Johannes Fried gestorben: War Karl der Große wirklich groß?

vor 19 Stunden 2

Die beiden konkurrierenden Deutschen Geschichten in Einzelbänden der Verlage Siedler und Propyläen wurden vor der Wiedervereinigung konzipiert und nach dem unerwarteten Eintreten des Ereignisses abgeschlossen. Repräsentativ waren diese Reihen nicht nur durch die luxuriöse Buchgestaltung; beiden Verlagen gelang es, als Verfasser der recht konventionell abgegrenzten Epochenbände bedeutende Fachhistoriker zu gewinnen. Den besonders wichtigen ersten Band schrieb für Propyläen der 1942 in Hamburg geborene Frankfurter Historiker Johannes Fried.

„Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024“ erschien 1994 und wurde in der F.A.Z. von Frieds berühmtem Pariser Kollegen Jacques Le Goff besprochen. Die Frage, wann, wo und wie man sich diese Ursprünge zu denken hat, war in der Epoche der gleichzeitigen Formierung der professionellen Geschichtswissenschaft und der mehr oder weniger demokratischen Nationalstaaten Thema deutsch-französischer Kontro­ver­sen gewesen. Le Goff hob hervor, dass Fried sich nicht nur im intellektuellen Ansatz, sondern auch mit seinem Duktus des Schreibens gegen die Versuchung teleologischer Rückprojektion gewappnet hatte. „Frieds Werk steht unter dem Zeichen der Vielfalt, des Tastens, der Langsamkeit.“

Deutsch zu sein hieß, nicht Latein zu sprechen

Für den Weg der Deutschen, die über Jahrhunderte noch nicht so hießen, weil das Wort für dieses Volk zunächst nur die Volkssprache bezeichnete, gilt dasselbe wie für den Weg des Verfassers, der seine konzeptionellen Entscheidungen durchgängig im Zusammenhang mit Quellenfragen erwog. Le Goff, der wie der achtzehn Jahre jüngere Fried als Sozialhistoriker des mittelalterlichen Gelehrtentums begonnen hatte, stellte Fried in die Nachfolge von Percy Ernst Schramm, der mit seinen Untersuchungen der Herrschaftszeichen als einer der ganz wenigen deutschen Zunfthistoriker die Anregungen Aby Warburgs aufgenommen hatte.

Im Rückblick scheint es ein Fall von Aberglaube, dass vielgehörte deutsche Intellektuelle als Folge der Wiedervereinigung eine automatische Renaissance der Pathosformeln des Kulturnationalismus befürchteten. Fried stellte pointiert heraus, dass das Volk, aus dem die Deutschen wurden, am Anfang ohne Urbilder eines aus literarischer Überlieferung abgeleiteten Geschicks auskommen musste. „Ihnen fehlte, was die anderen auszeichnete. Sie tauchten aus keinem vorzeitlichen Dunkel auf, hatten kein brennendes Troja verlassen, waren an keine neuen Ufer verschlagen worden, eroberten kein Reich. Ihr Werden vollzog sich im ernüchternden Licht der Geschichte und ließ sich in keinen Mythos bannen.“ Deutsche Historiker sind dann aus Mangel an mythologischen Vorbildern zum Rationalismus verdammt.

Vor dem Hintergrund dieser Lagebestimmung war es eine ironische Volte der Fachgeschichte, dass Fried in der von ihm mitherausgegebenen „Historischen Zeitschrift“ der rezensorische Prozess gemacht wurde, weil er sich im Propyläen-Band dichterische Freiheit herausgenommen habe. In der Dankesrede für den Preis des Historischen Kollegs antwortete Fried 1996 mit grundsätzlichen Erläuterungen zur konstruktiven Funktion der Phantasie.

Die Quellenkritik ist der Königsumweg

Frieds Lebenswerk steht unter dem Zeichen der Vielfalt, des Tastens und der Langsamkeit, weil er immer von der Quellenkritik ausging und auf die Quellenkritik zurückkam, die Königsdisziplin im Tugendkanon der Mediävisten. Die Zerlegung von Problemen war ihm freilich nicht genug, er präsentierte fast immer auch Lösungen. Dass auch bei deren Beurteilung der ästhetische Sinn nicht sachfremd ist, deutete Rudolf Schieffer an, als Hüter der Tradition der Monumenta Germaniae Historica scheinbar der methodologische Antipode Frieds, als er in seiner Besprechung von Frieds Monographie über die Begründung des polnischen Königtums die Frage stellte, warum „noch niemand auf diesen eleganten Lösungsvorschlag verfallen“ sei. Fried hatte den Vorschlag in Schramms Manier durch Untersuchung einer Bildquelle entwickelt.

Sein Talent für die Kombination von Quellenkritik und Hypothesenbildung machte Fried in der heimatlichen Fachwelt der Übervorsichtigen zum großen Provokateur und Anreger. Seine große öffentliche Ausstrahlung verdankt er seiner Überzeugung, dass auch das, was Historiker der Generation Franz Schnabels die Geschichtsschreibung großen Stils nannten, auf dem Niveau zeitgenössischer erkenntniskritischer Reflektiertheit möglich und nötig ist. Seine Biographie Karls des Großen von 2013 fand auch in englischer Übersetzung große Resonanz.

Unter dem Namen einer „Memorik“, welche die klassische philologische Quellenkritik mit der Hirnforschung überbieten sollte, rief Fried eine Revolution aus, die ausgeblieben ist. Dass auch das Schwärmerische dieses Versuchs nichts Wissenschaftsfremdes war, kann man sich durch vergleichendes Studium der Intellektuellen im Mittelalter klarmachen. In der F.A.Z.-Rezension über ein von Arno Borst herausgegebenes Sammelwerk zum Tod im Mittelalter vermerkte Fried 1993: „Lange wurde die Darstellung des toten Christus am Kreuz gemieden.“ Frieds letzter Beitrag zur historischen Forschung waren zwei Bände unter der Hypothese, dass Jesus vom Kreuz hinabgestiegen sei. Im Alter von 83 Jahren ist Johannes Fried in der Nacht zum Sonntag in Heidelberg gestorben.

Gesamten Artikel lesen