Exodus bei Grasset: „Am liebsten würde ich mich erhängen“

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Am Dienstag ging eine Schockwelle durch die französische Verlagslandschaft: Olivier Nora, der über 25 Jahre den renommierten Verlag Grasset leitete und einen hervorragenden Ruf hat, wurde regelrecht abgesägt. Die Säge, die gezielt Schnitt um Schnitt setzt, wird mit eiserner Hand geführt: Vincent Bolloré, der ultrakonservative, erzkatholisch-identitäre Medienmogul, hatte die Hachette-Gruppe, zu der Verlage wie Grasset, Stock, JC Lattès oder Fayard zählen, bereits vor drei Jahren seinem riesigen Portfolio einverleibt, das auch etliche Printmedien („Paris Match“, „Le Journal du dimanche“) und Fernsehsender wie CNews umfasst.

Hauptaktionär der Hachette-Gruppe ist – natürlich – Vincent Bolloré in Person. Nachdem er 2024 den Literatur- und Sachbuchverlag Fayard auf Linie gebracht, zahlreiche Hausautoren vergrault und erfolgreich rechtskonservative Bestseller von Jordan Bardella, Éric Zemmour oder Nicolas Sarkozy produziert hatte, hofften bei Grasset noch alle, im Schutz von Olivier Nora so etwas wie geistige Unabhängigkeit weiterleben zu können. Doch der Kelch ist auch an ihnen nicht vorübergegangen: Mit Jean-Christophe Thiery wurde ein branchenunerfahrener „Bolloré boy“ inthronisiert.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Just Nicolas Sarkozy, der gerade zwischen zwei Prozessen etwas Muße hatte, schleuste bereits im März den lange in Algerien inhaftierten, nach rechts abdriftenden, mit zunehmend ambivalenten Aussagen irritierenden Autor Boualem Sansal bei Grasset ein, und Bolloré stellte für den Transfer angeblich einen Scheck in Millionenhöhe aus. Er wollte Sansals Buch über seine Haftzeit, das laut Olivier Nora noch einer eingehenderen Bearbeitung bedurfte, zügig auf den Markt bringen. Diese Differenzen sollen das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Doch geht es um viel mehr als nur um innere Angelegenheiten aus der Verlagswelt: Wenn ein einziger Mann den größten französischen Verlagskonzern kontrolliert, betrifft das Schicksal eines Verlegers alle. Olivier Nora war einer, der die verschiedensten Stimmen unter seinem Dach vereinte: Virginie Despentes oder den Philosophen und queeren Theoretiker Paul B. Preciado, konservative Autoren aus dem Umkreis des „Figaro“, die Rabbinerin Delphine Horvilleur und viele mehr.

Zwischen 60 und 65 Prozent der Neuerscheinungen im französischen Verlagswesen verkaufen sich in einer Auflage von weniger als 2000 Exemplaren. Neben der geistigen Vielfalt macht genau dieses verlegerische Risiko den Kern des Geschäfts aus. Bolloré aber setzt auf eine schnelle, KI-gestützte Bestsellerisierung der Verlagslandschaft – und auf deren Gleichschaltung.

Nun gibt es einen wahren Exodus. Bis Donnerstagabend haben insgesamt 170 Grasset-Autoren in einem offenen Brief angekündigt, dass sie den Verlag verlassen werden. Sie rühmen Olivier Nora für seine „moralische Eleganz, seine Hilfsbereitschaft und sein Engagement“ und betonen ihre Gemeinsamkeit: „Wir weigern uns, Geiseln eines ideologischen Krieges zu sein, der darauf abzielt, Autoritarismus in Kultur und Medien durchzusetzen.“

Die Autorin Colombe Schneck schlägt eine Sammelklage vor, um aus einer stärkeren rechtlichen Position der Schreibenden heraus die Urheberrechte zurückzuerlangen. Ein Journalist und Grasset-Autor zerriss am Mittwochabend vor laufenden Fernsehkameras seinen Vertrag mit den Worten: „Ich kann nicht akzeptieren, dass ein rechtsextremer Milliardär uns seine Ansichten aufzwingt.“ Sorj Chalandon sagte gegenüber „Le Monde“: „Am liebsten würde ich mich erhängen.“

Als Übersetzerin der so unterschiedlichen Werke von Olivier Guez, Delphine Horvilleur, Jean-Noël Orengo und Adèle Rosenfeld bin ich froh, ihre Namen unter den Unterzeichnenden zu lesen. Als in Frankreich lebende Vermittlerin zwischen den Literaturen wünsche ich mir, dass wir solche Kipppunkte, ob Verlagsputsche in Frankreich oder Ausschlüsse von Buchhandlungspreisen hierzulande, so ernst nehmen, wie sie es leider verdienen.

Nicola Denis lebt als Literaturübersetzerin und Schriftstellerin im Westen Frankreichs. Gerade ist ihr neuer Roman „Wo die Kaffeekirschen leuchten“ erschienen (Friedenauer Presse).

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