sehr historische Debatten in Polen inzwischen von rechts dominiert werden. Die Opposition insbesondere der PiS verfolgt eine nationalkonservative Geschichtspolitik, der die Regierung nichts entgegenstellen will oder kann. Schon im Herbst war Krzysztof Ruchniewicz, der polnische Deutschlandkoordinator und Direktor des Pilecki-Instituts, zum Opfer dieser (fehlenden) Haltung geworden.

Die Niederlassung des Pilecki-Instituts in BerlinDie Niederlassung des Pilecki-Instituts in BerlinMarcin Bielecki/PAP

Er hatte eine wissenschaftliche Debatte über Kunstrestitution angeregt und wollte unter anderem über Bestände deutscher Provenienz in Polen sprechen. Die PiS-nahe Berliner Pilecki-Dependance unter Hanna Radziejowska fand schon die Idee allein anstößig und informierte die konservative Presse. Über Nacht wurde Ruchniewicz vom polnischen Außenminister als Deutschlandbeauftragter abberufen, er blieb aber zunächst Pilecki-Chef und sorgte für die Ablösung von Radziejowska und ihrem Stellvertreter. Doch es dauerte nicht lange, bis Warschau auch diese Entscheidung revidierte, Ruchniewicz entfernte und die demissionierte Berliner Direktion erneut installierte. All das begleitet von öffentlichen Kampagnen dies- und jenseits der Oder.

In Interviews wird nach Unterschriften gefragt

Für viele polnische Kollegen stellt die aktuelle Dominanz nationalistischer Geschichtsnarrative eine existenzielle Bedrohung ihrer Forschungsfreiheit dar. Die „falschen“ Befunde können zu massiven Anfeindungen und regelrechten Kampagnen führen, was wiederum nicht bewilligte Anträge oder gar nicht verlängerte Anstellungsverhältnisse zur Folge hat. Der Druck, entsprechende Aufrufe zu unterschreiben, ist groß – auch auf der anderen, der polnischen nationalistischen Sichtweise kritisch gegenüberstehenden Seite, die genauso Solidarität einfordert. Der polnische Deutschlandforscher Robert Traba berichtet, dass er sich in Interviews dafür rechtfertigen musste, nicht gegen Ros­soliński-Liebe unterzeichnet zu haben.

Am 21. Dezember publizierte die „Jüdische Allgemeine“ einen Gastbeitrag des in Kanada lehrenden, aus Polen stammenden Holocaustforschers Jan Grabowski, der schon in der Überschrift die deutschen Holocaust-Historiker ansprach: „Liebe Kol­leginnen und Kollegen, warum schweigt ihr?“ Nun ist es in der Tat ein Skandal, dass deutsche und polnische Politiker sich in die Programmplanung von Institutionen wie der Topographie des Terrors einmischen und gegen eine wissenschaftliche Buchpräsentation intervenieren. Ge­gen derartige Eingriffe seitens der Poli­tik in unsere Arbeit möchten auch wir als deutsche Holocaust-Historiker uns mit Nachdruck wenden.

Allerdings scheint es uns wenig zielführend, einen weiteren Protestaufruf in den sozialen Medien zu starten, ohne zumindest nachzufragen, was passiert ist, und damit jede Möglichkeit der Kommunikation von vornherein zu verstellen. Zunächst muss festgehalten werden: Die Buchpräsentation wurde nicht für alle Zeit abgesagt, sondern nach Angaben des Veranstalters auf einen späteren Termin verschoben. Der Sachverhalt ist mehr als unglücklich, aber keine Zensur. Ohnehin konnte Rossoliński-Liebe, der seit Jahren behauptet, in Deutschland seien seine Forschungen uner­wünscht, da zu kritisch, seine Publikation schon mehrfach vorstellen, unter anderem an einem so prominenten Ort wie dem Haus der Wannsee-Konferenz. Und für die Arbeit an seinem Buch hatte er ein Stipendium am Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München. In Deutschland jedenfalls werden seine Forschungen und seine Unterrichtung des Publikums darüber also nicht systematisch behindert.

Im Haus der Wannsee-Konferenz war Grzegorz Rossoliński-Liebe willkommen.Im Haus der Wannsee-Konferenz war Grzegorz Rossoliński-Liebe willkommen.Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Tatsächlich geht es aber nicht nur um dieses eine Buch und diese eine Veranstaltung. Grabowskis Forderung an die deutschen Kollegen, nicht die erste Botschaft dieser Art von diesem Absender, deutet auf viel tiefer liegende Konflikte, auf ein unerträgliches Lager- beziehungsweise Freund-Feind-Denken. Immer wieder sollen Zeithistoriker sich die Frage stellen, mit wem „man“ eigentlich noch kooperieren darf. Wer sich nicht mit offenen Briefen oder öffentlich geäußerter Empörung umgehend zu Wort meldet, wird rasch in die gegnerische Schublade gesteckt, aus der er oder sie dann nicht mehr so einfach herauskommt. Dies ist ein Phänomen, das wir im wissenschaftlichen Bereich auch abseits des deutsch-polnischen Falls beobachten. Die Dauer-Empörung macht es mitunter nahezu unmöglich, über Inhalte zu reden und auszuhalten, unterschiedlicher Meinung zu sein.

Erforschen deutsche Historiker nur deutsche Täter?

So werfen Jan Grabowski und Grzegorz Rossoliński-Liebe der deutschen Holocaust-Forschung seit mehreren Jahren mit anklagendem Gestus vor, dass diese die deutschen Täter zu sehr in den Mittelpunkt stelle. Und tatsächlich wird hierzulande intensiv zu deutschen Verbrechen geforscht. Wie auch nicht? Aber längst ja nicht nur dazu. Die Unterzeichnenden haben in den letzten Jahren beispielsweise jüdische Reaktionen auf Verfolgung und Vernichtung, Ghettos im besetzten Osteuropa oder den Judenmord im besetzten Polen untersucht. Andere deutsche Historiker beschäftigten sich auch mit nichtdeutschen Tätern, Christoph Dieckmanns herausragende Arbeit zu Litauen sei hier stellvertretend genannt.

Völlig klar ist allerdings: Wenn deutsche Historiker sich mit deutschen Tätern beschäftigen, machen sie dies nicht, weil sie, wie Rossoliński-Liebe unlängst einer Zeitung sagte, so „stolz“ auf deren Alleinverantwortung für den Holocaust sind. Doch leider ist es angesichts von Geschichtsvergessenheit und offenem Revisionismus keineswegs obsolet, immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es ohne den Nationalsozialismus, ohne den vom Deutschen Reich begonnen Zweiten Weltkrieg und die von Deutschen begonnene Vernichtungspolitik diesen Völkermord nicht gegeben hätte. Der Holocaust wurde von Deutschland aus in Gang gesetzt. Wenn das geklärt ist, können wir über die große Mitschuld vieler anderer, über Antisemitismus in Europa und daraus resultierende Gewalt, über all die verschiedenen Reaktionen der Gesellschaften während des Judenmords reden und forschen.

Das tun die Unterzeichnenden im Dialog mit den Forschenden aus diesen Ländern, beispielsweise, indem wir ihre Arbeiten mit Gastaufenthalten fördern, ihre Arbeiten übersetzen oder sie in Workshops und Konferenzen miteinander in Verbindung bringen. Dort – und nicht über Social Media und öffentliche Kampagnen – diskutieren wir gemeinsam die schwierigen Fragen von Mittäterschaft und unterschiedlichen Verhaltensweisen lokaler Bevölkerungen im Holocaust. Nicht zuletzt ist es damit möglich, auch nationale Tabus zu brechen und der uninformierten Empörung zuvorzukommen, die gerade solche Forschungen unterbinden möchte.

In den meisten Fällen ist es übrigens so, dass Forschungen zu Tätern unterschiedlicher Nationalitäten vor allem in den jeweiligen Ländern oder Nachfolgestaaten durchgeführt werden. Warum sollte dies ausgerechnet in Deutschland ganz anders sein? Ein öffentliches Insistieren auf der Thematisierung polnischer Kollaboration wäre etwas, das die Rechtsextremen in unserem eigenen Land nur zu gerne hören würden. Die AfD fordert es für das geplante Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und europäische Besatzung im Zweiten Weltkrieg“. Doch wir sollten auf den historischen Fakten bestehen, anstatt uns zum Lehrmeister unserer Nachbarn aufzuschwingen. Mit ihnen müssen wir über die Interpretation des gemeinsamen Wissens diskutieren und dafür überhaupt erst einmal ins Gespräch kommen. Der freie Austausch ist ein hohes Privileg, das wir uns nicht durch Lagerdenken und Protestkampagnen zerstören lassen dürfen.

Stephan Lehnstaedt ist Professor für Holocaust-Studien an der Touro University Berlin.

Andrea Löw leitet das Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München.

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