Neue Musik bei Ultraschall: Sex mit Hitler – ein Traum

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Von Adolf Hitler begehrt, berührt, geküsst zu werden, mit „dem Führer“ zu schlafen, den Höhepunkt der körperlichen Vereinigung zu erleben – das war für manche deutsche Frau im Nationalsozialismus ein Traum. Als Albtraum hat die Journalistin Charlotte Beradt solch einen Fall in ihrem Buch „Das Dritte Reich des Traums“ dokumentiert. Von 1933 an mit Arbeitsverbot belegt, sammelte sie bis zu ihrer Emigration nach Großbritannien im Jahr 1939 Traumprotokolle deutscher Bürger, die sie 1966 als Buch herausbrachte. In den als Tonbandprotokoll ­dokumentierten Gesprächen mit Alice Schwarzer hatte auch Romy Schneider behauptet, ihre Mutter Magda Schneider habe sich angeboten, mit Hitler zu schlafen, oder dies sogar getan. Das mag ihrerseits die politische Abrechnungsphantasie einer durch die Achtundsechzigerbewegung stimulierten jungen Frau gewesen sein, aber tatsächlich war Magda Schneider Hitlers Gast auf dem Obersalzberg gewesen.

Bei Ultraschall, dem gemeinsam von Deutschlandfunk Kultur und Radio 3 des RBB getragenen Festival für neue Musik in Berlin, hat nun der dänische Tenor, Performancekünstler und Komponist Mathias Monrad Møller das Traumprotokoll Beradts aufgegriffen. In seinem Stück „History is a nightmare from which I am trying to awake“ kombiniert er die erträumte weibliche Intimität mit Hitler im Kino mit Dialogen aus dem Pornofilm „Ilsa – She-Wolf of the SS“ aus dem Jahr 1975. Diese SS-Wölfin Ilsa macht in einem deutschen Kriegsgefangenenlager inhaftierte Soldaten der Alliierten zu Sexsklaven und lässt sie kas­trieren, wenn sie sie nicht befriedigen konnten – eine reaktionäre Männerphantasie über einen „Feminazi“, so kommentiert Monrad Møller den Film. Schon der Film war nur ein spätes Echo auf das Genre des „Stalag fiction“, pornographischer Literatur über deutsche Dominas in NS-Lagern, die sich unter israelischen Jungs zu Beginn der Sechzigerjahre großer Beliebtheit erfreute, bis sie von der Zensur verboten wurde. Es hat nicht nur, wie Eichendorff dichtete, die Lust eigenes Grauen, sondern auch das Grauen eigene Lust.

Frauenphantasien ergänzen Männerphantasien

Monrad Møller ergänzt nun durch sein Werk das, was Klaus Theweleit in seinem Buch „Männerphantasien“ beschrieben hat, um eine weibliche Per­spektive. Die Pop-Sounds, die Sebastian Berweck auf dem Keyboard abruft, dazu die Textcollage von Monrad Møller, durchsetzt von nonverbalen Lauten weiblicher Lust, beschreiben sexuelle Faszination durch den Nationalsozialismus, ohne ihr zu erliegen. Das ist die Leistung der Kunst. In diesem Fall nimmt sie Bertolt Brechts Lehrvers „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ das Metaphorische und konkretisiert ihn wieder körperlich.

Es geht hier um eine Archäologie kollektiver Sexualität und um eine musikalische Psychoanalyse unserer Vergangenheitsbewältigung. „Ich träume, obwohl es verboten ist zu träumen“, singt Monrad Møller wie in einem Refrain politisch unkorrekter Geilheit. Diktatorische Macht – wir denken an Putins Pferderitte mit nacktem Oberkörper – inszeniert sich bis heute mit den Attributen sexueller Potenz. Die Spermafontänen vor den Gesichtern blonder und blauäugiger Knaben und Männer auf den Bildern von Norbert Bisky kokettierten jahrelang mit der Nähe zwischen totalitärer Ästhetik und Homosexualität, die der Künstler nörgelnd zurückwies mit dem Satz „Ich hab mit dem Nazi-Scheiß nichts zu tun“.

 Mathias Monrad Møller (links) und Sebastian Berweck im Dickicht der LiebePsychoanalyse unserer Vergangenheitsbewältigung: Mathias Monrad Møller (links) und Sebastian Berweck im Dickicht der LiebeRBB/Stefan Stahnke

Doch die political queerness, die Monrad Møller in seinem Stück analysiert, hat eine ganz andere Dimension: Sie spricht auch die politische Reizsteigerung durch Verbote an. Je mehr in Dokumentationen und Erzählungen der Nationalsozialismus als ästhetisches und politisches Phänomen dämonisiert wird, je stärker seine Faszination weggesperrt und der Vergleich anderer Phänomene mit ihm sanktioniert wird, desto größer wird seine Anziehungskraft. Dem intellektuellen Kitzel des NS-Vergleichs erlag manche politische Karriere. Und auch gegenwärtig erleben wir, wie die Brandmauer die AfD nur sexier macht und jedes Verbotsbegehren der anderen Parteien die Umfrage- und Wahlergebnisse für deren Gegnerin in die Höhe schnellen, gewissermaßen demoskopisch erigieren lässt. Insofern ist Monrad Møllers „History is a nightmare from which I am trying to awake“ eines der politisch brisantesten Kunstwerke unserer Tage.

Auslöschung von Stimme und Person

Überhaupt gehört der Abend „Alt/voice (Thickets of Love)“ im Berliner Radialsystem zu den besten bei Ultraschall. Die Stücke von Simon Steen-Andersen, Søs Gunver Ryberg und Ying Wang demonstrieren die digitale Überschreibung der menschlichen Stimme durch die im Pop viel genutzten Technologien des Autotunings (Anpassung der Stimmintonation an die jeweilige Tonart) oder des Glitch (bewusster Einsatz technischer Pannen als Stilmittel). Am Ende steht die völlige Trennung von Stimme und Körper und damit die Zerstörung körperlich beglaubigten Ausdrucks: Er wird zu einem rein technischen Produkt. Die radikalste Provokation dieses Abends dürften die „Verstreuten Lieder“ von Luxa M. Schüttler sein: Hier spielt Monrad Møller noch die originalen Klavierbegleitungen zu Franz Schuberts „Der Doppelgänger“ und Robert Schumanns „Zwielicht“. Stimme und Text werden aber von Sebastian Berweck über das Simulationsprogramm Schubot technisch abgerufen. Die romantische Erfahrung der Persönlichkeitsspaltung ist technologisch bis zur Auslöschung getrieben worden.

Was der Einzug Künstlicher Intelligenz sowohl für die Kunst als auch für den Menschen bedeutet, spielte an anderen Abenden eine Rolle: Belenish-Moreno Gil und Oscar Escudero prophezeien in ihrem Stück „No here“ für das Ensemble Mosaik eine dadaistische Zerkrümelung von Sinn; Amen Feizabadi sagt in seiner Höroper „Deep Siesta“ für das Zafraan Ensemble die Zerstörung des richtungsfreien Lernens, der Freundschaft, am Ende gar des menschlichen Lebens voraus.

Dass die Kunst unter dem Minderwertigkeitskomplex leidet, sich selbst nicht wichtig genug zu finden, und sich daher in der Kunst übt, sich politisch wichtig zu machen, konnte man auch hier wieder beobachten. Im Fall des katalanischen Komponisten Hèctor Parra ist das absolut unnötig und fast tragisch. Wenn er sein Werk von der Last, politische ­Artigkeiten zu apportieren und wissenschaftliche Rechtfertigungen mitzuschleppen, befreien würde, könnte seine immense kompositorische Begabung, seine ebenso intuitive wie historisch kenntnisreiche Musikalität besser zutagetreten. Sein Stück „Cell (Arch of Hysteria)“, von Michael Wendeberg mit stupender Virtuosität und furchtloser Zielsicherheit gespielt, gehört zu den derzeit besten Stücken moderner Klaviermusik in seiner Verbindung aus Analyse von Nachhallphänomenen und athletischer Toccatentechnik.

Mit Brett Deans „Nocturnes an Night Rides“ bewiesen das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und die sympathisch gelassene, aber präzise Dirigentin Giedrė Šlekytė, dass die Tradition sinnlich fesselnden und formal souveränen Komponierens für Orchester noch nicht abgerissen ist, inmitten von viel dilettantischem Stammeln und infantilen Filmmusikspäßen.

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