Theater in Berlin: Wenn das Leben seinen Ausstand feiert

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Das Leben, so heißt es an diesem gedankenspielerischen Abend einmal, sei wie ein Buch, bei dem man Anfang und Ende nicht kennt. Wie soll man da das Ganze wirklich verstehen? Wenn man die ersten und letzten Seiten nicht lesen kann, wie soll man wissen, woher und wohin alles geht?

Eine todkranke Tochter will von ihrem alten Vater wissen, wie sie war, als sie auf die Welt kam. Was hat sie als Erstes gesagt, wie ist sie am Anfang gelaufen, wie sah ihr erster Gesichtsausdruck aus? Jetzt, wo der Tod kommt, der Körper aufgibt, die Angst übernimmt, sehnt sich ihr Geist nach Ordnung und Übersicht. Nach ein bisschen Trost durch ein bisschen Zusammenhang. Aber der Vater will ihr nichts erzählen: „Du warst vor allem Gewalt“, sagt er und berichtet von Blutlachen bei der Geburt und Schreikrämpfen in den ersten Monaten. „Durch und durch Gewalt“, sagt der Vater und fügt leise hinzu: „Vielleicht geht das auch nicht anders.“

Lebensjahre, die durch Holz gegangen sind

Das Leben, erzählt als eine Aneinanderreihung von gewalttätigen Akten. Abschiede, Trennungen, Demütigungen, Misserfolge, Enttäuschungen, Krankheiten. Aber will man, kurz bevor das Herz aufhört zu schlagen, so auf das Gewesene zurückschauen? Die Frau, die der Tod schon duzt und der die Beine den Dienst versagen, hievt sich auf die Zinken eines Gabelstaplers, wo quer liegende Bretter eine kleine Fläche bilden, von der aus sie die Welt ein klein wenig ruhiger betrachten kann. Sie sitzt viel auf dieser Fläche und schaut in den Himmel. Hinten hat sie eine Wand aus Kiefernholz aufbauen lassen – wenn die Natur nicht zu ihr kommt, dann holt sie sie eben zu sich. Und denkt daran, wie viele Lebensjahre durch dieses Holz gegangen sind, wie viel Zeit sich hier verewigt hat.

Die Zeit, die bleibt – um viel mehr beziehungsweise weniger geht es nicht an diesem neuen Theaterabend von Thorsten Lensing, der unter der Überschrift „Tanzende Idioten“ gerade das Westberliner Kulturpublikum anzieht. Denn Idioten, das sind wir alle – bekanntlich bezeichnet das Wort ursprünglich schlicht eine „Privatperson“, also jemanden, der sich nicht um die öffentlichen, sondern nur um die intimen Dinge kümmert. Diesem Urklang folgend, sieht der Abend konsequent von allen politischen Tagesthemen ab, nicht einmal eine ironische Anspielung oder eine vielsagende Pause ist ihm das Zeitgeschehen wert. Stattdessen dreht sich alles um den Ausstand eines schwächer werdenden Lebens.

 Sebastian Blomberg und Ursina LardiDer distinguierte Kater und die todkranke Herrin: Sebastian Blomberg und Ursina LardiArmin Samilovic

Lensing, der seit Mitte der Neunzigerjahre freie Produktionen mit einem festen Stamm an spielstarken Schauspielern initiiert, schreibt die Texte für seine Abende mittlerweile selbst. 2022 hatte die versponnen-schöne Geschwister-Farce „Verrückt nach Trost“ bei den Salzburger Festspielen Premiere und ging auf Tour, nun, dreieinhalb Jahre später gibt es die Fortsetzung. Außer Devid Striesow sind wieder die altbekannten Gesichter dabei: Ursina Lardi, Sebastian Blomberg, André Jung. Und auch die Rollen ähneln sich. Nur dass es diesmal Raumfahrer statt Tiefseetaucher sind, die den metaphorischen Rollenumhang für die letzten Fragen bieten. Eine wunderbare Sequenz zwischen Lardi und Blomberg, in der Blomberg als Neil-Armstrong-Double versucht, in welträumlicher Atmosphäre eine Handkamera zu bedienen, und darüber einen Nervenzusammenbruch bekommt. Durchsetzt von Originalzitaten der NASA-Apollo-Missionen bricht aus ihm eine Suada gegen die eigene Technik-Dummheit heraus.

Diesmal keine Schildkröte

Man lacht hier auch deshalb so gelöst, weil endlich Worte aus Blombergs Mund kommen. Die meiste Zeit des Abends ist er nämlich stumm. Zuckt nur mit den Augenbrauen oder stellt den Kopf schräg, bleckt oder flehmt, kneift die Augen zusammen oder leckt sich über die Schnurrbarthaare: Blomberg spielt dieses Mal keine Schildkröte, sondern einen Kater – und wie er das tut: mit größter Imitations-Präzision, delikat distinguiert und vor allem leidenschaftlich gern beleidigt. Blomberg verleiht seinem Körper die Anmutung eines eingebildeten Pfotentiers, das genau weiß, wie schön und wichtig es ist. Als engster Vertrauter seiner todkranken Herrin ist dieser Kater nicht nur Haustier, sondern Schicksalszeichen. Nicht weil er schwarz ist und von der falschen Seite kommt, sondern weil er das Herz seiner Herrin höher schlagen lässt.

 Szene aus „Tanzende Idioten“In der Sauna schwitzen sie sich die Verzweiflung vom Leib: Szene aus „Tanzende Idioten“Armin Samilovic

Schon im alten Ägypten gingen die Menschen davon aus, dass Katzen sie vor Tod und Verderben bewahren. Im Mythos tötet die Sonnenkatze des Re die Schlange Apophis und verhindert so den Untergang der Welt. Die Katze ist ein Grenzwesen, ein sogenanntes „Schwellentier“. Und als solches legt Blomberg seinen Kater an – wenn es einen Sonderpreis für herausragende Tierdarstellungen gäbe, hierfür müsste er ihn bekommen.

Ursina Lardi hingegen überzeugt mit einem ruhigen, von ernster Haltlosigkeit durchdrungenen Spiel. Die Krankheit, die ihr in die Glieder gefahren ist, kann ihr die Lebenslust nicht nehmen. Sie bleibt bis zum letzten Atemzug eine Frau, die nicht sterben will. Die ihre Tage mit großer Unbedingtheit durchlebt, der jeder Streit, jede Traurigkeit immer auch eine Probe ihrer eigenen Empfindungskraft ist. Wie in das Holz soll die Zeit in ihr Herz einziehen, sich dort verewigen, damit niemand später je auf die Idee kommt, es habe umsonst geschlagen.

Ein Abend, der mit pragmatischer Poesie auf die Einsamkeit einer Sterbenden schaut. Der unter Vorspiegelung harmloser Harmonietatsachen die größte Gewalttat behandelt: den Abschied vom Leben. Am Ende bricht darüber sogar der stumme Kater sein Schweigen: „Wo bleibst du nur?“ maunzt er und horcht noch lang in die Stille hinein.

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