Leistungsdruck bei Musikern: Wenn eine Frau nur funktionieren muss

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Ein Du, das sich abwendet, steht am Anfang des Buches. Am ­Ende dreht es sich um, zeigt der Autorin, dem Ich, sein Gesicht und lacht: „breit und unverstellt“. Zwischen Ab- und Zuwendung entspinnt sich ein ganzes tragisches Leben in einem In­einander aus Dokumentation und Projektion, gerahmt durch einen Traum der Autorin. Diese Autorin wird sich im Traum hellwach bewusst, dass Ab- und Zuwendung des Du ihre eigene Anmaßung gegenüber der Hauptfigur des Romans darstellen. Diese Zudringlichkeit freilich entspringt der Empathie, der Sehnsucht nach Nähe, nicht der künstlerischen Sucht nach Macht über fremdes Material, das zum eigenen werden soll.

Denn diese Hauptfigur hat wirklich gelebt, ohne dass sie der Autorin je begegnet wäre. Beide haben einander um acht Jahre verpasst. Die Pianistin Christina, um die es in dem Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ geht, nahm sich im Februar 1985 in Neubrandenburg im Alter von 24 Jahren das Leben. Helene Bukowski, die Autorin, kam 1993 in Berlin zur Welt.

 „Wer möchte nicht im Leben bleiben“. Roman.Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“. Roman.Verlag

Schon für ihr Debüt „Milchzähne“ war Bukowski 2019 gefeiert, der Roman sofort in mehrere Sprachen übersetzt und dann verfilmt worden. Der Erfolg setzte sich mit „Die Kriegerin“ über Frauen, die ihren Körper im Training bei der Bundeswehr unverwundbar machen wollen, fort. Und auch im neuen Roman spielt die Verwundbarkeit des weiblichen Körpers durch eine schwere gynäkologische Krankheit eine wich­tige Rolle. Er bewegt sich damit an einer Konfliktlinie von Weiblichkeit und moderner Leistungsgesellschaft, reflektiert aber zugleich im ­erzähle­rischen Vollzug viele Probleme des dokufiktionalen Schreibens.

Bukowski gelingt dabei das Meisterstück, die Methoden ihrer Recherche, den sich unablässig ändernden Wissensstand über Christina und deren ­Eltern, beiläufig in ihre Erzählung einfließen zu lassen. Wir werden Zeugen eines Erkenntniswachstums, das ausdrückliche Korrekturen von Bildentwürfen einschließt. Bukowski schreibt dabei, ohne betulich zu werden, permanent über sich selbst, während sie über Christina schreibt. Der Roman ist somit die Chronik hermeneutischer Ho­rizontverschie­bungen und -verschmelzungen.

Alles fängt an mit Siglinde Werner, der Bekannten von Bukowskis Großmutter. Sie sichtet in Neubrandenburg, wo die Mutter der Autorin groß wurde, einen Nachlass „aus Ordnern, Kassetten und Fotoalben“, von dem die Großmutter glaubt, dass dieser Fund die Enkelin etwas angehe. Und die? „Ohne zu zögern nahm ich alles an mich.“

Erzählen, nicht dekonstruieren

Das Material war Auslöser vertiefender Gespräche mit Menschen, die Christina kannten. Namhafte, noch heute aktive Musikerinnen und Musiker gehören dazu. Ihre Namen werden am Ende in der Danksagung erwähnt. Bernhard Forck von der Akademie für Alte Musik Berlin oder Lothar Frie­drich, ehemals Mitglied der Staats­ka­pelle Berlin, sind darunter. Bukowski macht auf diese Weise ihre Quellen­basis transparent, wie sie andererseits auf die bloße Montage, die bei den ­Dekonstrukteuren der biographischen Illusion so beliebt war und ist, ver­zichtet. Sie will nicht montieren und dekon­struieren. Sie will erzählen.

Erzählen heißt: Zusammenhänge herstellen, deuten, Sinn aufscheinen lassen. Das Herstellungsverfahren macht sie dabei sich und den Lesern bewusst als ein Sich-Einschleichen in ein fremdes Leben, bis hin zu dem Bekenntnis: „Immer öfter überlagert sich mein Leben mit deinem.“ Diese Überlagerung schließt intimste Betrachtungen über einen schmerzhaft ver­unglückten Beginn partnerschaftlicher Sexualität und die Einsamkeit künstlerischen Schaffens beim Klavierspiel wie beim Schreiben ein. In Christinas Schicksal spiegelt Bukowski ungeschützt ihre ei­gene Sorge über die Gefahr einer verstümmelten Beziehungsfähigkeit in ei­ner künstlerischen Existenz. Wir kennen diese Sorge spätestens seit Hugo von Hofmannsthals Betrachtungen „Ad me ipsum“.

„Du bist kein Engel, du bist ein Kind“

Das Leben Christinas – der Tochter einer Stenotypistin und eines Opern­tenors, der nach einem Unfall Direktor der Musikschule Neubrandenburg wird – ist durch die Aufzeichnungen der ­El­tern, durch Briefe und Fotos weit­ge­hend dokumentiert. Bukowski kommentiert diese Quellen zugleich, wenn sie durchblicken lässt, dass der Vater, Anhänger der Anthroposophie, die Mut­ter in der Ehe weitgehend mundtot macht und über die Begabung der Tochter zu verfügen beginnt wie über sein eigenes Kapital. „Du bist kein Engel, du bist ein Kind“, wirft die Autorin ein, während der Vater, inspiriert durch die Schriften Rudolf Steiners, seine Tochter sakralisiert.

Die hochbegabte Christina kommt an die Spezialschule für Musik „Carl Philipp Emanuel Bach“ nach Berlin, erfährt dort ebenso die physische Kälte der Mangelwirtschaft mit klammen Zimmern und schimmeliger Wurst im Internat wie den seelischen Frost eines mitleidlosen Leistungsprinzips der Pädagogik. Wärme schenken ihr die Mitschülerinnen, mit denen sie sich aus der erstickenden Obhut ihres Vaters befreit. Sie ist gut auf dem Klavier, gewinnt Wettbewerbe, kommt in den Förderkader und wird nach Moskau zum Studium bei der Pianistin Tatjana Nikolajewa delegiert. In Moskau blüht sie vollends auf und wird doch krank: Eine Prämens­truelle Dysphorische Störung (PMDS) wirft sie mit Schmerzen, Depressionen und phasenweiser Persönlichkeitsspaltung aus den Gleisen des ständigen Funktionierenmüssens.

In den Stasi-Akten steht etwas anderes

Die Rückkehr aus Moskau in die DDR empfindet sie als Heimkehr aus der Weite in die Enge, aus der Wärme in die Kälte, aus der – wenn auch unglücklichen – Liebe zum Mitstudenten Jura in die Lieblosigkeit und Einsamkeit. Ihre Teilnahme am Bach-Wett­bewerb 1984 in Leipzig endet in einem Desaster. Als Klavierlehrerin wird sie durch ihre Krankheit berufsunfähig, obwohl sie sich pflichtversessen an ihre Arbeit klammert. Als sie diesen letzten Halt verliert, halten sie auch ihre Eltern nicht mehr im Leben. Wie dieses Leben tatsächlich endete, bleibt ein Rätsel. Denn der Bericht der Eltern widerspricht den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit über nichtnatür­liche Todesfälle in Neubrandenburg an einer entscheidenden Stelle. Bukowski lässt dieses beunruhigende Rätsel ­regungslos stehen, ohne einen Thriller daraus machen zu wollen.

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„Wer möchte nicht im Leben bleiben“ zitiert im Titel ein Kinderlied, das Schulstoff war im Musikunterricht der DDR. Kurt Schwaen schrieb es für den Film „Sie nannten ihn Amigo“ über die Solidarität eines Jungen im Dritten Reich mit einem Verfolgten des Nationalsozialismus – ein Mitgefühl, das auf Verrat stößt und den Vater des Jungen das Leben kostet. Die Entlehnung des Titels könnte verstanden werden als kritischer Kommentar zu einer Kontinuität der Kälte zwischen dem Nationalsozialismus und dem Bildungswesen der DDR oder gar dem Leistungsdruck für Berufsmusiker überhaupt.

Dass Bukowski die Musik vorwiegend als Zwangssystem ansieht, das Christina daran hindert, ein selbst­bestimmtes Leben zu führen, ist deutlich zu spüren. Mit der Musik nimmt es Bukowski denn auch nicht so genau. Wenn Christina beim Klavierwett­bewerb in Ústí nad Labem Ludwig van Beethovens Klaviersonate op. 2 Nr. 2 spielt, bleiben von den vier Sätzen der Sonate im Roman nur drei ­übrig. Und wenn Bukowski schreibt: „Du schließt die Augen, schlüpfst in die von Frau Feldberg angefertigte Bach-Sonaten-Uniform“, dann wüsste man gern, an welche Klaviersonaten von Johann Sebastian Bach die Autorin dabei wohl gedacht haben mag.

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Nur beim wiederholten Hören des zweiten Klavierkonzerts von Sergej Rachmaninow auf einer Tonband­kas­sette scheint Christina Freiraum und Zuflucht in der Musik zu finden, jenes „Aufgehobensein“, das Bukowski mit einem Motto von Brigitte Reimann als Ziel einer unerfüllten Sehnsucht ihrem Buch voranstellt.

Bukowskis Stil ist zärtlich kühl, ge­tragen von einer Zuneigung, die sich die Autorin zwar eingesteht, aber zugleich immer wieder versagen will. Sie schreibt streng und verspielt zugleich, wenn sie etwa einen Spaziergang von Mutter und Tochter schildert, über dessen Details sie eigentlich nichts wissen kann: „Auch hinter euch die Linden. Der Wind gelingt mir nicht. Kein Rauschen in den Zweigen“. Die kurzen Kapitel ähneln scharf geschnittenen Filmszenen, fast lyrisch verdichteten Betrachtungen bewegter Fotos aus einem Album. Bukowski gendert, halb versteckt, durch ein Trema auf dem I wenn sie von „Musikerïnnen“ schreibt, und zeigt sich Queerness-sensibel sowohl in der Frage, ob denn Mädchen immer nur Jungen küssen müssen, als auch in der Betrachtung zweier tragischer Schick­sale von Jungen, die Jungen küssen. Das alles aber ohne Krach, ohne Belehrung, ohne Selbstgefälligkeit. Ein trauriges, ein diszipliniertes, ein sehr gekonntes Buch.

Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2026. 381 S., geb., 24,– €.

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