Mal angenommen: Der Mitgründer von Europas größter Elektronikmarktkette kommt ins Grübeln. Dieser Buckelwal, der da vor der Ostseeinsel liegt, Fischernetzteile im Maul, Schiffskollisionsnarben am Körper, und überhaupt, die verschmutzten, überhitzten, versauernden, leer gefischten Meere: Man muss etwas tun, hat mit seinen Mediamärkten – „Ich bin doch nicht blöd“ – schließlich auch mitgeschraubt am immer das nächste günstige Produkt verlangenden Lebensstil, der aus der Natur eine Ressource und aus den Meeren Fahrbahnen für weltumspannenden Warentransport werden ließ.
Der Multimillionär beschließt, Unternehmen zu unterstützen, die Plastik aus den Ozeanen fischen, Schutzgebiete zu fördern oder die Restauration von Seegraswiesen in der schon mit Todeszonen kämpfenden Ostsee. Mit solchen Gedanken ist Walter Gunz nicht an die Öffentlichkeit getreten, sondern mit Aussagen wie dieser: Man könne doch den Wal nicht da liegen lassen, nur weil ein, zwei Spezialisten gesagt hätten, der habe keine Chance mehr. Die ein, zwei Spezialisten sind Wissenschaftler mehrerer Institutionen und Walschutzorganisationen, deren Urteil jedoch nicht mehr zählt, seit das selbst ernannte Rettungsteam aus Gunz und einer Pferdesportunternehmerin die bessere Geschichte verspricht.
Das Spektakel, bei dem das kranke Tier, bei dem unter anderem von irreversiblen Organschäden ausgegangen werden muss, auf Luftkissen in die Nordsee gezogen werden soll, macht die traurige Wal-Episode zu einer verpassten Chance. Die nicht abschwellende Aufmerksamkeit und die Beklemmung darüber, dass der Wal, womöglich desorientiert von Schiffslärm und einem Stellnetzseil, in das er sich verwickelt hatte, nicht mehr aus der Ostsee herausfand, könnte genutzt werden, um ins Bewusstsein zu rufen, wie es um die Meere und seine Bewohner so ganz allgemein steht. Eine Autopsie gäbe Aufschluss darüber, in welchem Maß seine Verfassung menschengemachte Gründe hatte. Das Seil, von dem man nicht weiß, ob es bis in Speiseröhre und Magen reicht, wodurch eine Nahrungsaufnahme schwer bis unmöglich würde, könnte im Meeresmuseum Stralsund ausgestellt werden.
Bis Mittwoch schien es, als würde die vernunft- und wissenschaftsfeindliche Stimmung, die den Vorfall in Gestalt von Demonstranten, Drohungen und Strafanzeigen begleitet, einigermaßen in Schach gehalten. Dank Umweltminister Backhaus’ Genehmigung für die Luftkissenaktion kann sie sich jetzt Bahn brechen. Ein aufschlussreiches Licht fällt einmal mehr auf unser Naturverhältnis: Zwischen erfolgreicher Ausblendung von Tierleid, wie es schon beim nächstgelegenen Schweinemastbetrieb anzutreffen wäre, und an Hollywood-Tierfilm-Dramaturgie trainiertem Gefühlsüberschuss ist da nicht viel.

vor 1 Stunde
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