Als im Jahr 1970 eine Studie von Karl Riha erschien, staunte die germanistische Fachwelt nicht schlecht. Im Jahr zuvor war der 1935 als Sohn einer deutschböhmischen Familie Geborene und nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihr Vertriebene von dem an der Freien Universität Berlin lehrenden Walter Höllerer zu dessen Assistenten gemacht worden, nachdem Riha in Frankfurt am Main zum Thema der Großstadtdarstellungen in der deutschen Literatur promoviert worden war. Und dann erschien noch vor der Dissertation als erstes Buch des jungen Wissenschaftlers „zok roarr wumm“, eine Abhandlung, so der Untertitel, „zur Geschichte der Comics-Literatur“.
Allein die Tatsache, dass Riha damals den Begriff „Literatur“ für Comics verwandte, war revolutionär. Niemand außer dem von Riha denn auch gleich zu Beginn zitierten österreichischen Avantgarde-Schriftsteller H. C. Artmann hatte das im deutschen Sprachraum zuvor getan. Aber Riha erkannte den Einfluss der Sprechblasentexte auf damals hochaktuelle Dichter wie Ernst Jandl, Rolf Dieter Brinkmann, Paul-Gerhard (später Hadayatullah) Hübsch oder eben Artmann und leistete Verständnishilfe zu deren Rezeption, indem er einen ausführlichen Abriss zur Comic-Geschichte schrieb und diesem noch fast hundert Beispielseiten aus Comics folgen ließ. Erst im Jahr danach, 1971, erschien dann Wolfgang J. Fuchs’ und Reinhold Reitbergers „Comics – Anatomie eines Massenmediums“, das gemeinhin als Beginn der deutschsprachigen Comicforschung gilt.
Wie er Kitty in die Killerfalle schickte
Rihas Neugier und Vermittlungsfreude waren ungewöhnlich; er nutzte seine akademischen Möglichkeiten zur Popularisierung, nicht zur Spezialisierung. Als er 1975 als Professor für Literaturwissenschaft an die erst kurz zuvor als „Reformuniversität“ gegründete Gesamthochschule Siegen berufen wurde, ging es erst richtig los. Er wirkte an Funkkollegs zum Thema Literatur mit, stellte ein Lesebuch zur Geschichte der Ballonfahrt zusammen und ließ seiner Liebe zur Avantgarde-Dichtung in zahlreichen Publikationen freien Lauf. Das waren dann meist Aufsätze, denn Riha hatte nicht die Absicht, zugunsten von Monographien seine Interessenvielfalt einzuschränken. Seine letzten Fachbücher erschienen denn auch schon 1994, satte sechs Jahre vor der Emeritierung: in der Suhrkamp-Wissenschaftsreihe der Band „Moderne, Prämoderne, Postmoderne“ und bei Reclam eine Geschichte der Dada-Bewegung in Berlin.
Karl Riha im Jahr 1991Picture AllianceAber das waren nicht die letzten Buchpublikationen von Karl Riha, denn der war auch selbst literarisch aktiv: als Dichter. Beginnend mit der Textsammlung „Nicht alle Fische sind Vögel“ (1981) kamen bis 1999, als zum Abschluss „Ich in einem Stück“ erschien, noch ein halbes Dutzend weitere meist gemischte Gedicht- und Prosabände heraus; am bekanntesten darunter dürfte das schon des Titels wegen beachtliche Buch „Kitty in der Killerfalle“ von 1990 sein. Rihas bedeutendste Auszeichnung als Autor war dann auch keine akademische, sondern 1996 der renommierte Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, den im Jahr vor und nach ihm solche Größen wie Hanns Dieter Hüsch und Max Goldt zugesprochen bekamen.
Das Potential der akademischen Subversion
Eine Probe auf die literarische Produktion von Riha sei hier gegeben, ein Sonett, ebenso wortspielerisch wie geistvoll:
so weit so gut so zart so nett
so viel so kurz so stein so brett
so voll so leer so schwarz so breit
so still so klar so fluß so zeit
so rat so tat so weiß so heiß
so hart so spitz so preis so fleiß
so spiel so ball so ziel so grell
so kopf so zahl so sinn so hell
so fort so dann so bald so schall
so hieb so stich so spalt so prall
so zier so starr so form so streng
so blut so blitz so ritz so knall
so hall so bild so fuß so fall
so reim so leim so kunst so eng
1970 hatte er in seinem Buch über Comics zustimmend aus einem Ausstellungskatalog zitiert: „Erst im Agitations-Comic, der dem kommerziellen Comic die Stilmittel entlehnt, um sie gegen ihn zu verwenden, vollzieht sich der historische Auftrag des Kommunikationsmediums Comic Strip.“ Analog dazu begriff Riha seine akademischen Möglichkeiten als Subversion des tradierten Wissenschaftsbetriebs – mit der scheinparadoxen Folge, dass er in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine große Zahl von Schülern hatte, weil seine Herangehensweise der gesellschaftliche Aufladung der Literaturwissenschaft entsprach und dabei auch noch Spaß machte – durch Rihas Originalität. Er selbst blieb zeitlebens ein wacher Geist, der genau verfolgte, wie sich die von ihm angestoßenen Entwicklungen verästelten – unvergesslich manche Zuschrift, die man von ihm bekam, wenn in der F.A.Z. (für die er selbst als Autor viel tätig war) wieder einmal über Comics berichtet wurde.
So kam auch die Erstausgabe von „zok roarr wumm“ in den Besitz des Unterzeichnenden, von Riha übersandt und gewidmet auf unnachahmlich kluge Art – mit einer Sprechblase, die aber leer blieb, weil der eigentliche Widmungstext danebenstand: „1 x Zok, 2 x Roarr, 3 x Wumm“. Denn Riha wusste, dass solche Lautmalereien nicht in Sprechblasen gehören: Dort findet, wie er als einer der Ersten erkannt hatte, Literatur statt. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Karl Riha am 10. Januar im Alter von neunzig Jahren in Siegen gestorben.

vor 2 Stunden
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