„Hamnet“-Film im Kino: Oscar oder nicht Oscar – das ist nicht die Frage

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Das 17. Jahrhundert war noch ganz jung, als am Globe Theatre in London ein damals geläufiger Stoff in einer neuen Fassung auf die Bühne kam: „Hamlet, Prinz von Dänemark“ von William Shakespeare wurde wohl 1601 oder 1602 zum ersten Mal gespielt. Wir wissen heute recht gut, wie das Theater der elisabethanischen Zeit ausgesehen hat. Aber auch Menschen vom Fach und alle, die sich zum großen Barden eingelesen haben, dürften über die letzte halbe Stunde eines neuen Films staunen, in dem die Uraufführung von „Hamlet“ in angemessener Ausführlichkeit nachempfunden wird.

Der Film heißt „Hamnet“, und dass man wegen des Reims, wegen des nahezu vollständigen, nur durch einen Konsonanten gebrochenen Gleichklangs, stutzt, ist Programm. Die amerikanische, aus China stammende Regisseurin Chloé Zhao erzählt nämlich von einer schöpferischen Verwandlung. Hamnet war der Name des Sohns, den William Shakespeare mit seiner Frau Agnes hatte. Das Kind starb 1596, als in England die Große Pest umging. Familien können an einem solchen Verlust zerbrechen. In „Hamnet“ aber finden Agnes und William schließlich neu zusammen, und zwar an dem Ort, an dem „Hamlet“ das Licht der Welt erblickt: im Globe Theatre.

Die Oscar-Chancen sind hoch – vor allem für die famose Jessie Buckley

Im Sommer des vergangenen Jahres war es dem kleinen amerikanischen Telluride Film Festival beschieden, den Film von Chloé Zhao zum ersten Mal zu zeigen. Der Termin im August hat im streng getakteten Kalender der amerikanischen Kinobranche eine besondere Bedeutung, denn man hat zu diesem Zeitpunkt immer schon den März des folgenden Jahres im Auge, wenn in Los Angeles die Oscars vergeben werden. Dass „Hamnet“ dabei eine Rolle spielen könnte, stand aus verschiedenen Gründen außer Frage. Chloé Zhao hat den Preis ja schon einmal gewonnen, 2019 war das, bester Film und beste Regie für „Nomadland“, in dem es um Arbeitsmigranten in Amerika geht, mit Frances MacDormand in der Hauptrolle. Mit dem Prestige von damals kann Chloé Zhao in großer Freiheit arbeiten.

Jessie Buckley (Mitte) in Chloé Zhaos Film „Hamnet“Jessie Buckley (Mitte) in Chloé Zhaos Film „Hamnet“dpa

Bei „Hamnet“ sieht nun alles danach aus, dass die Oscar-Chancen erneut hoch sind – vor allem für die famose Jessie Buckley, die in der Rolle der Agnes auch das heutige Kinopublikum vertritt. Paul Mescal, der seit „All of Us Strangers“ von einer treuen Gemeinde geliebt wird und der in „Gladiator II“ auch die ganz großen Leinwände meisterte, spielt William Shakespeare. Bei den Golden Globes wurde „Hamnet“ vergangene Woche schon als bestes Drama gewürdigt. Der Weg bis zu den Oscars ist allerdings noch mit zahlreichen Promoterminen und Interviews gepflastert. So kam Chloé Zhao bereits im Dezember auch nach Berlin, und es gab Gelegenheit, mit ihr über das ewige Rätsel Shakespeare zu sprechen.

Es geht um ein Wissen hinter dem Wissen

Sie sieht ihn als Mystiker. „Hamnet“ beginnt in der englischen Provinz, wo eine junge Frau und ein junger Mann im Wald und auf der Heide aufeinandertreffen: Agnes und Will. Ihre Beziehung wird von der Natur gestiftet. Die Bäume mit ihrem tiefen Wurzelwerk sind ihr Tinder. Agnes ist die aufmüpfige Tochter einer frommen Familie. Manchmal hört man, wie ihr das Wort „Hexe“ hinterhergeflüstert wird. Will ist der Lateinlehrer, ein Mann, der mit der Sprache vertraut ist. Das englische Wort „mysticism“ ist nicht ganz leicht zu übersetzen. Mystik ist eigentlich zu einfach, es geht um ein Wissen hinter dem Wissen, um ein Eingeweihtsein in Geheimnisse, die der Wissenschaft oder der Vernunft verborgen bleiben.

Chloé Zhao lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich selbst in einer vergleichbaren Position zu Shakespeare sieht. Sie möchte sich nicht mit ihm messen, darum geht es nicht. Aber „Geschichtenerzähler haben eine große Verantwortung in der modernen Gesellschaft“. Sie müssen in der Lage sein, „die Ewigkeit in einer Stunde“ zu erfassen. Chloé Zhao zitiert den Dichter Willam Blake (1757–1827), der für sie ein „Druide“ ist, ein heidnischer Priester in einer Welt, die der von Agnes noch sehr nahe ist.

Ausgangspunkt für „Hamnet“ war ein gleichnamiger Roman von Maggie O’Farrell, mit dem die Autorin ein sehr berechtigtes Anliegen hatte: Sie wollte die Geschichte der Frau von William Shakespeare erzählen. Sie bleibt in der Kleinstadt, als Will schon immer häufiger in London ist, wo er Dinge tut, die Agnes nicht versteht. Sie bekommt eine Tochter, Susanna, und dann auch noch Zwillinge, Judith und Hamnet. Sie muss mitansehen, wie die Seuche durch das Land zieht und schließlich den geliebten Sohn das Leben kostet. Sie muss mit ihrer Trauer zurechtkommen und weiß dabei nicht so recht, ob ihr Mann eigentlich noch an ihrer Seite ist oder ob er sich dem Leben der Familie schon entfremdet hat. London ist für sie nicht ein paar Dutzend Kilometer, sondern ein paar Welten entfernt.

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Das komplexe Verhältnis zwischen Kunst und Leben

„Wir haben in unserem Drehbuch die Rolle von Will größer gemacht. Es sollte wirklich die Geschichte eines Paares sein, es sollte um zwei Figuren gehen, eine Hand ergreift die andere. Und wir haben das Stück größer gemacht“, erzählt Chloé Zhao von ihrer Schreibarbeit mit Maggie O’Farrell. „Hamlet, Prinz von Dänemark“ ist die Tragödie eines jungen Mannes, dessen Mutter nach dem Tod des alten Königs ausgerechnet dessen Mörder heiratet. Hamlet will Rache nehmen für seinen Vater, der ihm als Geist erscheint. Es ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wie sich diese Geschichte zu der Trauer um den kleinen Hamnet verhält. Aber der Film läuft genau auf den Moment hinaus, in dem Agnes diese Verbindung begreift – und damit das komplexe Verhältnis zwischen Kunst und Leben.

Die letzte halbe Stunde von „Hamnet“ führt in ein elisabethanisches Theater und zeigt, wie man sich eine zeitgenössische Theaterproduktion vorstellen könnte. Das ist der Teil, den Chloé Zhao meint, wenn sie sagt, sie hätte „das Stück größer gemacht“. Es ist dieser Teil, der deutlich über den Roman hinausgeht und zugleich emotionaler wie intellektueller Höhepunkt eines sehr bewegenden Films ist. Agnes und Will gehen hier noch einmal eine andere Beziehung ein – eine Beziehung zwischen Autor und Publikum. Man kann in diesem Moment etwas von dem begreifen, was Theater einmal war – ein magisches oder mythisches Ritual, eine Möglichkeit, das eigene Leben in einem neuen Licht zu sehen.

Das Wort „Ritual“ ist für Chloé Zhao genauso wichtig wie „Mystik“. Sie wurde in der Volksrepublik China geboren, kam aber als Teenager auf ein englisches Internat und ging von dort in die USA, wo sie schließlich eine Filmausbildung begann. Bekannt wurde sie 2015 mit „Songs My Brothers Taught Me“, den sie in South Dakota in einem Reservat für Native Americans vom Stamm der Lakota drehte. Es folgte der Neo-Western „The Rider“ und schließlich 2018 „Nomadland“. Danach bekam sie die Gelegenheit, mit „Eternals“ einen Beitrag zum Marvel-Superhelden-Universum beizusteuern, ein Kapitel, das mit einem der größten Unternehmen der Kulturindustrie angemessen fremdelt.

Chloé Zhao erlebte ihre Kindheit und Jugend als „sehr verstörend“

Das Kino oder das Erzählen von Geschichten muss für sie eine Erlösung gewesen sein, denn Chloé Zhao erlebte ihre Kindheit und Jugend als „sehr verstörend. In meinen Teenagerjahren, in meinen Zwanzigern und sogar noch mit über 30 hatte ich viele Probleme mit meiner Körperlichkeit. Ich war von einer tiefen Angst beseelt, ich würde sterben, ohne Liebe erlebt zu haben oder der Wahrheit nahegekommen zu sein.“ Wenn man sie heute trifft, wirkt sie, mit ihrer leisen, aber bestimmten Ausdrucksweise, mit ihrem sanften Öko-Appeal, wie jemand, der in sich ruht und sehr genau weiß, welche „Alchemie“ sie mit dem Medium Film zur Verfügung hat.

Bei William Shakespeare wird aus dem Geist seines Sohns Hamnet, der die trauernde Familie nicht zur Ruhe kommen lässt, der Geist, der Hamlet auf der Bühne erscheint. Das ist ein Akt, der den Schmerz nicht stillt, aber der ihn auf eine andere Ebene hebt. „Sein oder Nichtsein“ – das berühmte Zitat aus „Hamlet“ ist vielleicht doch nicht die letzte Frage.

Der Tod ist nur die eine Seite eines Übergangs

Hinter dieser Deutung steckt für Chloé Zhao eine Weisheit, die sie auf ihrem eigenen Lebensweg allmählich gefunden hat. Man kann mit ihr gut über westliche Philosophie reden, sie ist allerdings überzeugt, dass Platon und Aristoteles noch mit einer geheimen Lehre in Verbindung waren, die einen „Zugang zum Göttlichen“ ermöglichte. Als sich die Philosophie einseitig auf den Logos konzentrierte, gab sie ein geheimes Erbe auf, das seither immer wieder neu gehoben werden muss.

Lange Zeit hat Chloé Zhao sich von China, wo sie 1982 in Peking zur Welt kam, wegbewegt. Heute kann sie besser sehen, dass das Tao, das zentrale Konzept im chinesischen Denken, von der „heidnischen“ westlichen Mystik nicht so weit entfernt ist. Auch von C. G. Jung hält sie sehr viel. „Der hat sich doch nur als Psychiater ausgegeben, weil sie ihn sonst ins Irrenhaus gesteckt hätten.“ Das „Rote Buch“, in dem Jung seine Träume und Visionen notierte, ist für sie wie eine Bibel.

Und Shakespeare war auch jemand, der etwas „heraufbeschwören“ konnte, was im Prozess der Zivilisation verloren gegangen war. Der eine „Katharsis“ ermöglichen kann oder eine Epiphanie, wie Agnes sie mit der Kunst ihres Mannes hat. Der Tod ist demnach nur die eine Seite eines Übergangs, nichts Endgültiges. Shakespeare ist für sie „ein Prophet, und vielleicht wurde er das durch Agnes“.

Im heutigen Amerika lebt Zhao in einem Land, in dem auch sie theoretisch jederzeit von ICE-Agenten in die Mangel genommen werden könnte. Sie ist längst Staatsbürgerin, und der Oscar und ihre Karriere sind ein guter Schutz. Aber sie hat auf ihrem Weg viele Erfahrungen mit den Umbrüchen in der Welt seit 1989 gemacht. Das allgemeine Krisenbewusstsein in der Gegenwart hat für sie einen größeren Grund. Heute geht die Geschichte offensichtlich auf einen epochalen Übergang zu. „Ich glaube an Zyklen, an so etwas wie die Jahreszeiten, an eine Spiralbewegung in der Geschichte. Und wenn eine Jahreszeit zu Ende geht und eine neue sich ankündigt, dann herrscht ein Durcheinander, dann gibt es Krisen.“

Eine Menschheit, die schon einige Jahrtausende mit diesen zyklischen Vorgängen durchlebt hat, sollte eigentlich genügend „Zeremonien und Rituale“ parat haben, um sich gerade im Durcheinander zurechtzufinden. Der Film „Hamnet“ wäre demnach auch so eine Zeremonie? Chloé Zhao nickt. „Das wäre meine Hoffnung. Ein Werk, das die Menschen zusammenbringt.“ Mit Agnes und William Shakespeare an der Seite kann man sich getrost den Rätseln des Lebens stellen, und nebenbei gibt es auch faszinierende Hinweise für das Rätsel um den großen Dichter. „Hamnet“ ist ein intimer Film, der eine ganze Kosmologie enthält. Oscar oder nicht Oscar, das ist hier nicht die Frage. Es geht um Wichtigeres.

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