Es handelt sich um einen unsäglichen Verlust, für so viele Menschen, aus so vielen Gründen und für so viele Kämpfe, die gerade in diesen gefährlichen Zeiten so drängend und wichtig sind, wie sie immer waren. Jürgen Habermas ist von uns gegangen, als wir ihn am dringendsten brauchten: als der wirkungsmächtigste philosophische Kämpfer für die Demokratie, als der in seinem Bekenntnis zu den Werten der Aufklärung, dem Projekt eines politisch geeinten Europa und einer kosmopolitisch-rechtlichen Weltordnung unbeugsamste Intellektuelle, und als unnachgiebiges moralisches Gewissen angesichts auch noch so bedrohlicher politischer Umstände.
Wir waren daran gewöhnt, dass er unsere Kämpfe kämpfte, für uns die Stimme erhob und sich ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Fenster lehnte. Wir hatten die Gewissheit, dass er an allen Frontlinien den Kampf fortsetzen werde – den philosophischen, intellektuellen und politischen. Und er tat es. Bis gestern. Er war und bleibt unverzichtbar.
Die einzige Doktorandin unter den Doktoranden
Jürgen Habermas stellte, solange ich denken kann, den Mittelpunkt meines politischen und intellektuellen Lebens dar. Ich war sechzehn Jahre alt, als ich das erste Mal von ihm hörte. Mit zwanzig begann ich, sein Werk zu lesen, wurde mit 27 seine Doktorandin und war später seine Kollegin während seiner jährlichen Gastprofessuren an meiner Universität. Das Gespräch mit ihm hat sich seitdem ununterbrochen fortgesponnen. All das war keineswegs eine natürliche oder vorhersehbare Entwicklung.
Eigentlich hatte ich kaum eine Chance, seine Doktorandin zu werden. Als ich mithilfe eines von der gerade gewählten sozialistischen Regierung ausgelobten Auslandsstipendiums aus Spanien in Deutschland ankam, fühlte ich mich völlig fehl am Platz. Als junge Frau in einer Männerdomäne (ich war lange Habermas’ einzige weibliche Doktorandin), aus Spanien kommend — dem Land, in dem jegliches nennenswerte philosophische oder intellektuelle Leben nach vierzig Jahren von Francos Diktatur ausgemerzt war — und ohne die Möglichkeit, mich in meiner Muttersprache ausdrücken zu können, blieb mir nur ein simpler Plan: so viel wie möglich lernen und so bald wie möglich nach Spanien zurückkehren. Dabei sagte ich mir, dass der größte Vorteil vom Studium der Philosophen ja schließlich ist, dass man sie in aller Ruhe daheim lesen kann und nicht vor Ort bleiben muss.
Naiv ist der Vorwurf der Naivität
Ich war wegen des Philosophen Jürgen Habermas nach Frankfurt gekommen, aber ich blieb wegen des Menschen Jürgen Habermas so lange dort. Es stellte sich schnell heraus, dass er nicht nur ein herausragender Philosoph, sondern auch eine außergewöhnliche Persönlichkeit war – das, was man in der jüdischen Kultur mit dem höchsten Ehrentitel Mensch bezeichnet. Er war in allen Hinsichten der hilfsbereiteste, förderndste, aufmerksamste und verständnisvollste Mentor, den man sich als Doktorandin wünschen kann. Nach Jahrzehnten der Arbeit als Philosophin mit meinen eigenen Studenten habe ich selbst heute noch oft das ungute Gefühl, hinter den hohen Ansprüchen zurückzubleiben, die er als Mentor gesetzt hat.
Man macht sich gern wohlfeil über Habermas’ angeblich naive Überzeugung vom Bestehen des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ lustig. Ich habe am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, sich wirklich nach diesem Prinzip zu richten. In einer seiner letzten Vorlesungen in Frankfurt vor seiner Pensionierung hatte Habermas eine Heidegger-Interpretation vorgelegt, die das genaue Gegenteil von dem implizierte, was ich in meiner Dissertation behaupten sollte, die ich auf Spanisch zur Einreichung an meiner spanischen Heimuniversität schrieb.
Da ich mich fürchtete, mich auf Deutsch mündlich nicht richtig ausdrücken zu können, und schon gar nicht in einer möglichen Diskussion über Heideggers Philosophie, schickte ich ihm einen Brief. Ich machte darin auf verschiedene Passagen aus Heideggers „Sein und Zeit“ aufmerksam, die meiner Ansicht nach der von Habermas in der Vorlesung vertretenen Interpretation direkt widersprechen. Zu dieser Zeit wusste Habermas wohl kaum, wer ich war. Ich war schlicht eine der zahlreichen Gaststudentinnen aus dem Montagskolloquium und obendrein eine, die fast nie etwas sagte.
Zu meiner völligen Überraschung beraumte Habermas ein Treffen mit mir an, in dem er mir außer der Diskussion über Heidegger anbot, seine Doktorandin in Frankfurt zu werden. Ich war so geschockt, dass ich zuerst so höflich wie möglich ablehnte. Woraufhin er antwortete: „Wenn Sie so gut argumentieren können, muss ich lesen, was Sie schreiben. Und dafür wäre es gut, wenn Sie es auf Deutsch schreiben könnten — so dass wir es alle lesen können.“ Er hatte keinerlei Kenntnis jeglicher Meriten, besonderer Leistungen oder gar Empfehlungen für diese hergelaufene Studentin aus Spanien. Ich wurde nur deswegen seine Studentin, weil es nur um Argumente geht. Das war Habermas in Reinform.
Der Tod von Jürgen Habermas ist ein unermesslicher Verlust. Wir verlieren den Menschen Habermas, den Intellektuellen, den Kämpfer, Kollegen, Mentor, den Freund. Und doch lebt weiter, was er denen vererbt hat, die ihn kannten, die er geformt hat und die sich nach den von ihm gesetzten Ansprüchen richten. Zu unser aller Glück bleibt auch sein monumentales Gesamtwerk allen zur Auseinandersetzung und Aneignung verfügbar. Jetzt sind wir damit dran, dabei mitzuhelfen, die Welt in all die besseren Richtungen zu lenken, die er mit so viel Mut und unablässiger Arbeit entworfen und verteidigt hat.
Cristina Lafont ist Philosophin und lehrt an der Northwestern University.

vor 3 Stunden
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