Handball-EM: Ein fast noch unbekannter Spieler glänzt beim Sieg gegen Portugal

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Deutsche Handballer siegen gegen Portugal Die erste Nervenschlacht ist gewonnen. Und einer wird zum heimlichen Helden

Deutschland kämpft in einer schweren Gruppe um das EM-Halbfinale und hat den Anfang gemacht. Beim Portugal-Krimi überragte ein Spieler, den kaum jemand kennt. Aber es gab auch Enttäuschungen - nicht zuletzt bei der ARD.

22.01.2026, 18.15 Uhr

Justus Fischer bejubelt den deutschen Sieg gegen Portugal

Justus Fischer bejubelt den deutschen Sieg gegen Portugal

Foto: Sina Schuldt / dpa

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Nur noch Sekunden: Es war eine Nervenschlacht bis in die letzten Sekunden. Deutschland führte kurz vor Schluss im ersten Hauptrundenspiel der EM gegen Portugal, 30:29. Dann vergab Lukas Mertens nach einem perfekten Anspiel von Nils Lichtlein einen Wurf aus freier Position. Doch den direkten Gegenstoß der Portugiesen gab es nicht, stattdessen folgte ein Siebenmeter für Deutschland, weil Mertens beim Wurf gestört wurde. Lukas Zerbe übernahm die Verantwortung. Tor – Deutschland hätte so gut wie sicher gewonnen. Fehlwurf – und Portugal wäre noch einmal dran. Aber Zerbe behielt die Nerven.

Ergebnis: Am Ende siegte die DHB-Auswahl in einem extrem kampfbetonten Spiel gegen Portugal 32:30. Damit steht sie mit 4:0 Punkten an der Spitze der Hauptrundengruppe I. Die Chancen auf das Halbfinale sind gestiegen, doch es bleibt schwer. Zum Spielplan der EM geht es hier entlang.

Der Gegner: Bisher zählte Portugal vor großen Turnieren nicht selbstverständlich zum Kreis der Titelanwärter. Doch spätestens seit vergangenem Dienstag dürfte sich das geändert haben. Mit dem sensationellen Sieg über das favorisierte Dänemark haben die Portugiesen gezeigt, dass sie im Handball ganz oben mitspielen wollen. Lange war Portugal weit entfernt von diesem Weltniveau, aber seit der WM im Vorjahr (vierter Platz) wächst das Selbstverständnis einer neuen Macht. Maßgeblich dafür: die Costa-Brüder, Martim und Francisco, beide jung, beide bei Sporting CP und beide auf dem besten Weg, zu Weltstars zu werden.

Vollstrecker gesucht: Im Vorjahr war Deutschland im WM-Viertelfinale nach Verlängerung dramatisch 30:31 an Portugal gescheitert. Es blieb eine offene Rechnung, die nun beglichen werden sollte. Doch die DHB-Auswahl zeigte sich alles andere als in der Eintreibungslaune eines Inkassobüros. Im Angriff zahlte man eher Lehrgeld: ein Fehlpass hier, ein überhasteter Wurf dort, dazu prallte man immer wieder an der extrem robusten portugiesischen Deckung ab. Spielmacher Juri Knorr kam schnell auf drei Fehlwürfe und saß schon bald draußen. Vieles wirkte fahrig, als hätte das Team nach dem überzeugenden Spanien-Sieg etwas die Nerven verloren. Nach 15 Minuten stand es 7:5 für Portugal.

Viel Luft nach oben: Doch Handball bleibt Handball: Zwei-Tore-Vorsprünge sind hier bloß Episoden. Und weil A) Nils Lichtlein beim Siebenmeter so präzise traf wie ein Laserpointer um Mitternacht, B) Andreas Wolff früh auf Topniveau hielt und C) die Portugiesen nicht so konzentriert wie gegen Dänemark agierten, stand es zur Pause 11:11. Dieser Zwischenstand war bis dahin die beste Nachricht aus deutscher Sicht.

Kontra 15.30 Uhr: DHB-Teammanager Benjamin Chatton versprach für die nächsten Tage Handball-Krimis im Stil alter Hitchcock-Klassiker. Vielleicht trifft das für die Spannung der Spiele zu. Doch eins muss man festhalten: Vor Ort dabei zu sein, da scheint das Interesse nicht gerade groß. Am Donnerstagnachmittag irrten nur verschwindend wenige Fans zum Krimidinner in die dänische Halle von Herning. Klar, ungünstiger Termin, die TV-Quoten dürften wieder ordentlich sein, doch die extrem leeren Ränge werden den Veranstaltern nicht gefallen.

 Probleme mit Portugals harter Deckung

Juri Knorr: Probleme mit Portugals harter Deckung

Foto: Maximilian Koch / IMAGO

Licht und mehr Schatten: Unmittelbar nach der Serbien-Pleite am vergangenen Wochenende griff Spielmacher Juri Knorr die Wechselentscheidungen von Trainer Alfreð Gíslason an. Gewagt, dieser Ausflug ins Rampenlicht mitten in einer Endrunde, auch wenn er inhaltlich nicht Unrecht hatte. Als deutsche Handball-Hoffnung steht Knorr ohnehin schon genug im Fokus, erst recht im Kopf-an-Kopf-Duell gegen Portugal, wo Kleinigkeiten entscheiden. Dort häufte er kleine Fehler an: Erst in der 43. Minute traf er erstmals aus dem Rückraum zum 19:18. Der Durchbruch? Kurz darauf stürmte er wild in den Zweikampf inmitten einer vielversprechenden Angriffsszene – Stürmerfoul. An der Linie schüttelte Gíslason den Kopf.

TV-Kritik: Johannes Bitter war ein großartiger Handballtorwart, aber ist er auch ein großer TV-Experte? Seine Rolle als ARD-Co-Kommentator darf man schon mal hinterfragen. Denn Bitter lässt sich vor allem von vermeintlichen Schiedsrichterfehlern mitreißen, wettert gegen das angeblich zu harte Spiel der Portugiesen. Etwas weniger Fanbrille, auch mal eine inhaltlich neutrale Erklärung, wie sie auch der ZDF-Handball-Experte Sven-Sören Christophersen (ebenfalls einst deutscher Nationalspieler) hinbekommt, wären gar nicht schlecht.

Torjäger Miro Schluroff

Torjäger Miro Schluroff

Foto: Sina Schuldt / dpa

Mann des Spiels: Hinterher wurde Torwart Wolff als bester Spieler ausgezeichnet. Bei 13 Paraden und einer Abwehrquote von knapp 32 Prozent gehaltener Bälle war das keine schlechte Entscheidung des Veranstalters. Vielleicht war aber auch ein anderer der wahre Gewinner dieses Abends, einer, den vor der EM zumindest das breite Publikum kaum gekannt haben wird: Miro Schluroff, 25, der zum ersten Mal überhaupt bei einem großen Turnier dabei ist. Der Spieler des VfL Gummersbach erzielte sieben Tore bei acht Würfen. Eine seiner größten Stärken ist sein harter Wurf. Bei der EM wurden bei ihm bereits Geschwindigkeiten von bis zu 140 Kilometern pro Stunde gemessen.

Ausblick: Torhüter Wolff hatte vor Beginn der Hauptrunde gesagt: Gegen alle Gegner gewinnen, gegen alle verlieren – beides wäre möglich. Mit dem Portugal-Sieg fällt zumindest Letzteres weg, hart bleibt es trotzdem: Samstag gegen Norwegen, Montag gegen Gastgeber Dänemark, Mittwoch der Hauptrunden-Showdown mit Frankreich. Alles gefühlte Endspiele. Verrückt: Erst danach findet das Halbfinale statt.

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