Das Gedicht „The Rival“ ist Teil der unter dem Titel „Ariel“ veröffentlichten Sammlung von Poemen, die Sylvia Plath größtenteils im Jahr vor ihrem Tod 1963 verfasste. Darüber, wer der Rivale oder die Rivalin in dem gleichnamigen Gedicht aus dem Winter 1962 sein mag, ist viel spekuliert worden. Die beiden Hauptverdächtigen sind Ehemann Ted Hughes sowie dessen damalige Affäre und spätere Ehefrau, die Werbetexterin und Übersetzerin Assia Wevill. Begibt man sich auf Spurensuche, landet man in einem unentwirrbaren Geflecht aus autobiographischen und intertextuellen Hinweisen, die sich in den Gedichten und Briefen des sich damals in einer tiefen Krise befindlichen Schriftstellerpaares entdecken lassen. Manche sehen auch Sylvias Mutter, Aurelia Plath, oder die Schriftstellerin Marianne Moore als mögliche Kandidatinnen. Während das Englische die Frage nach dem Geschlecht von „The Rival“ offenhält, drängt das Deutsche hier zu einer Entscheidung.
In der vorliegenden Übersetzung hat Alissa Walser die weibliche Form gewählt. Diese Wahl scheint mir auch ohne genauere Analyse der autobiographischen Hintergründe sinnvoll zu sein. Einen ersten Hinweis gibt die doppelte Struktur dieses Gedichts. Neben der durch und durch toxischen Beziehung zwischen dem Du und dem Ich findet sich ein zentraler Vergleich zwischen jenem Du und dem Mond. Der ist bei Plath weiblich konnotiert, und sollte diese Mondin lächeln, so heißt es, würde sie dem Du ähneln. Jenes zwielichtige Du und die Mondin sind einander auch darin ähnlich, dass sie ihr Licht nicht selbst erzeugen können, sondern ihr Leuchten abhängig von anderen ist. Wie die Mondin ihr Licht von der Sonne erhält, so sonnt das Du sich analog dazu im Glanz anderer Menschen. Beide hinterlassen den gleichen Eindruck „von etwas Schönem, aber Auslöschendem“.
Tyrannisch wie der Mond
„Das Leben von Sylvia Plath zwang die Autorin in eine Position Sicherheit bietender Selbsterhöhung“, bemerkt Alissa Walser in ihrem ebenso knappen wie gehaltvollen Nachwort zur Übersetzung. Auch im Vergleich des boshaften Du zur Mondin findet sich eine Art der Selbsterhöhung, ist die Mondin doch vermutlich jene Projektion in eine höhere Sphäre, die eine rettende Distanz zum zerstörerischen Du erzeugt. Die Mondin ist, im Gegensatz zum kalten Du, mit Mitgefühl ausgestattet. Während sie mit ihrem Gesicht aus Kratern und dem O-förmigen Mund „klagend“ auf die Erde blickt, ist das Du empathielos und ohne Emotionen.
Lebendig begraben und selbst zu Stein geworden durch den kalten, medusenartigen Blick der anderen, erwacht das Ich in der zweiten Strophe in einem Mausoleum. Doch auch hier ist das Du schon da, „tückisch wie eine Frau, nur nicht so hektisch“. Dies muss kein Widerspruch sein, wie oft behauptet, kann man es doch auch als ein Echo auf gesellschaftliche Zuschreibungen von Weiblichkeit lesen. Die Mondin ist eine Tyrannin, denn „der Mond erniedrigt seine Untertanen“, wie es in der dritten Strophe heißt, indem er etwa die Mondsüchtigen dazu zwingt, Dinge zu tun, die außerhalb ihrer eigenen Willenskraft liegen. Zum Glück aber ist dieser Einfluss von längeren Pausen unterbrochen, denn tagsüber muss er der Sonne weichen.
Die vermutlich erniedrigenden Briefe des Du trudeln sehr regelmäßig ein. Die Belästigung in den eigenen vier Wänden ist allgegenwärtig. Auch wenn der als „Unbefriedigtheiten“ übersetzte Begriff der „dissatisfactions“, die diese Briefe enthalten, einer gewissen ironischen Distanz nicht entbehrt, dürfen die nicht näher beschriebenen Animositäten in der unliebsamen Post in ihrer Gefährlichkeit nicht unterschätzt werden: Sie breiten sich in der Wohnung aus wie hochgiftiges Kohlenmonoxid, durch das Plath ein Jahr später unter Zuhilfenahme ihres Gasofens sterben wird. Ist dies ein Hinweis darauf, dass die gefährlichen Botschaften von einem abgespaltenen Teil ihres, freilich poetisierten, Selbst stammen?
Das Gedicht endet mit der düsteren Aussicht, dass das Ich nirgendwo mehr sicher sein kann, da das Du seine toxischen Botschaften sogar aus dem fernen Afrika senden wird. Eine mögliche Deutung wäre, die Mondin, das Du und das Ich als drei verschiedene Persönlichkeitsanteile der fiktionalisierten Person Plath zu verstehen. Die Botschaft des Gedichts könnte dann sein: Wohin man auch fliehen mag, sich selbst kann man nicht ausweichen. Doch dies ist nur ein Deutungsangebot unter vielen, denn manches bleibt unklar in diesem hoch spannend konstruierten Gedicht.
Sylvia Plath: „Die Rivalin“
Wenn der Mond lächelte, er würde dir ähneln.
Du hinterlässt eben jenen Eindruck
Von etwas Schönem, aber Auslöschendem.
Beide seid ihr große Licht-Ausleiher.
Sein Voll-Mund beklagt die Welt; der deine bleibt ungerührt,
Und deine erste Begabung ist, Stein aus allem zu machen.
Ich erwache in einem Mausoleum; du bist da,
Tickst mit den Fingern über den Marmortisch, suchst Zigaretten,
Tückisch wie eine Frau, nur nicht so hektisch,
Und schmachtend danach, etwas Unbeantwortbares zu sagen.
Auch der Mond erniedrigt seine Untertanen,
Doch während des Tages ist er lächerlich.
Andererseits kommen deine Unbefriedigtheiten
Mit treuer Regelmäßigkeit durch den Briefschlitz,
Bleich und leer raumgreifend wie Kohlenstoffmonoxid.
Kein Tag ist sicher vor Neuigkeiten von dir,
Die du, durch Afrika wandelnd vielleicht, doch an mich denkst.
Aus dem Englischen von Alissa Walser
The Rival
If the moon smiled, she would resemble you.
You leave the same impression
Of something beautiful, but annihilating.
Both of you are great light borrowers.
Her O-mouth grieves at the world; yours is unaffected,
And your first gift is making stone out of everything.
I wake to a mausoleum; you are here,
Ticking your fingers on the marble table, looking for cigarettes,
Spiteful as a woman, but not so nervous,
And dying to say something unanswerable.
The moon, too, abuses her subjects,
But in the daytime she is ridiculous.
Your dissatisfactions, on the other hand,
Arrive through the mailslot with loving regularity,
White and blank, expansive as carbon monoxide.
No day is safe from news of you,
Walking about in Africa maybe, but thinking of me.
Sylvia Plath: „Ariel“. Urfassung. Englisch und Deutsch. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Alissa Walser. Vorwort von Frieda Hughes. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 221 S., br., 14,– €.
Von Julia Trompeter ist zuletzt erschienen: „Versprengtes Herz“. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2023. 88 S., geb., 22,– €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber

vor 20 Stunden
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