Am Ende eines langen Gesprächs meinte Omer Klein, zwischen seiner Musik und Mendelssohns Liedern ohne Worte gebe es eine gewisse Beziehung. Eigentlich sei er ein Sänger, der Klavier spiele, statt zu singen. Die Selbsteinschätzung lässt sich mit vielen seiner Kompositionen und Improvisationen belegen. Auch mit „Compassion“, dem Eingangsstück seiner neuen Aufnahme unter dem Titel „The Poetics“. Das hat fast schon etwas Magisches, wie da der pianistische Gesang aus der Quelle eines unscheinbaren Motivs – zwei miteinander verschränkten kleinen Terzen über einem biegsamen, der Tonkunst Kameruns abgelauschten Rhythmus – nur so hervorsprudelt, sich mit den anderen Instrumenten zu einem Klangstrom verbreitert, harmonisch immer neue Nebenarme bildet, bis er wieder im Rinnsal der Mollterzen versickert.
Omer Klein ist ein Melodiker par excellence, dem eingängige Kantilenen und packende Rhythmen so natürlich aus den Fingerspitzen fließen, dass eine Frage unausweichlich erscheint: Wie soll man darauf angemessen reagieren? Nur zuhören? Mitsingen? Oder doch auch den ganzen Körper in Bewegung setzen? Denn diese Qualitäten seiner Musik haben etwas mit Kleins Herkunft aus dem Mittelmeerraum einerseits und seiner Neigung zur afrikanischen Klangwelt andererseits zu tun. Es gibt da keine scharfe Trennung zwischen Betrachtern und Ausübenden oder zwischen Tanz, Gesang und Instrumentalspiel. Zudem gilt Israel, wo der Pianist geboren wurde und aufwuchs, als kultureller Schmelztiegel schlechthin. Begriffe wie Eklektik oder Polystilistik haben dort ihren abwertenden Gestus längst eingebüßt.
Jazz - oder Ethnic Folk Dance Music?
Omer Klein kam seinerzeit zwar aus Israel nach Amerika, um bei Danilo Perez am New England Conservatory in Boston und danach in New York bei Fred Hersch privat Jazz zu studieren. Gleichwohl schien ihm der Terminus Jazz zur Beschreibung des Genres ebenso problematisch, vage oder auch diskriminierend wie vielen anderen Interpreten, die mit Art Taylor lieber von „Highly sophisticated music created by Black Americans“ sprachen oder wie Charles Mingus von „Ethnic Folk Dance Music“, statt das Four-Letter-Word in den Mund zu nehmen. Jazz gebe ihm aber jene Freiheit, die er als natürlicher Improvisator schon immer in der Musik gesucht habe: „Meine Option wäre, egal ob man aus Portugal, Norwegen oder vom Mond kommt, Armstrong, Coltrane und Duke aufrichtig zu studieren und dann für sich selbst zu sprechen. Wie man das dann nennt, ist mir völlig egal. Es gibt da kein Reinheitsgebot. Ich bin aufrichtig eklektisch in meiner Liebe zu Bach und Stevie Wonder, John Coltrane und zur Musik Israels, zu arabischer Musik und den Klängen aus Brasilien.“

Auf dem knappen Dutzend Einspielungen, die Omer Klein im Laufe der letzten zwanzig Jahre herausgebracht hat, war er vor allem im Trio mit dem Bassisten Haggai Cohen-Milo und den Schlagzeugern Ziv Ravitz und Amir Bresler aus Israel zu hören. Mit „The Poetics“ hat er nun erstmals das Trio (mit Cohen-Milo und Bresler) um die niederländische Sopran- und Altsaxophonistin Tineke Postman, den israelischen Tenorsaxophonisten und Flötisten Omri Abramov und den kolumbianischen Perkussionisten Tubac Mantilla zum Sextett erweitert. Geblieben ist freilich ein von virtuosen Selbstdarstellungen verschont gebliebener Kammermusikcharakter gleichgestimmter Interpreten, die die acht Kompositionen Kleins zu intimen Zwiegesprächen und unaufgeregten Kollektivimprovisationen nutzen; mit Phrasierungen, die aus dem Jazz stammen, und Ideen, die über Swing, dirty tones und Call-and-response-Aktionen weit hinausweisen.
Musikalische Ausgelassenheit, auch am Rhodes-Piano
Alles, was die sechs Musiker von sich geben, wirkt unangestrengt, unaufdringlich, unbeschwert. Auch komplexe Stücke wie „Plat Tunisien“ mit seinen metrischen Vexierbildern im Zwölfachteltakt, dem abrupten Stimmungsumschwung zum groovenden Bebop im Mittelteil und den an irisierenden Arabesken reichen Bläsersoli kommen nicht intellektuell überfrachtet daher. Selbst „Vento e terra“ mit seinem stufenweisen harmonischen Vorwärtstasten, den träge pulsierenden Rhythmen und seinem melancholischen Duktus wirkt keineswegs verstörend, eher entspannend auf das Gemüt. Nicht anders die musikalische Ausgelassenheit, mit der Omer Klein bei „Zebra Dazzle“ sein Fender Rhodes traktiert und alle Spieler bei „Among Lions“ einen nahezu kindlich unschuldigen Volksliedtonfall mit Samba-Allusionen amalgamieren.
So unterschiedlich in ihren Klangfarben und ihrer stilistischen Kontur die Stücke der Aufnahme auch immer sein mögen, sie eint dennoch etwas, was als musikalische Beschreibung zwar nicht unbedingt tauglich sein mag, wohl aber die Grundstimmung dieser Musik, vielleicht auch die Befindlichkeiten der Interpreten einfängt. „The Poetics“ ist, wie „Compassion“ gleich zu Beginn schon ankündigt, eine ungemein freundliche, verbindliche, mitfühlende, wenn man will: humane Klangsprache. Nirgends ist Hektik, Irritation, eitles Aufplustern oder ästhetische Beweislast spürbar. Was Omer Klein und seine poetischen Mitstreiter auszeichnet, ist ihre Gelassenheit. Im Jahr des hundertsten Geburtstags von Miles Davis wirkt sie wie eine Reminiszenz an die wesentlichste Eigenschaft des genialen Trompeters: seine Coolness.
Omer Klein: „The Poetics“. Xjazz! Music 0199806285398 (SPV)

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