Alle Männer sind Narren, und alle Männer sind Ritter, wenn es um die Frauen geht: So besagt es ein Vers über die sieben Königslande von Westeros. Auf jenen feudal-mittelalterlichen Kontinent, in dem Adelshäuser um den Eisernen Thron kämpfen, kehrt HBO mit der dritten Serienadaption der Werke von George R. R. Martin zurück. Der Ableger „A Knight of the Seven Kingdoms“ setzt rund neunzig Jahre vor der Handlung von „Game of Thrones“ an. Sowohl närrische als auch ritterliche Züge vereint der Held Dunk (Peter Claffey) in sich, nicht nur, aber auch dann, wenn es um die Frauen geht.
Gleich zu Beginn muss der unbeholfene Hüne um seinen Mentor Ser Arlan von Pennytree trauern. Der greise und trunksüchtige Edelmann zog als sogenannter Heckenritter, also als fahrender Ritter, der keinen Lehnsherrn und keine eigenen Ländereien hat, obdachlos über Felder und Wiesen. Immer an seiner Seite: sein treuer Knappe Dunk, den er als Jugendlichen unter seine Fittiche genommen hatte. Doch auch das größte Kämpferherz hört irgendwann auf zu schlagen. So begräbt der Zögling seinen Ziehvater, der ihn mehr schlecht als recht in der Fechtkunst ausgebildet, aber ein einfaches und gerechtes Leben zu führen gelehrt hat, an einem Baum irgendwo im Nirgendwo.
Ein „Game of Thrones“ des kleinen Mannes
Jetzt heißt es für Dunk, sich allein in der Welt von Westeros zurechtzufinden, in der das einfache Volk unter der Knute der Mächtigen steht. In einer solchen Welt braucht es edle Ritter, die sich für die Unschuldigen einsetzen. Dunk beschließt, als „Ser Duncan der Große“ in die Fußstapfen seines Meisters zu treten. Beim großen Turnier von Ashford will er sich beweisen.
Doch dummerweise glaubt ihm kaum jemand, dass er tatsächlich ein echter Ritter ist. Schließlich gab es bei seinem vermeintlichen Ritterschlag keine Zeugen. Nicht einmal die Zuschauer wissen anfangs, ob Ser Arlan seinem Schüler diese Ehre vor seinem Tod wirklich zuteilwerden ließ. Einer jedoch ist aufrichtig von Dunks Edelmut überzeugt. Ein kahlköpfiges Bürschlein namens Egg, gespielt von Dexter Sol Ansell, will Dunk unbedingt als Knappe dienen. Hartnäckig bleibt er an seiner Seite, bis sein selbst erwählter Lehrmeister einwilligt. Dieser hinterfragt auch nicht, warum sein junger Gefolgsmann für einen angeblichen Waisenjungen erstaunlich gebildet ist.

Sowohl der 1,96 Meter große frühere Rugbyspieler Claffey als auch der Knappendarsteller Ansell verleihen dem ungleichen Duo – das durchaus an Cervantes Don Quijote und Sancho Pansa erinnert – viel Herz und Einfühlungsvermögen, sodass man ihrer Geschichte gerne folgt. Ihre Bewährungsprobe wird auf andere Weise erzählt, als wir es von „Game of Thrones“ und „House of the Dragon“ kennen. Dort konnte man kaum einem Charakter ein reines Herz bescheinigen, und die Besitzlosen waren meist die Leidtragenden im Kampf der verdorbenen und durch Macht korrumpierten Adelshäuser. Dass nun ein idealistischer, mitunter tollpatschiger Volksritter die Handlung trägt, setzt einen erfreulichen Kontrapunkt zur Härte der Vorgängerserien.
Auch der Humor ist ein anderer. Wo er zuvor meist zynisch, bitter und mitunter grausam war, klingt er hier ironisch und leicht, ohne an Derbheit zu verlieren. Etwa wenn Duncan seinen verstorbenen Herrn aus dem Off als „echten Ritter“ preist, der, „anders als die meisten Männer“, von „friedlicher Natur“ gewesen sei, während die Bilder diese Umschreibungen spöttisch unterlaufen: Sie zeigen einen alten, verlotterten Mann, der einer Bauerndirne befiehlt, liegen zu bleiben, nackt vor die Steinhütte tritt und sich mit geradezu lächerlich großem Gemächt erleichtert.
Es mangelt auch in dieser Serie nicht an Flüchen, schlagfertigen Huren, feierwütigen Lords und Drastik in jeder Hinsicht. Körperflüssigkeiten werden literweise ausgeschieden, ausgespien und ausgeblutet. Das Blutvergießen hält sich, gemessen an „Game of Thrones“, in Grenzen. Sicher, auf dem Turnierplatz geht es brutal zu. Doch gemeuchelt und intrigiert wird nicht, machiavellistische Machtkämpfe sind nicht Teil der Geschichte. Es ist ein „Game of Thrones“ des kleinen Mannes, das in den ersten Folgen fast schon gemächlich auf seinem einzigen Handlungsstrang ruht.
Fans der ersten beiden Serien aus Martins Fantasywelt, die epische Schlachten mit feuerspeienden Drachen, die in diesem Zwischenzeitalter ausgestorben sind, und tödliche Ränkespiele zwischen zahlreichen Fraktionen vermissen, könnten sich an dieser Bedächtigkeit stoßen, nicht ganz zu Unrecht. Wer sich jedoch darauf einlässt, erlebt eine mitreißende Heldenreise, die gerade erst beginnt und zeigt, dass nicht die Abstammung, sondern der Charakter einen Chevalier ausmacht.
A Knight of the Seven Kingdoms startet am Montag bei HBO Max.

vor 20 Stunden
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