In Mailand, Italiens Hauptstadt für zeitgenössische Kunst, weiß man in diesen Tagen nicht, wohin man zuerst blicken soll. Es ist Milano Art Week, zahlreiche Schauen haben eröffnet, überall gibt es Events und Vernissagen, und das Projekt „Ghost Track“ der Milano Art Community, ein Zusammenschluss der Mailänder Gegenwartskunstszene, trägt dafür Sorge, dass man auch in Museen für historisches Erbe auf neue Sichtweisen trifft.
Mit Cattelan ins Alte Ägypten
Im Museo del Risorgimento steht man plötzlich vor dem Gemälde eines aufgewühlten Himmels von Thomas Jeppe; im Museum für Antike Kunst lugt neben Vitrinen römischer Artefakte ein bronzener Teddybär von Gina Folly aus einem Karton; in der Galerie des Alten Ägypten im Castello Sforzesco sitzt eine unnahbare schwarze Katze Maurizio Cattelans. Der Mittelpunkt der Kunstwoche aber ist die Miart, die Messe für moderne und zeitgenössische Kunst.
Bei Repetto zu haben: Christos „Look Magazine Empaqueté“ von 1965Repetto / VG Bild-Kunst, Bonn 2026Ihre dreißigste Ausgabe trägt, inspiriert von einer Kultplatte von John Coltrane, den Titel „New Directions“ und präsentiert sich in einem neuen Zuhause, das wie bei einer Jazz-Session Vergangenheit und Zukunft in einen vibrierenden Dialog bringen will. Es ist der Südflügel des Messezentrums Allianz MiCo, für den Mario Bellini 2012 ein wellenförmiges Dach entworfen hat. Der neue Standort ist kleiner, hat aber mehr Charakter als der frühere in der Fieramilanocity. Vom Eingang aus geht der Blick auf die futuristische Stadtlandschaft von CityLife und in den Skulpturenpark, wo der gerade eingeweihte jüngste Zuwachs, ein Riesenkrake namens Octospider des britischen Künstlers Jeremy Deller, Kinder zum Klettern einlädt.
Installationen aus Wachs, Baumwolle und menschlicher Milch
Auf das klassische Konzept der linearen Organisation verzichtet die Miart. Sie erstreckt sich über drei Ebenen mit 160 Galerien aus 24 Ländern, von denen viele Soloschauen zeigen. „Die Reduzierung gegenüber den 179 Galerien des Vorjahres war eine bewusste Entscheidung , um die Qualität zu erhöhen“, sagt der Messedirektor Nicola Ricciardi.
Den Anfang macht „Emergent“, die einzige gewachsene, von Attilia Fattori Franchini kuratierte Sektion. Sie umfasst 29 Galerien, davon 20 aus dem Ausland, die mutig in die neue Künstlergeneration investieren. Die Istanbuler Galerie Ferda Artforum zeigt feministische Textilkunst von Güneş Terkol; am Stand von Guayaquil aus Mexico City erkundet Manuela García mit Arbeiten aus Pigmenten und Wachs Körper, Materie und Raum, und bei TBA aus Warschau gibt es Installationen der 1995 geborenen Linda Lach aus Alltagsgegenständen, Baumwolle und menschlicher Milch. Bei Commune aus Wien schlüpft der Künstler Frank Wasser, der in der Nähe der Guinness-Brauerei in Dublin aufwuchs, in seiner Langzeitperformance „A Swift Half“ in die Rolle eines irischen Barkeepers. Spricht man ihn an, antwortet er in seiner Rolle: „Wollen Sie ein Guinness? Dass Iren den Ruf haben, viel zu trinken, ist der englischen Propaganda der 1860er-Jahre geschuldet.“
Bei Kaufmann Repetto: Lily van der Stokkers zeichenhafte Arbeit „Nothing happening here“ von 2023Lily van der Stokker / Kaufmann RepettoAuf der unteren Ebene schlägt in der Sektion „Established“ das pulsierende Herz der Messe mit 111 Galerien, von denen einige die Identität der Miart geprägt haben: Lia Rumma, Poggiali, Galleria dello Scudo, Kaufmann Repetto und Francesca Minini, flankiert von internationalen Größen wie Bortolami, Buchholz, Sadie Coles HQ oder Corvi-Mora. Als positives Signal wird die Rückkehr von Massimo De Carlo, Italiens einflussreichster Galerie für zeitgenössische Kunst, gewertet. Sie zeigt nur Werke von Frauen, darunter Pastellkreidezeichnungen von Nicole Wittenberg (12.000 Euro) oder eine Bronzeskulptur aus Alija Kwades Werkserie „Light Suicide“ (45.000 Euro).
Von der Künstlerin, die den Pavillon Italiens auf der Venedig-Biennale gestaltet: Chiara Camoni, „Demone della Terra 01“, 2006, bei Andrew CrepskkrTrautwein Herleth aus Berlin, erstmals in Mailand vertreten, präsentiert analoge Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Serie „(Un)Kraut“ (6000 Euro) von Sung Tieu, die gemeinsam mit Henrike Naumann den Deutschen Pavillon in Venedig bespielen wird. Zwei der Bilder, die in Berlin-Lichterfelde in der Gehrenseestraße entstanden, wo Tieu in einem Quartier für vietnamesische DDR-Vertragsarbeiter und Asylsuchende aufwuchs, waren schon nach den ersten Stunden der Messe verkauft. Andrew Kreps aus New York zeigt Terrakotta-Figuren von Chiara Camoni, die in der Lagune Italiens Pavillon gestalten wird. Ihr „Demone della Terra 01“ (10.000 Dollar) mit elfenhaft spitzen Ohren trägt menschengemachten Strandmüll im Arm; Nylonschnüre, Deckel, Plastikstreifen. Die Galerie Buchholz bietet seltene Tuschezeichnungen von Lutz Bacher (8000 Dollar). Sie zeigen Clark Gable, Gloria Vanderbilt oder den iranischen Schah als Kinder. Bei einem Blatt fehlt der Titel – vielleicht ein Selbstbildnis der amerikanischen Konzeptkünstlerin.
Glamouröses Klischee nach Art Damien Hirsts: „Moka“ von Shourouk Rhaiem bei der 193 Gallery aus Pariskkr.Mailand hat eine ausgeprägte Sammelkultur. Entsprechend optimistisch war beim Auftakt die Stimmung. Mit der Paris Internationale hat die Miart diesmal allerdings einen interessanten Konterpart. Das seit 2015 in Paris beheimatet Format einer nomadischen Messe hat für ihre erste Ausgabe außerhalb Frankreichs Mailand gewählt. Seit Freitag präsentieren sich im Palazzo Galbani 34 internationale, vorwiegend junge Galerien. „Ich sehe sie nicht als Konkurrenz, sondern als ergänzende Plattform. Je mehr es in Mailand zu sehen gibt, desto mehr Menschen werden kommen“, sagt Ricciardi dazu. Dass die Stadt sich mit Kunst- und Designliebhabern füllen wird, ist gewiss. Jedes Jahr schließt unmittelbar an die Art Week die Design Week an – und nicht wenige Besucher der Miart bleiben für die wichtige Möbelmesse.
Miart, Allianz MiCo, Mailand, bis zum 19. April, Eintritt 20 Euro

vor 2 Stunden
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