Bei all den schnellen, lauten, technisch raffinierten, stets die Finger auf den Saiten und die Fußspitzen auf einer ganzen Batterie elektronischer Effektpedale bewegenden, immer nach neuen Spielgeräten mit Doppel-, Dreifach- und Kopfloshälsen oder auch anderen extremen Modifikationen Ausschau haltenden Freaks wird selbst im Jazz bisweilen vergessen, was für ein intimes, leises, in sich ruhendes Instrument für Kammermusik die Gitarre doch eigentlich ist. Ralph Towner erinnerte daran gleich mit seiner ersten Solo-Einspielung „Diary“ aus dem Jahr 1973, auf der er vor allem klassische Gitarre spielte und die mit Stücken wie „Icarus“ oder „Silence of a Candle“ in dieser Hinsicht Maßstäbe gesetzt hat.
Das akustische Terrain hat er im Grunde fünfzig Jahre lang nicht verlassen, aber auch sonst war der freundliche Künstler aus dem nordwestlichsten Zipfel der Vereinigten Staaten ein atypischer Jazzmusiker, der früh schon Trompete und Klavier zu spielen begann, in Oregon erst Komposition studierte, bevor er im Alter von zweiundzwanzig Jahren die Gitarre für sich entdeckte und noch einmal in Wien bei Karl Scheit eine klassische Ausbildung begann.
Entscheidende Begegnung mit Manfred Eicher
Danach ging er nach New York, arbeitete vorwiegend als Jazzpianist und gründete schließlich mit dem Bassisten Glenn Moore, dem Oboe- und Bassklarinette spielenden Paul McCandless und dem Perkussionisten Colin Walcott die Gruppe „Oregon“, die zu den einflussreichsten Bands zwischen Jazz, west-östlichen Klangwelten und Neuer Improvisationsmusik bis weit in das neue Jahrtausend gehörte.

Als entscheidend für seine musikalische Karriere hat Ralph Towner die Begegnung mit dem Produzenten Manfred Eicher in den frühen Siebzigerjahren bezeichnet, dessen Label ECM zwar erst am Anfang stand, der aber mit seiner akribischen Aufnahmetechnik, seinem Qualitätsanspruch und seiner subtilen Klangästhetik bereits die Jazzszene New Yorks aufhorchen ließ. Towner wurde mit „Oregon“, als Solist und in variabel besetzten Formationen zu einem der wichtigsten Jazzmusiker des Labels.
Auch ein Meister der zwölfsaitigen Gitarre
Zu den vielen herausragenden Produktionen gehören etwa die meist mit klassischer und zwölfsaitiger Gitarre eingespielten Aufnahmen „Solo Concert“ (1980), Time Line“ (2006), „My Foolish Heart“ (2017) und „At First Light“ (2023), die Duos mit John Abercrombie („Five Years Later“, 1982) und Gary Burton („Slide Show“, 1985), der Gitarren-Summit „Travel Guide“ (2013) mit Wolfgang Muthspiel und Slava Grigoryan, vor allem aber die grandiosen und zu Recht preisgekrönten Aufnahmen „Solstice“ (1977) mit Jan Garbarek, Eberhard Weber und Jon Christensen, „Old Friends, New Friends“ (1979) mit Kenny Wheeler, Eddie Gomez, Michael DiPasqua und David Darling, schließlich die phantastische, genreübergreifende Einspielung „City of Eyes“ von 1989 mit Markus Stockhausen, Gary Peacock, Paul McCandless und Jerry Granelli.
Ralph Towner gehörte mit seinem artikulationssicheren, klangfarbenreichen, stets fein strukturierten, gleichwohl spannungsreichen Improvisationsstil zu den bedeutendsten Jazzgitarristen des letzten halben Jahrhunderts. Am Sonntag ist er im Alter von 85 Jahren in Rom, wo er lange schon zu Hause war, gestorben.

vor 21 Stunden
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