Maler Friedrich Nerly: Er war der letzte deutsche Romantiker in Rom

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Auf den ersten Blick zeigt das Bild eine Idylle: die römische Campagna im Abendlicht, im Zentrum die Bögen der Aqua Claudia, wie ein zerbrochenes Gebiss über die Ebene verteilt, dahinter die Albaner Berge mit dem Monte Cavo, über dem sich Wolken türmen, blassblau im rötlichen Dunst. Beim Näherkommen indes enthüllt sich im verschatteten Vordergrund eine Jagdszene: Zwei Reiter fangen mit Hunden ein Paar wilder Stiere ein, der vordere sticht mit einer Lanze nach seinem Opfer, während der hintere eine Lassoschlinge um den Hals des anderen Tieres festzieht, das in die Knie bricht. Ein Hund schnappt nach einem Stierhals, ein weiterer liegt hilflos zappelnd auf dem Rücken. Die Unruhe des Geschehens springt auf die Landschaft über. Die Abendstimmung wirkt jetzt nicht mehr friedlich, sondern wie eine Kulisse der Gewalt.

Friedrich Nerly hat das Bild 1836 in Mailand gemalt, auf einer Zwischenstation seines langen Weges von seiner Geburtsstadt Erfurt nach Venedig, wo er reich und berühmt wurde. Zuvor aber hatte er sieben Jahre lang in Rom gelebt, der Stadt der Päpste und der Nazarener, der Inquisition und des beginnenden Risorgimento, und von dort stammen die Vorstudien zu seinem Gemälde, das er in einem gemieteten Atelier fertigstellte. Wie akribisch er dabei vorging und wie suggestiv er zugleich die Szenerie für seine Zwecke zuschnitt, zeigt die Bremer Kunsthalle in einer Ausstellung, die sich um Nerlys „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ und um die römischen Jahre des Malers dreht.

Die elegante Kurve des Aquädukts hat der Maler erfunden

Das Bild selbst hat jahrzehntelang in schwer beschädigtem Zustand im Depot der Kunsthalle gelegen, bevor es ab 2017 aufwendig restauriert wurde. Beim Blick auf die „Campagnalandschaft“ mag man freilich nicht glauben, dass sie jemals anders ausgesehen hat als jetzt; sie leuchtet wie am ersten Tag. Man sieht aber auch, wie sehr Nerly, der Magier des Details, die Landschaft gestaltet, wie er sie eigentlich neu erfunden hat.

Denn die Aqua Claudia, der besterhaltene Aquädukt Roms, läuft keineswegs in einer weiten Kurve um die Stelle im heutigen Parco degli Acquedotti herum, von der aus Nerly sie gemalt hat. Die Biegung ist ein Kunstgriff des Malers, der er ihm ermöglicht, die Bögen der antiken Wasserleitung von zwei Seiten zu zeigen und perspektivisch in die Tiefe zu staffeln. Dafür gibt er die Kerben der Tuffsteine der Aqua Claudia und das Ziegelwerk der ihr aufgesetzten Anio novus umso exakter wider, und auch das Bächlein im linken Bildmittelgrund, das man für ein romantisches Accessoire halten könnte, ist historisch belegt; seinerzeit hieß es Aqua Mariana und diente zur Versorgung der an Brunnen armen Papststadt.

 Friedrich Nerly, „Das Forum Romanum“, 1830    Fotostudio Karen BartschDas Land der Römer mit der Seele suchen: Friedrich Nerly, „Das Forum Romanum“, 1830    Fotostudio Karen Bartsch

Die Ölstudien und Skizzen des Aquädukts, mit denen Nerly sein Gemälde vorbereitet hat, sind, wie man in Bremen sieht, über Jahre entstanden; die Stiere, deren dramatisches Schicksal den Vordergrund beherrscht, hatte er schon 1830 auf der Piazza Barberini gezeichnet. Die wichtigste Zutat des Bildes aber ist das Licht. Um es zu beherrschen, hat der Maler, wie man annehmen darf, jeden einzelnen Tag seines Romaufenthalts gebraucht, und erst mit ihm hat er die „Campagnalandschaft“ in ein Meisterstück verwandelt.

Nerly, nach dem frühen Tod seines Vaters bei einem Onkel in Hamburg aufgewachsen, kommt Anfang 1829 nach Rom, im Auftrag seines Mentors, des Kunsthistorikers und Kochbuchautors Carl Friedrich von Rumohr, der den begabten Zeichenschüler entdeckt und unter seine Fittiche genommen hat. Im Herbst zuvor waren die beiden in Porto Venere, wo sie bei dem Dichter August von Platen wohnten, und in Florenz, wo sie den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm trafen – Rumohr verfügt über ein weit gespanntes Netzwerk, zu dem auch Goethe, Tieck und der preußische Rom-Gesandte Bunsen gehören, sodass Nerly in der Ewigen Stadt nicht lange nach Förderern suchen muss. Rasch wird er Mitglied und dann sogar Präsident der Ponte-Molle-Gesellschaft, des deutschen Künstlerbunds in Rom, den er bis 1835 leitet.

 „Bewachsene Felsen über einem Tal, Ariccia“, um 1835    Kunsthalle BremenDie Natur von nahem: „Bewachsene Felsen über einem Tal, Ariccia“, um 1835    Kunsthalle Bremen

Vor allem aber malt er. Die Sommermonate verbringt Nerly allein oder mit Künstlerfreunden in Tivoli, Olevano, Nettuno, Terracina oder Gaeta, im Winter studiert er römische Ruinen und baut seine Landschaftsbilder zu Gemälden aus. Die Skizzen, die er mit Ölfarbe und Zeichenstift im Freien gemacht hat, zeigt die Kunsthalle, die neben dem Erfurter Angermuseum die zweitgrößte Nerly-Sammlung besitzt, in beglückender Fülle – Wasserfälle, Felsschluchten, Brücken, Meeresküsten, Zypressen, Tempel und Kapellen. Sie sind viel mehr als Vorarbeiten, denn in ihnen wird ein Künstlertum sichtbar, das erst ein Vierteljahrhundert später seinen Durchbruch erlebte: der europäische Realismus und mit ihm die Pleinair-Malerei. Die Lebendigkeit, die aus diesen Landschaften spricht, erinnert an die frühen Ölskizzen Corots, der drei Jahre vor Nerly in Rom war, und die Italienbilder von Carl Blechen, den er nur knapp verpasste – zwei Maler, mit denen sein Blick auf die Welt auf tiefe Weise verwandt war.

 „Tempel der Juno Lacinia II in Agrigrent“, 1835    Stadtverwaltung Erfurt/Dirk UrbanReise nach Sizilien: „Tempel der Juno Lacinia II in Agrigrent“, 1835    Stadtverwaltung Erfurt/Dirk Urban

Doch Nerly muss auch den Markt bedienen, der damals noch nicht durch Museen und Galerien, sondern durch Mäzene und Kontakte, Akademien und Salons organisiert ist. Deshalb malt er Italien so, wie es seine vermögenden Käufer sehen möchten – als Kulisse für pittoreske Minidramen („Gebirgslandschaft mit Brigantenszene“), als Tummelplatz holder Maiden und fescher Mandolinespieler („Italienische Landleute am Brunnen“), als Heimat moderner Cowboys und klassischer Kunstproduktion („Büffel ziehen einen Marmorblock“, ein Werk, mit dem er die Gunst Thorvaldsens und des russischen Gesandten in Rom gewinnt). Erst nach etwa fünf Jahren zeichnet sich eine Wende in Nerlys Bildgestaltung ab. Ende 1834 bricht er mit einem frisch verheirateten Bekannten aus Bergamo nach Sizilien auf. Dort malt und zeichnet er neben dem Dampfschiff, das Reggio mit Messina verbindet, den Junotempel in Agrigent und die Ruinen von Selinunt, aber nicht so, wie es der romantische Stil verlangt, sondern als Masse aus Säulenresten und Gestein, als Trümmerwüste im Mittagslicht. Nach der Rückkehr lockert sich Nerlys Bindung an Rom. Im Spätsommer 1835 verlässt er die Stadt, in der die Cholera grassiert, und geht nach Mailand. Zwei Jahre später zieht er nach Venedig, wo er bis zu seinem Tod im Oktober 1878 lebt.

Die „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ ist sein Abschiedsgruß – und ein Markstein der deutschen Malerei. Die Virtuosität, die sich Nerly in seinen Römerjahren angeeignet hat, trifft hier mit dem neu erwachten touristischen Interesse an der umgebenden Landschaft zusammen, das Spitzweg in seinem zur gleichen Zeit entstandenen Bild „Engländer in der Campagna“ karikiert hat. Aber noch regiert der Tourismus nicht den Malerblick. Das Gemälde, das die Landschaft in unsichtbare Schwingung versetzt, ist zugleich romantische Vision und realistische Detailstudie. In der Lagunenstadt, wo er eine Familie gründete und in einem barocken Palazzo Hof hielt, löste Nerly diese Spannung in eine gefällige Stimmungsmalerei auf, die das Angermuseum in seiner großen Lebenswerkschau im vorigen Jahr ausgebreitet hat. Dort wurde seine Kunst zur Marke. In Rom aber war sie groß.

Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom. Kunsthalle Bremen; bis 5. Juli. Der Katalog kostet 39,90 Euro.

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