War das bronzezeitliche Troia eine richtige Stadt? Wer geglaubt hatte, mit dieser Frage allenfalls in isolierten Fachkreisen der Altertumswissenschaften Aufmerksamkeit erzielen zu können, wurde in den Jahren seit 2001 gründlich eines Besseren belehrt. Denn damals rollte eine Lawine der Erregung durch Funk und Fernsehen, durch die großen und kleineren Tageszeitungen der Republik, und losgetreten hatte diese Lawine Frank Kolb. Ihn hatte die von seinem Tübinger Kollegen Manfred Korfmann, dem Troia-Ausgräber, in der Stuttgarter Troia-Ausstellung ins Bild und ins Stadtmodell gesetzte Vorstellung, das spätbronzezeitliche Troia sei eine große Handelsmetropole und Siedlung mit dicht besiedelter Unterstadt gewesen, so sehr in Rage versetzt, dass er Korfmann öffentlich zum „Däniken der Archäologie“ erklärte.
Die anschließenden Diskussionen und Kontroversen, die zunächst in einem großen, medial inszenierten und breit rezipierten Tübinger „Gladiatoren-Symposion“ mit Kombattanten auf beiden Seiten kumulierten, zogen sich über Jahre hin, und Kolb wich niemals auch nur eine Handbreit von seinem Vorwurf ab, Korfmann und seine fachlichen Unterstützer hätten die archäologischen Befunde in inakzeptabler Weise aufgeblasen und die Gebote wissenschaftlicher Redlichkeit in eklatanter Weise verletzt. Noch im Jahr 2010 legte Kolb in einem Buch mit dem Titel „Tatort ‚Troia‘“ seine Sicht der Dinge erneut in schonungsloser, Polemik nicht scheuender Deutlichkeit dar.
Kyaneai hieß seine Stadt
Kolbs Unerbittlichkeit war typisch für ihn. In Fachfragen kannte er kein Pardon, und das erfuhren nicht nur Kollegen, sondern auch die zahlreichen jungen Nachwuchsgelehrten, die in seinem Umfeld heranwuchsen. Die positive Kehrseite seiner altkonservativen Leistungsethik war die unerschütterliche Loyalität, mit der Kolb „seine“ leistungsbereiten jungen Leute jahrelang begleitete. Besonders deutlich trat dies in den Jahren 1989 bis 2001 zutage, als Kolb mit einer zeitweise dreißig Personen zählenden Equipe die Siedlungskammer der zentrallykischen Polis Kyaneai in der heutigen Südwesttürkei Meter für Meter erforschte und etliche Monographien verfassen ließ – noch im Sommer 2025 versammelte sich fast die gesamte Lykien-Schar in Kolbs gastfreundlichem Tübinger Garten, um seinen achtzigsten Geburtstag nachträglich zu begehen.
Auch Kriegsverlierer können Schwein gehabt haben: Fund Heinrich Schliemanns aus Troiabpk / Museum für Vor- und Frühgeschichte, SMB / Jürgen LiepeDas geradezu leidenschaftliche Interesse an siedlungshistorischen Fragestellungen hatte Kolb erst im Laufe seiner erstaunlichen wissenschaftlichen Karriere entwickelt. Eigentlich war er zunächst – mit altphilologisch fundiertem Scharfsinn – in der spätantiken Historiographie beheimatet und ging, nach der in Bonn bei Johannes Straub (mit 25 Jahren) angefertigten Dissertation über die „Historia Augusta“, für zwei Jahre zu Andreas Alföldi nach Princeton. Bereits fünf Jahre später war er in Berlin habilitiert und mit gerade einmal 32 Jahren ordentlicher Professor in Kiel.
Dort publizierte er 1984 „Die Stadt im Altertum“ – den umfassenden Versuch einer Siedlungsgeschichte der Antike, die sich in diesem Fall vom Alten Orient bis in die Spätantike erstreckte. Nach dem Wechsel auf das Ordinariat in Tübingen folgte das erste opus magnum: eine (archäologisch-historisch grundierte) Geschichte der Stadt Rom, in der Kolb quellenkritisch die (in der italienischen Archäologie gern akzeptierte) literarische Überlieferung zum frühen Rom mit der archäologischen Evidenz zu widerlegen suchte.
Mit großen Werken ging es weiter: einer monumentalen Synthese der Erkenntnisse zu Kyaneai und einer fast achthundert Seiten starken Darstellung Lykiens in archaischer und klassischer Zeit. Bis in die letzten Tage seines Lebens arbeitete dieser mit herkulischer Arbeitskraft ausgestattete Kenner aller Epochen und Teilgebiete der Althistorie an dem zweiten Band über das hellenistische und römische Lykien. Am vergangenen Sonntag ist er gestorben.

vor 2 Stunden
1








English (US) ·