Habermas in den USA: Ein Weltstar auf dem Campus

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Im vergangenen halben Jahrhundert war Jürgen Habermas der einflussreichste deutsche Denker in der englischsprachigen Welt – ein Glück, politisch wie philosophisch. Wer in den Vereinigten Staaten über Angst vor neuem deutschen Nationalismus schrieb, lernte, das Wort Historikerstreit zu buchstabieren; wer tiefsitzendes obrigkeitsstaatliches Denken fürchtete, wurde darauf hingewiesen, dass Habermas seinen Landsleuten Anfang der Achtzigerjahre amerikanische Konzepte von zivilem Ungehorsam nahegebracht hatte. Philosophisch versuchte er jahrzehntelang, einen „gegenseitigen Lernprozess“ über den Atlantik hinweg in Gang zu halten, nicht nur mit sektiererischen Kritischen Theoretikern, sondern auch mit Denkern wie John Rawls und Ronald Dworkin, die viel an Rechts-, aber eigentlich wenig an Gesellschaftstheorie zu bieten hatten.

Vielen diente Habermas allerdings auch als Karikatur eines vermeintlich zu rationalistischen (oder auch zu protestantischen) Politikverständnisses; assistant professors, die sich, aufgerüstet mit „French Theory“, als Neo-Nietzscheaner wichtigmachten, konnten das auf Kosten des angeblichen Konsensdenkers tun – da mochte man noch so oft darauf hinweisen, dass Habermas sich eigentlich eine „wilde“ Öffentlichkeit wünschte. Und dann die stereotype Klage über die Unverständlichkeit der Texte. Dabei waren sie doch gerade deswegen für die Übersetzer schwierig, weil Habermas – der bekanntlich zuerst Journalist werden wollte – seine Theorien mit Metaphern und suggestiven Begriffen anreicherte, vom „radikaldemokratischen Glutkern“ zur „Hartleibigkeit“ Merkel’scher EU-Politik.

Der sensible Leser Walter Benjamins

Viel zu wenig Beachtung fand Habermas, der sensible Leser von Walter Benjamin, mit einem Bewusstsein für Unabgegoltenes und Unverfügbares. Die Klischees von irgendwie too much reason versperrten auch die Sicht auf die Leidenschaft dieses political animal, eines Mannes, der sich nicht zu schade war, hinter einem SPD-Politiker „her zu sein“ (wie er mir einmal schrieb), um ihn zu einer Umkehr in der Europapolitik zu bewegen. Wer Habermas auf einem amerikanischen Campus erlebte, sah einen philosophischen Weltstar, aber keinen Guru: Bereit, sich auf andere einzulassen, aber auch konfrontativ, wenn’s der Erkenntnis diente, und ausgestattet mit einem außergewöhnlichen Gespür für menschliche Verletzungen.

Die Vereinigten Staaten waren für ihn ein unvollendetes emanzipatorisches Projekt, die Briten hingegen ein Klotz am Bein der EU. Mit dem Vereinigten Königreich hat Habermas immer gefremdelt, und das lag nicht an berühmt-boshaften Verrissen seiner Werke durch den Cambridge-Ideenhistoriker Quentin Skinner. Es war immer etwas peinlich, wenn er in englischsprachigen Texten liberal genannt wurde – er wollte kein „klassischer Liberaler“ à la Mill sein, kein an Empirie und nüchterne Analyse geketteter Cold War liberal und schon gar kein bornierter Cheerleader für den Westen.

Dabei hatte schon der zweite Irakkrieg den Westen gespalten; Habermas hatte sehr genau wahrgenommen, dass George W. Bush nicht nur eine Art Betriebsunfall war (im Grunde haben sich die Vereinigten Staaten auch nie wirklich erholt von dem, was Habermas den „Dammbruch von Nine Eleven“ nannte). Zuletzt sah er den Abstieg des Westens als wohl kaum noch abwendbar – wobei die Feinde der Aufklärung, anders als im zwanzigsten Jahrhundert, eigentlich nur Dürftiges im geistigen Angebot haben. Als Antwort auf die etwas weniger düstere Sicht des sehr viel Jüngeren gab er aber bereitwillig zu, man würde ja gar nicht erst schreiben, wenn es nicht ein Quäntchen „Vernunfthoffnung“ gäbe.

Dass seine in Deutschland oft belächelten Ideen zum Verfassungspatriotismus (zu abstrakt, zu „blutleer“ etc.) in den Vereinigten Staaten nicht tot sind, beweisen täglich Bürger auf den Straßen von Minneapolis und Anwälte im verzweifelten Ringen mit einer Regierung, die Ausnahmezustände geradezu goutiert. Es ist nun an uns, die Hoffnung auf Vernunft – und ein Gespür für Verletzlichkeit – über einen wohl nicht mehr zu kittenden Epochenbruch hinwegzuretten.

Jan-Werner Müller lehrt Politische Ideengeschichte in Princeton.

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