Antiquariatsmessen: Hat der Handel mit alten Büchern noch eine Zukunft?

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Wozu noch analog lesen, wozu Bücher, Autographen oder Illustrationen sammeln und besitzen, da sich doch unsere Kultur im vermeintlichen Wohlgefallen immaterieller Digitalität aufzulösen scheint? Eben deshalb, kann die Antwort der Bibliophilen auf die Frage, die der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Antiquare, Markus Brandis vom Berliner Auktionshaus Bassenge, in seinem Grußwort zur diesjährigen Antiquariatsmesse in Stuttgart selbst aufwirft, lauten. Denn Bücher, Handschriften, Grafiken und Autographen sind, so Brandis weiter, „Exponenten des Geisteslebens seit dem Mittelalter über die Neuzeit bis in unsere Gegenwart“.

Ladengeschäfte haben es schwer

Doch das Antiquariatswesen ist nicht bloß Kulturvermittler, sondern auch ein Geschäft unter wirtschaftlichem Druck. Bei aller Liebe zur Materie, ohne die in der Branche wohl kaum einer arbeitet, muss es sich selbst dann noch bezahlt machen, wenn die Anzahl der Sammler kleiner wird und der Nachwuchs auf Händlerseite schwerer zu finden ist. Antiquarische Ladengeschäfte schwinden: Sie haben mit steigenden Mieten und Betriebskosten zu kämpfen sowie einem nicht allein durch das Internet – das Antiquaren auch große Chancen eröffnete – gewandelten Kaufverhalten. „Die Erstausgaben ihres Lieblingsautors möglichst vollständig zu besitzen, ist für viele heutige Sammler keine Selbstverständlichkeit mehr“, benennt etwa Gerhard Leyerzapf vom schließenden Amsterdamer Antiquariat „Die Schmiede“ in der Branchenzeitschrift „Aus dem Antiquariat“ eine Veränderung. Gefragt bleibt das ganz Besondere, die spezielle Rarität. So wird die Luft für viele Händler dünner.

 Band mit Werken von Robert Burns und „Fore-edge-Painting“ aus dem Jahr 1842, zu haben beim Vangsgaards Antikvariat aus Kopenhagen auf der Antiquariatsmesse für 1000 EuroDekorative Buchschnitte sind keine Erfindung für „Young Adults“: Band mit Werken von Robert Burns und „Fore-edge-Painting“ aus dem Jahr 1842, zu haben beim Vangsgaards Antikvariat aus Kopenhagen auf der Antiquariatsmesse für 1000 EuroVangsgaards Antikvariat / Antiquariatsmesse Stuttgart

Messen müssen mit einem kleineren Publikum und wegbleibenden Ausstellern rechnen. Voriges Jahr im Mai stand die traditionsreiche Stuttgarter Antiquariatsmesse auf der Kippe. Die seit 1962 abgehaltene Veranstaltung des deutschen Branchenverbands musste mangels ausreichender Teilnehmerzusagen für den Württembergischen Kunstverein, den bisherigen Veranstaltungsort, abgesagt werden. Ein neuer Messeausschuss um Balázs Jádi, den Mitgeschäftsführer des Berliner Buchauktionshauses Jeschke Jádi, als Sprecher und ein überarbeitetes Konzept sorgten dafür, dass die Antiquariatsmesse Ende Januar nun doch zum 63. Mal stattfinden wird: mit 72 Ausstellern, mehr als im Vorjahr, aus elf Ländern. Zahlreiche Debütanten setzen neue Akzente, wie etwa der auf die Kultur der Kulinarik spezialisierte amerikanische Buchhändler Ben Kinmont oder aus Paris Artisan Biblio-Phil Philippe Mauran mit moderner Einbandkunst.

 Oskar Kokoschkas Lithographie „Das Mädchen Li und ich“, 1917, aus „Die träumenden Knaben“, 16.000 Euro auf der AntiquariatsmesseBei Haufe & Lutz aus Karlsruhe: Oskar Kokoschkas Lithographie „Das Mädchen Li und ich“, 1917, aus „Die träumenden Knaben“, 16.000 Euro auf der AntiquariatsmesseHaufe & Lutz / Antiquariatsmesse Stuttgart

Unter den Erstausstellern auf der Antiquariatsmesse ist der Schweizer Gabriel Müller, dessen in Goldach am Bodensee ansässiger Onlinehandel für Fotografien, Arbeiten auf Papier und Bücher mit dem Namen Kunstbroker bewusst keine Assoziationen an staubige Regale aufkommen lassen soll. Müller, Jahrgang 1984, gehört zur jungen, nachrückenden Generation im Geschäft und kommt aus dem Versteigerungswesen: Bevor er sich vor zweieinhalb Jahren selbständig machte, leite der Kunsthistoriker bei Koller in Zürich die Abteilung für Fotografie und war Spezialist für Bücher, Manuskripte und Autographen. Die Verbindungen zum Auktions- und Kunsthandel seien für ihn auch als Solist wertvoll, sagt er im Gespräch: Er denke verknüpft und agiere dynamisch, das schätzten seine Kunden an ihm.

Kein Rückzug in die Nische

Beim Aufbau des Geschäfts habe er schnell erkannt, dass es für ihn auf einem kleiner werdendem Markt keinen Sinn ergebe, sich in einer Nische einzurichten. „Ich bin Generalist“, sagt Müller von sich. Verkaufsräume braucht er keine; er bietet seine Waren auf einschlägigen Verkaufsplattformen im Internet feil und wirbt in sozialen Medien um junge Käufer. Wolle ein Kunde ein Werk persönlich in Augenschein nehmen, treffe man sich beim Interessenten zu Hause, in einem Café oder der Lobby eines besseren Hotels.

 Das Antiquariat F. Neidhardt aus Böblingen bringt nach Stuttgart diese „Andächtige Betrachtungen“ aus dem Jahr 1700 mit, Kostenpunkt 6800 Euro.Prachtexemplar: Das Antiquariat F. Neidhardt aus Böblingen bringt nach Stuttgart diese „Andächtige Betrachtungen“ aus dem Jahr 1700 mit, Kostenpunkt 6800 Euro.Antiquariat F. Neidhardt / Antiquariatsmesse Stuttgart

Als Händler, der vor allem virtuell unterwegs ist, seien für ihn Messen umso wichtiger: Dort könne er Kontakte knüpfen und ins Gespräch kommen. Auch Mitgliedschaften in Branchenverbänden öffneten Türen, wie etwa zur Antiquariatsmesse in Stuttgart. Auf der präsentiert Müller unter anderem ein dreibändiges Werk von Pierre Joseph Redouté, gedruckt zwischen 1827 und 1833 in Paris, mit 144 handkolorierten Kupferstichen von Blumen und Insekten – das erste Buchobjekt des Händlers im sechsstelligen Bereich. Es kostet 120.000 Euro. Die Stuttgarter Messe ist immer noch eine Leistungsschau.

 Autograph Johann Wolfgang von Goethes beim Frankfurter Antiquariat Tresor am Römer auf der Antiquariatsmesse, 65.000 EuroBeglaubigt von der Schwiegertochter: Autograph Johann Wolfgang von Goethes beim Frankfurter Antiquariat Tresor am Römer auf der Antiquariatsmesse, 65.000 EuroTresor am Römer / Antiquariatsmesse Stuttgart

Solvente Naturliebhaber können vom Stand Müllers zu dem des Regensburger Antiquars Reinhold Berg weitergehen und John Goulds fünfbändiges Kompendium „The Birds of Europe“ von 1832/37 zum Preis von 125.000 Euro erwerben. Etwas mehr als die Hälfte, 65.000 Euro, verlangt das Frankfurter Antiquariat Tresor am Römer für ein eigenhändiges Reinschriftblatt Johann Wolfgang von Goethes zum „West-östlichen Divan“. Mit 185.000 Euro ist beim Antiquariat Sanders aus Gent ein 1615 in Marseille gefertigter Atlas von Joan Oliva beziffert, den König Ludwig XIII. als Hochzeitsgeschenk erhielt. Einen berühmten Vorbesitzer, den Arts-and-Crafts-Tausendsassa William Morris, hatte auch der Straßburger Wiegendruck von 1477 des Wolfram von Eschenbach zugeschrieben, tatsächlich von Albrecht von Scharfenberg stammenden „Jüngeren Titurel“. Bei Inlibris und Kotte Autographs ist er für 130.000 Euro zu haben.

Spezielle Angebote für junge Sammler

Um ihre Attraktivität zu erhöhen, stellt die Messe sich nun aber breiter auf als bisher. Sie öffnet sich stärker der Moderne und Gegenwart, mit Künstlerbüchern, Fotobänden und Plattencovern. Eine Abteilung für junge Sammler bietet Objekte zum kleinen Preis von 50 bis 300 Euro. Im erweiterten Rahmenprogramm gibt es eine Kabinettausstellung zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke, Vitrinenpräsentationen der Aussteller und Podiumsdiskussionen, Vorträge sowie Workshops. Die Antiquariatsmesse soll vom Marktplatz in einen Verkaufs- und Diskursraum mit einem erweiterten Verständnis von Buch-, Kunst- und Objektkultur ausgebaut werden.

 frühneuzeitliches Repertitorium beim Antiquarit Michael Solder aus Münster auf der Antiquaria in Ludwigsburg, 13.850 EuroAn der Kette: frühneuzeitliches Repertitorium beim Antiquarit Michael Solder aus Münster auf der Antiquaria in Ludwigsburg, 13.850 EuroAntiquariat Michael Solder / Antiquaria

Damit nähert sie sich konzeptionell ein Stück weit der zeitgleich in Ludwigsburg stattfindenden Messe Antiquaria an. Gegründet wurde diese 1987 als Alternativprojekt zu der Antiquariatsmesse von der Antiquarin Petra Bewer, um auch Händlern, die nicht im Verband Deutscher Antiquare organisiert sind, eine Plattform zu bieten. In diesem Jahr feiert die Antiquaria, längst erwachsen geworden, ihren vierzigsten Geburtstag. Stuttgart und Ludwigsburg sind schon lange als Zweiklang zum Auftakt des Jahres für Buchliebhaber etabliert: Fast jeder, der die Messe in der Landeshauptstadt besucht, fährt weiter zur anderen. Mit dem Shuttlebus soll das jetzt noch leichter gehen.

 Kassettentonbandgerät der Stasi mit Zubehör im Handkoffer beim Antiquariat Manuscryptum, 1800 EuroAbhörbereit auf der Antiquaria in Ludwigsburg: Kassettentonbandgerät der Stasi mit Zubehör im Handkoffer beim Antiquariat Manuscryptum, 1800 EuroVersandantiquariat manuscryptum / Antiquaria

Personelle Überschneidungen gibt es ebenfalls. Gabriel Müller etwa ist auch hier vertreten, mit preiswerterem Programm. Er hatte nach der vorläufigen Absage der Antiquariatsmesse auf Ludwigsburg gesetzt und bespielt nun Stände auf beiden Veranstaltungen. Unter dem Motto „40 Jahre Vielfalt“ offerieren bei der Antiquaria 54 Aussteller aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz in der Musikhalle Bücher, Autographen, Ephemera und Graphiken, Rares und Kurioses.

In letztere Kategorie fällt eine mobile Abhöranlage der DDR-Staats­sicherheit im Handkoffer, die das Versandantiquariat Manuscryptum aus Berlin für 1800 Euro bereithält. Ein frühneuzeitliches „Kettenbuch“ bietet der Antiquar Michael Solder aus Münster für 13.850 Euro an. Die handgeschmiedete Befestigung an dem Band sollte verhindern, dass diebische Leser sich eine Sentenz aus Goethes „Faust“ zur Maxime machten, die Käufer auf beiden Antiquariatsmessen beherzigen sollen: „Was man Schwarz auf Weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“

Antiquariatsmesse Stuttgart, Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle, 23. bis 25. Januar, Eintritt kostenlos
Antiquaria, Musikhalle Ludwigsburg, 22. bis 24. Januar, freier Eintritt für Besucher unter 40 Jahren, darüber hinaus Eintritt 5 Euro
Die Kataloge sind online abrufbar.

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