Keine vier Wochen mehr: Für diese Ausstellungen haben Sie nicht mehr viel Zeit

vor 22 Stunden 2

Sauber bleiben im Smog

„Helga Paris. Für uns“, Fotografiska, Berlin, bis 25. Januar

Großdichter und Müllmänner unterschiedslos vor der Kamera: Helga Paris’ Porträts bei Fotografiska Berlin zeigen eine Welt, die es heute nicht mehr gibt.

„Helga Paris war (…) im strengen Sinne keine Berufsfotografin, sosehr sie die Fotografie auch zu ihrem Beruf gemacht hat und darin eine der Großen ihrer Zeit wurde“, schreibt unser Rezensent Bernhard Schulz: „Sie kam durch die Zeitläufte, durch freundschaftlichen Rat zur Fotografie. Die Scheu, mit der Kamera auf andere und anderes draufzuhalten, hat sie nie abgelegt. Es wurde ihre Stärke.“

 Das Floating Office Rotterdam des Büros Powerhouse Company lässt sich von Starkregen und steigendem Meeresspiegel nicht beeindrucken.Auf dem Wasser sicher vor dem Wasser: Das Floating Office Rotterdam des Büros Powerhouse Company lässt sich von Starkregen und steigendem Meeresspiegel nicht beeindrucken.Marcel IJzerman

Wie sieht die Zukunft des Bauens aus?

„WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens“ in der Bundeskunsthalle Bonn, bis 25. Januar

Durch die Schleuse des Schreckens zu den Häusern der Hoffnung: Die Bundeskunsthalle beschäftigt sich mit der Zukunft des Bauens und folgt dabei wohlbekannten Pfaden.

„Die Ausstellung mahnt zum Paradigmenwechsel“, schreibt unser Rezensent Klaus Englert: „Architektur-Schauen sollten nicht mehr von spektakulären Gebäuden und Stararchitekten handeln, sondern von der nachhaltigen Ausrichtung so praktischer und basaler Dinge wie Rohstoffgewinnung, Materialtransport, Energieverbrauch, Lebenszyklen und Wiederverwendung von Baustoffen. Die Schau konzen­triert sich auf hoffnungsgebende Ansätze jenseits einer auf Neubau fixierten Indus­trie, die immer nur, wie es Olaf Grawert von der Initiative House Europe! formuliert, bis ans Ende von Haftungsfristen denke.“

 Anders Zorns „Mitternacht“, 1891Das milchige Licht verrät die späte Stunde: Anders Zorns „Mitternacht“, 1891Zornmuseet, Mor

Der schwedische Weltmann

„Anders Zorn. Schwedens Superstar“ in der Kunsthalle, Hamburg, bis 25. Januar

Die Hamburger Kunsthalle zeigt den schwedischen Maler Anders Zorn als einstigen Superstar, der aber auch heute noch mit seinen Porträts überzeugt.

„Die handwerkliche Brillanz, die Strahlkraft und erzählerische Lebendigkeit der Bilder machen den Gang durch die Ausstellung zu einem ästhetischen Genuss“, schreibt unser Rezensent Wolfgang Krischke: „Die Aquarelle, mit denen Zorn begann, stehen der Ölmalerei, zu der er später überging, in ihrer Qualität in nichts nach. Auch als Grafiker überzeugt er, wie die große Auswahl an Radierungen zeigt, die in der Ausstellung zu sehen sind.“

„Das Neugeborene“ (um 1647/48) von Georges de La Tour bekommt mindestens so viel Licht von der Kerze ab wie sonst der Christusknabe in der Weihnachtskrippe vom Bethlehemstern.„Das Neugeborene“ (um 1647/48) von Georges de La Tour bekommt mindestens so viel Licht von der Kerze ab wie sonst der Christusknabe in der Weihnachtskrippe vom Bethlehemstern.Musée des beaux-arts Rennes

Bernsteinfarbene Sinnlichkeit

„Georges de La Tour, entre ombre et lumière“ im Musée Jacquemart-André, Paris, bis 25. Januar

Mit einem Hang zur Vertiefung, in jeder Hinsicht: Das Pariser Musée Jacquemart-André präsentiert Georges de La Tour als Meister feinster Differenzierungen zwischen Schatten und Licht.

„La Tour wurde 1915 durch den deutschen Kunsthistoriker Hermann Voss wiederentdeckt (der sich später schwer mit dem NS-Regime kompromittierte)“, schreibt unser Rezensent Marc Zitzmann, „doch erst eine große Pariser Werkschau 1972 verankerte den einzigen Lothringer unter den ‚peintres ordinaires‘ des französischen Königs endgültig als Fixstern am Kunsthimmel. Im Vergleich zur letzten umfassenden Retrospektive im Grand Palais 1997 zeigt die jetzige im Jacquemart-André bloß halb so viele Gemälde. Doch unter den knapp dreißig ausgestellten Originalbildern und Kopien finden sich auch vier, die erst in den letzten drei Jahrzehnten wiederaufgetaucht beziehungsweise zugeschrieben worden sind – zwei davon sogar erst seit 2022.“

 Szene aus Marclays Collage.Punkt acht wird diese Uhr nicht mehr anzeigen: Szene aus Marclays Collage.Christian Marclay. Courtesy White Cube, London

Wenn die Titanic jede Nacht versinkt

„Christian Marclay. The Clock“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin, bis 25. Januar

Christian Marclay hat Uhren-Szenen aus klassischen Filmen und Serien zu einer 24-Stunden-Collage zusammengeschnitten. Es ist die schönste Hommage ans Kino, die es bisher gab. Noch läuft sie in Berlin.

„Im Internet kann man Listen der Filme abrufen, die in ‚The Clock‘ vorkommen, und bruchstückhafte Beschreibungen der Szenen, die Marclay verwendet hat“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Zuschauer, die vier, sechs oder zwölf Stunden durchgehalten haben, erzählen von Neugier, Müdigkeit, Verzauberung, Nostalgie, Spannung und Gleichgültigkeit in ständigem Wechsel. Dabei liegt die eigentliche Faszination von Marclays Film nicht in seiner Dauer, sondern in seiner Vollständigkeit. Indem er zu jeder Minute des Tages ein Filmbild fand, hat er zugleich ein Bild für das Wesen des Kinos gefunden, für eine Kunst, die mehr als jede andere in der Zeit gefangen ist – und eben deshalb imstande, sie zu überwinden.“

 ein Jagdstillleben von Dirk Valkenburg, gemalt um 1700Bunte Mischung aus europäischen und exotischen Lebensformen: ein Jagdstillleben von Dirk Valkenburg, gemalt um 1700Centraal Museum Utrecht

Versammlung versklavter Menschen

„Willem de Rooij. Valkenburg“ im Centraal Museum Utrecht, bis 25. Januar

Plantagenland in Bürgerhand: Willem de Rooij blickt mit den Gemälden von Dirk Valkenburg auf den niederländischen Kolonialismus des siebzehnten Jahrhunderts – eine Ausstellung im Centraal Museum in Utrecht.

Die Ausstellung in Utrecht ist die bislang umfangreichste Einzelschau des Malers Dirk Valkenburg (1675 bis 1721), aber vor allem ist sie nach Ansicht des Künstlers Willem de Rooij, der die Niederlande 2005 zusammen mit Jeroen de Rijke bei der Biennale in Venedig vertreten hat, selbst ein Kunstwerk, schreibt unser Rezensent Hubert Spiegel: „‚Willem de Rooij. Valkenburg‘, so der Ausstellungstitel, begreift den Akt der Präsentation mit all seinen Details (die dem Besucher nicht ohne Weiteres auffallen) als komplexe Installation, die den verborgenen Bedeutungen der Werke nachspürt. Wie Bart Rutten, der Direktor des Centraal Museum, im demnächst erscheinenden Ausstellungskatalog betont, geht es de Rooij um ein Nachleben der Kunstwerke im Sinne von Aby Warburg und Georges Didi-Huberman. In Valkenburgs Gemälden hat sich der ‚weiße Blick‘ seiner Epoche unverstellt erhalten.“

Louvre

Maler dreier Regime

„Jacques-Louis David“ im Louvre, Paris, bis 26. Januar

Erkenntnisse eines Chamäleons: Der Louvre schmückt sich mit den Farben und Bildern des Revolutions- und Kaisermalers Jacques-Louis David.

Angesichts der Louvre derzeit mit Ausstellungen einst großer Namen etwas vom alten Ruhm zurückholen will, sei wenig verwunderlich, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Ausgerechnet den vor 200 Jahren im Brüsseler Exil gestorbenen Jacques-Louis David hat man sich für die Imagepolitur ausgesucht, den wankelmütigsten aller französischen Maler, der unter drei sehr unterschiedlichen Regimen malte und zweien von ihnen bedingungslos diente, von der absolutistischen Monarchie über die Revolution bis hin zu Napoleon. Sicher kein Role Model für robuste Demokratie, doch hochbedeutsam als Erfinder je neuer politischer Ikonographien für rasch wechselnde Systeme als Auftraggeber.“

 Rinds- und Schafleder, Baumwollstoff mit Steppnähten und Wattierung aus Tierhaar plus MetallschnalleAus dem Irak des späten 19. Jahrhunderts: Rinds- und Schafleder, Baumwollstoff mit Steppnähten und Wattierung aus Tierhaar plus MetallschnalleKHM-Museumsverband

Eine Hose ist eine Hose ist eine Hose

„Wer hat die Hosen an?“ im Weltmuseum Wien, bis 1. Februar

Männlich konnotiert, das war gestern: Das Wiener Weltmuseum widmet sich der Frage, wer die Hosen anhat.

„Zu sehen sind Meisterwerke der Textilkunst aus Kulturen rund um den Erdball“, schreib unser Rezensent Hannes Hintermeier, „darunter eine Hose aus Robbenfell, die mit Eisbärenfellstücken geflickt wurde; eine Tunban-Hose aus Rinds- und Schafleder für den persischen Ringkampf Zurkhaneh; eine pantalón de charro, die Ziegenfellhose mexikanischer Viehhirten, bestickt mit Gold und Silber, vom Typ her eine Überhose mit zwei getrennten Hosenbeinen, die von einem Gürtel und einem Hakenverschluss zusammengehalten werden. Man kann jenseits praktischer Lösungen an der Hose auch viel Überbau befestigen – Machtfragen, Genderfragen, Tabufragen. Die Schau tut dies mit Nachdruck.“

  In eine „Italienische Osteria“ entführt das 1888 gemalte Genrebild von Elisabeth  Jerichau-Baumann.Frauen in Feierlaune: In eine „Italienische Osteria“ entführt das 1888 gemalte Genrebild von Elisabeth Jerichau-Baumann.Kunstpalast Düsseldorf

Sehen und gesehen werden

„Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter“ im Kunstpalast Düsseldorf, bis 1. Februar

Hunderte Künstlerinnen waren im neunzehnten Jahrhundert in Düsseldorf aktiv. Viele von ihnen sind heute zu Unrecht vergessen. Der Kunstpalast würdigt sie mit einer eindrucksvollen Schau, die viel über weibliche Erfolgsstrategien verrät.

„Mehr als fünfhundert Namen mit Düsseldorf verbundener Künstlerinnen konnten die Recherchen des Kunstpalastes unter der Leitung der dort für Kunst des neunzehnten Jahrhunderts zuständigen Kathrin DuBois ermitteln“, schreibt unsere Rezensentin Ursula Scherr, „das sind fast dreihundert mehr, als bisher bekannt waren. Aus der Menge treten in der chronologisch aufgebauten Überblicksschau 31 Frauen, deren Werke beispielhaft für das weibliche Schaffen zwischen Romantik und Expressionismus im Rheinland stehen – für Grenzen, Möglichkeiten und Charakteristika.“

 Jean-Étienne Liotards „Lesende Frau in orientalischer Kleidung“, um 1750-1755Ist im Momentum wie die meisten Fotografien aus Lothar Schirmers Sammlung: Jean-Étienne Liotards „Lesende Frau in orientalischer Kleidung“, um 1750-1755Kallmann-Musuem Ismaning

Hinter der Mauer, im Schatzkästlein

„Sammlung Lothar Schirmer. Zeitgenössische Kunst von Cy Twombly bis Peter Handke“ im Kallmann-Museum, Ismaning, bis 1. Februar

Kann ich mal Ihre Bechers haben? Das Ismaninger Kallmann-Museum macht einen Hausbesuch beim Verleger und Sammler Lothar Schirmer – und zeigt ausgewählte Gegenwartskunst von Twombly bis Handke.

Rasmus Kleine, der Leiter des Museums, betont, der Sammler habe ihm freie Hand gelassen, schreibt unser Rezensent Hannes Hintermeier, „Schirmers Mitarbeiter, eine eingeschworene Familie, bestätigen dies. Keine Kleinigkeit für einen, der gern die Fäden in der Hand hält. Schließlich sammelt Schirmer seit mehr als sechzig Jahren, suchte schon als Schüler den Kontakt zu Beuys, fand ihn und verstetigte die Beziehung. Der Rest ist Kunstgeschichte, über die Sammlung Schirmers ist viel geschrieben worden, über seine Schenkung von Beuys-Werken ans Lenbachhaus und an die Pinakothek der Moderne ebenso.“ Die Ausstellung sei indes „kein ‚Best Of‘, sondern ein ‚Best With‘. Und sie rammt einen Pflock ein: Nicht nur Münchner Kunstfreunde sind gut beraten, sich selbst ein Bild zu ­machen.“

Ludwig Emil Grimm zeichnete Friedrich Müllers Porträt 1816 in Rom.Ludwig Emil Grimm zeichnete Friedrich Müllers Porträt 1816 in Rom.Freies Deutsches Hochstift

Doppelt begabt und trotzdem verkannt

„Maler Müller. Ein Faustdichter in Rom“ im Romantik-Museum, Frankfurt, bis 1. Februar

Anlässlich seines 200. Todestages zeigt das Frankfurter Romantik-Museum eine dreiteilige Ausstellung über das Leben und Werk Friedrich Müllers. Zumindest in einem Punkt war Müller seinem Zeitgenossen Goethe eine Nasenlänge voraus.

Bis zum 1. Februar zeige das Romantik-Museum diese erste von drei Episoden, hält unsere Rezensentin Josephine Bewerunge fest, sie „umfasst die Jugend Müllers bis zu seinem Aufbruch nach Rom. Sein dortiger Aufenthalt bis ans Lebensende ist Thema des zweiten Teils. Im letzten Teil wird das dichterische Werk Müllers im Mittelpunkt stehen. Weil sich auf diese Weise Leben und Werk des Künstlers nach und nach vor den Augen des Publikums entwickeln, wird es wohl bei einem Besuch nicht ­bleiben.“

 der Maler Carl Schuch, 1876 porträtiert von Wilhelm LeiblParis hat ihn geprägt: der Maler Carl Schuch, 1876 porträtiert von Wilhelm LeiblBayerische Staatsgemäldesammlungen

Dinge ließ er wie Menschen aussehen

„Carl Schuch und Frankreich“ im Städel, Frankfurt, bis 1. Februar

Wie Manet, nur besser: Mit der Opulenz hingehuschten Spargels und immer wieder neu arrangierter Zinnkrüge beweist das Städel Museum in Frankfurt die Einzigartigkeit des Stillleben-Malers Carl Schuch.

„Mit seiner akribischen Welterkundung in Öl blieb er Einzelgänger ohne Gruppenanbindung“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Allerdings war er sozial in Paris, wo er von 1882 an zwölf prägende Jahre lebte und arbeitete, durchaus eingebettet in ein Künstlernetzwerk und sah die Ausstellungen der dortigen Impressionisten und Realisten, wie (…) die große Herbstausstellung des Städel mit 70 seiner Gemälde und 50 bedeutenden Werken franzö­sischer Künstler wie eben Cézanne (kein deutschsprachiger Maler hat mehr Stillleben mit Äpfeln gefertigt als Schuch und ähnelt ihm schon insofern), Vollon, Manet oder Monet glanzvoll belegt. An ästhetischer Opulenz und ebenfalls mitausgestellten, vor allem Schuchs Still­leben immer eingeschriebenen großen Fragezeichen nach dem Motto ‚Wie hat er es geschafft, diese Farbe oder diesen Apfel derart glimmen zu lassen?‘ dürfte die Schau schwer zu überbieten sein.“

 Dario di Giovanni, „Jungfrau mit Einhorn“, um 1468Keusche Umklammerung: Dario di Giovanni, „Jungfrau mit Einhorn“, um 1468Keresztény Múzeum/Christliches Museum, Esztergom

Dieses Horn ist für die Jungfrau Maria

„Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Museum Barberini, Potsdam, bis 1. Februar

Im Mittelalter galt das Einhorn als Symbol für Christus, aber auch als Verkörperung der erotisch aufgeladenen Natur. Später wurde es zum Spielmaterial der Kunst. Eine Ausstellung in Potsdam folgt dem Weg des Fabeltiers durch die Zeiten.

„Die Potsdamer Ausstellung, die in Kooperation mit dem Musée de Cluny in Paris entstanden ist, folgt der Spur des Einhorns bis in die Gegenwart, sie führt über Böcklin, Moreau, Kubin und Magritte bis zu Rebecca Horn, die in einem Kurzfilm von 1970 eine Statistin mit Einhorn-Korsett durch Wald und Felder laufen lässt, und Olaf Nicolai, der einen gehörnten Rappen aus Fell und Polyester auf den Fußboden im Palais Barberini platziert“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Das größte aller Einhorn-Kunstwerke aber kann sie nicht zeigen, denn der sechsteilige spätgotische Tapisseriezyklus der ‚Dame à la licorne‘ darf das Cluny-Museum nicht verlassen. 
So muss man sich mit dem Katalog begnügen, in dem es das Weltwunder aus Wolle und Seide zum Ausklappen gibt. Die Fans der Harry-Potter-Filme werden es kennen, denn es ziert dort die Wände des Gemeinschaftsraums von Haus Gryffindor. Das Tier, das es nicht gibt, hat seine besten Tage noch vor sich.“

 die Gartenfassade des Palazzo del Te im oberitalienischen MantuaManieristische Pracht: die Gartenfassade des Palazzo del Te im oberitalienischen MantuaPicture Alliance

Wo Göttinnen zu uns sprechen

„Isaac Julien. All That Changes You. Metamorphosis“ im Palazzo del Te, Mantua; bis 1. Februar

Der Palazzo del Te in Mantua gehört zu den architektonischen Wundern der Spätrenaissance. Zum 500. Geburtstag der Prunkvilla zeigt der britische Künstler Isaac Julien dort eine seiner faszinierenden Videoinstallationen.

„Zehn Bildschirme werden in rundherum angebrachten Spiegeln reflektiert“, schreibt unsere Rezensentin Anne Reimers, „sodass sich der Betrachter über etwa fünfundzwanzig Minuten in wechselnden Bildern von unversehrter Natur verliert – von Bienen, die in Fingerhut-Blüten hineinkrabbeln, zu nebeligen Riesenmammut-Wäldern in Kalifornien, die später in Flammen aufgehen und am Ende wieder unversehrt erscheinen. Dazwischen sind Szenen mit zwei zeitreisenden Göttinnen geschnitten, die zum Betrachter sprechen. Sie wollen uns über unsere anthropozentrische Weltanschauung hinaus einen Weg aufzeigen, wie wir den Planeten mit allen organischen und anorganischen Organismen teilen können.“

 Nicole Eisenman erweckt Jane Bowles im Stil von Bellini, 2025Renaissance heißt Wiedergeburt: Nicole Eisenman erweckt Jane Bowles im Stil von Bellini, 2025Hauser & Wirth/Thomas Barratt

Plagiatsalarm im Louvre

„Copistes“ im Centre Pompidou Metz, bis 2. Februar

Was geschieht, wenn hundert zeitgenössische Künstler als „Kopisten“ in den Louvre gehen? Das Centre Pompidou Metz gibt so überraschende wie amüsante Antworten.

„Alle angesprochenen Künstler sagten zu“, berichtet unsere Rezensentin Bettina Wohlfarth, „auch große Namen wie Antony Gormley, Nina Childress oder Yan Pei-Ming. Sie stammen aus der ganzen Welt, sind noch keine dreißig oder über neunzig Jahre alt und betreiben die verschiedensten Kunstpraktiken. Mit der Ausstellung tritt man eine faszinierende Reise durch den Louvre aus der Perspektive der zeitgenössischen Kunst an.“

Sind hier noch kleine Zeichen von Hoffnung zu finden? Harald Metzkes „Aufbau von Marzahn“ aus dem Jahr 1984Sind hier noch kleine Zeichen von Hoffnung zu finden? Harald Metzkes „Aufbau von Marzahn“ aus dem Jahr 1984Manuel Weidt/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Wo die neuen Menschen wohnten

„Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ im Kunsthaus Minsk, Potsdam, bis 8. Februar

Im Potsdamer Kunsthaus Minsk widmet sich eine Ausstellung dem Plattenbau im Wandel der Zeit. Die Arbeiten vorwiegend ostdeutscher Künstler beschäftigen sich mit sozialer Utopie und Prägung, aber auch mit Verfall und Verlust.

„Einst ein Symbol des Fortschritts, entworfen als Behausung für den ‚neuen Menschen‘ des realexistierenden Sozialismus, wird der Plattenbau nach der Wende mit Skinheads und Arbeitslosigkeit assoziiert“, schreibt unsere Rezensentin Yelizaveta Landenberger: „Heute hat man schließlich Kriegsbilder aus der Ukraine vor Augen – von russischen Drohnen und Raketen getroffene Betonbauten, die wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen – oder auch die Musik-Clips osteuropäischer Postpunk-Bands, die mit apathischer Stimme die Tristesse des Lebens in der Peripherie besingen.“ Dieser symbolisch vielfältigen Aufladung des Plattenbaus im Laufe der Zeit, speziell im ostdeutschen Kontext, widme sich die Schau.

 Lovis Corinths „Die Lesende“ aus dem Jahr 1911Entspannter Impressionismus: Lovis Corinths „Die Lesende“ aus dem Jahr 1911Museum Frieder Burda

So zu malen galt als unpatriotisch

„Impressionismus in Deutschland - Max Liebermann und seine Zeit“ im Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 8. Februar

Baden-Badens Museum Frieder Burda zeigt die Anfänge des Impressionismus in Deutschland mit Max Liebermann und Zeitgenossen. Ihr Kampf für die neue Stilrichtung war hierzulande lange verpönt.

„Auch wenn sich mitunter eine gewisse Sättigung einstellt, zumal die harte Lebenswelt der unteren Schichten in diesen ‚impressionistischen‘ Idyllen, in deren Blick auch die Theaterszene geriet, untergeht, ermöglicht der Parcours durchaus unerwartete Entdeckungen“, schreibt unsere Rezensentin Alexandra Wach: „Politisch kontrovers waren die versammelten Künstlerpersönlichkeiten selbst, schon nur, weil sie es wagten, sich der obrigkeitsstaatlichen Doktrin zu widersetzen.“

Foto-Fundstück aus dem Besitz von Arno GeigerFoto-Fundstück aus dem Besitz von Arno GeigerArno Geiger

Das Risiko trägt der Rückkehrer

„Woher wir kommen. Literatur und Herkunft“ im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, bis 15. Februar

Das Literaturmuseum Wien untersucht die Herkunft von Schriftstellern – mit überschaubarem Erfolg.

„Die Schau in dem altehrwürdigen Bibliotheksraum wirkt wie ein begehbares Fotoalbum, das Erinnerungen an vertraute Kindheitserlebnisse weckt“, schreibt unser Rezensent Hannes Hintermeier: „Sie kombiniert Hörstationen, Filme, Bücher und Textwände mit einer ‚Galerie der Dinge‘. Dazu gehört beispielsweise eine Ken-Puppe, weil der Vater von Toxische Pommes seiner Tochter immer gefälschte Barbie-Puppen schenkte, wie sie in ‚Ein schönes Ausländerkind‘ schreibt. Radek Knapp, der als Tennislehrer arbeitete, steuert einen Tennisschläger der Marke Bancroft mit gerissenen Saiten bei, Daniela Dröscher einen Dreschflegel, Lukas Bärfuss einen metallenen Briefkasten – als einem ‚Tor zur Hölle, niemals Urlaubsgrüße, immer Mahnungen‘.“

 Christy Turlington mit Amethyst und einer Halskette von Stephen Dweck, Harper’s Bazaar, Januar 1988Rico Puhlmann: Christy Turlington mit Amethyst und einer Halskette von Stephen Dweck, Harper’s Bazaar, Januar 1988Rico Puhlmann Archive

Wenn das Model den Revolver zieht

„Rico Puhlmann: Fashion Photography 50s-90s“ im Museum für Fotografie Berlin, bis 15. Februar

Als die Welt auf das geteilte Berlin schaute, fotografierte Rico Puhlmann deutsche Mode auf Berliner Straßen. Später ging er nach New York und entdeckte Supermodels wie Cindy Crawford. Eine Ausstellung zeigt sein Lebenswerk.

„Die Modefotografie kann die Oberflächen, die sie feiert, nicht durchdringen, ja nicht einmal erfassen, sie bleibt an den Talmiglanz der Ware gekettet“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Nur manchmal erlaubt sich der Fotograf einen bitteren Witz: Im Schlagschatten des Models mit dem Sombrero erscheint die Silhouette eines Revolverhelden, der seine Waffe zieht.
Puhlmann hat diesen Mangel gespürt. Und er hat die kreative Lähmung erlebt, in der Berlin nach 1968 versank. Anfang der Siebzigerjahre zieht er nach New York. Bald arbeitet er für ‚Harper’s Bazaar‘, ‚Glamour‘ und ‚GQ‘ und macht Werbung für Parfum- und Designermarken. Er fotografiert Isabella Rossellini und ebnet den Weg für Supermodels wie Cindy Crawford und Patti Hansen. Aber seltsam: Seine Bilder sehen jetzt wie die aller anderen aus. Seine Handschrift wird unkenntlich.“

 „Sich kämmender Akt“, Kohle und Pastellkreiden auf Papier, 1886 bis 1890Edgar Degas. Chronist der Pariser Bohème: „Sich kämmender Akt“, Kohle und Pastellkreiden auf Papier, 1886 bis 1890Scharf Collection, Ruland Photodesign

Diese Pfirsiche möchte man nirgendwo anders sehen

„The Scharf Collection“ in der Alten Nationalgalerie Berlin, bis 15. Februar

Die Scharf Collection ist eine der größten deutschen Privatsammlungen von klassischer moderner Malerei und Skulptur. Eine Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel zeigt ihre wichtigsten Schätze.

„In der Alten Nationalgalerie vereinen sich die Impressionisten und Postimpressionisten der ‚Scharf Collection‘, wie sie hier heißt, zu einem verzauberten Tanz mit der Museumssammlung“, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb: „Corots ‚Junge blonde Frau in heller Tunika‘ und Courbets Porträt des Bohème-Schriftstellers Trapadoux ergänzen die Bestände aus der Barbizon-Schule, und Cézannes ‚Haus mit rotem Dach‘, Monets ‚Bauernhof in Chailly‘ und Bonnards sommerlich schimmernden ‚Korb mit Pfirsichen‘, möchte man – von der ‚Großen Badewanne‘ ganz zu schweigen – am liebsten nirgendwo anders mehr sehen.“

Die Jacquemus-Show Frühling/Sommer 2020 im französischen ValensoleDie Jacquemus-Show Frühling/Sommer 2020 im französischen ValensoleAlamy Stock Photo

Nur diese fünfzehn Minuten

„Cat Walk“ im Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 15. Februar

Im Bann der Überbietungsduelle: Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet dem Catwalk eine fulminante Ausstellung.

„Es ist ein großartiger Parcours, der sich entlang der Epochen der Modenschau vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart im Vitra Design Museum durchlaufen lässt“, schreibt unsere Rezensentin Rose-Maria Gropp: „Es sind vier Räume voller Fotografien, Accessoires und Ephemera wie Einladungskarten in Vitrinen, mit Videos und Film- und Tondokumenten, die einen ständigen nervösen Sound produzieren. Dazwischen stehen wie stumme Zeuginnen Puppen auf Laufstegen oder Podesten, angezogen mit raren Signature Pieces einschlägiger Provenienz. Die Fülle des Materials ist eindrucksvoll und verdeutlicht, dass die Liaison zwischen Mode und Kunst keineswegs neu ist. Die Schau löst ihren Anspruch ein, ‚die Modenschau als gestalterisches Gesamtkunstwerk‘ aus Architektur, Musik und Bühne zu zeigen.“

 Lotte Lasersteins „Ich und mein Modell“ von 1929Intensiver kann die Bindung zum Abgebildeten nicht sein: Lotte Lasersteins „Ich und mein Modell“ von 1929Agnews London/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Der Küchenjunge hatte es ihm angetan

„Queere Moderne 1900-1950“ im K 20, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, bis 15. Februar

Verbotenes Begehren: Die Ausstellung „Queere Moderne“ in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt, was bei Thomas Mann überm Schreibtisch hing.

Denen, „die vor rund hundert Jahren ihre Neigung verstecken mussten und Scheinehen eingingen, weil Homosexualität unter Strafe stand“, schreibt unser Rezensent Georg Imdahl, „bereitet die Düsseldorfer Ausstellung ‚Queere Moderne‘ mit Beiträgen von 34 Künstlerinnen und Künstlern aus dem Zeitraum von 1900 bis 1950 eine Bühne. Manche sind sicherlich auch mangels Klasse nicht geläufig, Mittelmaß gibt es aber auch in der Gegenwartskunst, die trotzdem etwas Interessantes über den Zeitgeist berichten kann. Die von Isabelle Malz und Anke Kempkes kuratierte Schau fügt sich in ein Programm der Kunstsammlung, Moderne und Gegenwart seit einigen Jahren globaler, pluralistischer zu denken.“

 Gewinner eines Tanzwettbewerbs in New York, 1970 aufgenommen von Diane Arbus.So sehen Sieger aus: Gewinner eines Tanzwettbewerbs in New York, 1970 aufgenommen von Diane Arbus.Helmut Newton Foundation

Original und Fälschung

„Dialogues. Collection Fotografis und Helmut Newton“ in der Helmut Newton Foundation, Berlin, bis 15. Februar

Die wunderbare Ausstellung „Dialogues“ in der Helmut Newton Foundation in Berlin kontrastiert Fotografien. So wird sie zu einer Lehrstunde des Sehens.

Für die Ausstellung, hält unser Rezensent Freddy Langer fest, wurden „66 historische Fotografien aus der 4000 Bilder umfassenden Wiener Sammlung Fotografis der Bank Austria je eine(m) Abzug aus dem Stiftungsarchiv Helmut Newtons zur Seite gehängt“. Man müsse „darüber staunen, wie vielfältig das Werk Newtons ist und welche Fülle an Ideen er keineswegs nur für Porträt, Akt und Mode entwickelt hat, sondern auch in Motiven weit jenseits dieser Genres. Wenn dabei die Qualität von Newtons Aufnahmen gegenüber den benachbarten Bildern mehr als einmal abfällt, zeugt es von gewisser Größe, sie dennoch zu zeigen.“

  Schmidt-Rottluffs „Fischerbucht“ von 1937Meeres-Idylle in Hitlers Reich: Schmidt-Rottluffs „Fischerbucht“ von 1937Brücke-Museum/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Er ließ die Katastrophen nicht an sich heran

„‚Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden‘: Malerei von Karl Schmidt-Rottluff“ im Brücke-Museum, Berlin, bis 15. Februar

Durch seine Bilder läuft man wie durch einen Sommerurlaub: Bei Karl Schmidt-Rottluff wird die expressionistische Malerei zum Genussmittel. Jetzt feiert das Berliner Brücke-Museum seinen Gründer mit einer Werkschau.

Man erkenne in der Ausstellung, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb, „wie lange Schmidt-Rottluff nach ei­nem eigenständigen künstlerischen Ausdruck gesucht hat. In ‚Gärtnerei‘ (1906) imitiert er van Gogh, in ‚Mädchen bei der Toilette‘ (1912) seinen ‚Brü­cke‘-Mitstreiter Pechstein, in ‚Weinstube‘ (1913) den verehrten Edvard Munch, in ‚Nach dem Bade‘ (1926) Max Beckmann und in den Seelandschaften immer wieder sein großes Vorbild Nolde. Erst nach dem Ausglühen der expressionistischen Sonne ab Mitte der Zwanzigerjahre wird seine Malerei un­verwechselbar.“

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