Polizeiruf »Ablass« aus München: Schuld und Sühne und ein großer Jura-Abfuck

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»Polizeiruf« aus München Schuld und Sühne und ein großer Jura-Abfuck

Das Münchner »Polizeiruf«-Team nimmt zwei Fälle ins Visier, bei der sich Verbrecher möglicherweise von der Strafe freigekauft haben. Dostojewski to go, aber mit unerwarteter Tiefe.

13.03.2026, 15.08 Uhr

 Wenn das Geständnis Makulatur ist
 Wenn das Geständnis Makulatur ist

Schauspieler Zinner, Wokalek, Fuller: Wenn das Geständnis Makulatur ist

Foto: Susanne Bernhard / BR

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Wie erkläre ich meinen Kindern, dass ich für ein paar Jahre ins Gefängnis muss? Vielleicht so: »Der Papa geht bald auf eine lange Reise. So 'ne Art Hotel, hab da einen neuen Job. Das Blöde ist nur, ich muss da auch schlafen. Dafür verdiene ich da aber auch total viel Geld.«

Was der in den Knast wandernde Vater im neuen Münchner »Polizeiruf« Sohn und Tochter zum Abschied erzählt, mag beim ersten Hören ein wenig geschönt klingen. Lange Reise? Neuer Job? Total viel Geld? An den Worten ist möglicherweise aber auch viel Wahres dran.

 Wie erkläre ich meinen Kindern, dass ich ins Gefängnis muss?

»Polizeiruf«-Szene: Wie erkläre ich meinen Kindern, dass ich ins Gefängnis muss?

Foto: Susanne Bernhard / BR

Auf nächtlicher Straße wurde ein Radfahrer von einem rasenden Auto erfasst. Die Person, die hinterm Steuer sitzt, flüchtet im Auto und lässt das Opfer einsam auf dem Asphalt sterben. Der Schuldige scheint bald gefunden. Es ist ein Hallodri mit Autoknackervergangenheit – der oben zitierte Vater (Shenja Lacher) mit den beiden kleinen Kindern. Er hat den Wagen wohl für eine nächtliche Spritztour geklaut und gesteht dann auch recht schnell die Fahrerflucht mit Todesfolge, was ihm bei der Festsetzung des Strafmaßes positiv angerechnet wird.

Wenn das Geständnis Makulatur ist

Doch Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und ihrem Kollegen Dennis Eden (Stephan Zinner) kommen Zweifel an dem Geständnis. Die Besitzer des gestohlen gemeldeten Autos, ein Diplomat und seine Familie, verhalten sich auffällig. Kann es sein, dass in der Tatnacht in Wirklichkeit die Tochter des Hauses hinterm Steuer saß? Und dass der einstige Autoknacker die Schuld gegen das Versprechen von finanzieller Kompensation auf sich genommen hat? Dann wäre das mit dem Hotel, dem Job und dem vielen Geld wirklich keine Lüge.

In diesem »Polizeiruf« kriegt man recht schnell eine Ahnung, dass die Hintergründe des Verbrechens andere sein müssen, als man dem Ermittlungsduo weismachen will. Die Spannung entsteht weniger daraus, wie der Fall gelöst wird, sondern wie die verwickelten Personen ihre Rollen darin definieren und warum sie es tun. Zum Fahrerflucht-Plot kommt zudem ein zweites Verbrechen: Es taucht die Leiche einer Frau auf, die bereits zwei Jahre zuvor ermordet wurde. Schon damals hatte ein Migrant aus Burkina Farso (Yoli Fuller) ein Geständnis abgelegt, in dem er dezidiert den Tatvorgang beschrieb. Doch die wahre Zurichtung der Leiche und ihr Fundort lassen das Geständnis jetzt zur Makulatur werden.

Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach hatte zuvor unter anderem einen interessanten deutsch-polnischen »Polizeiruf« gedreht, in dem er verwundert auf den erstarkenden extremistischen Rechtsnationalismus auf beiden Seiten der Grenze schaute, der sich gar nicht so sehr voneinander unterscheidet. Auch da war der Krimi-Plot einer größeren Frage untergeordnet. Hier nun schlittern Kommissarin und Kommissar in generellere juristische Überlegungen. Man könnte auch sagen: in ein regelrechtes rechtsphilosophisches Gewichse.

Ein Mensch gewordenes Kanzleischild

Denn im Laufe der Untersuchungen trifft Blohm auf einen Staranwalt, dessen Name August Schellenberg sich perfekt auf einem goldenen Kanzleischild macht, der aber auch verbal zu glänzen versucht. Über den Aperitif scharfzüngelt er vor der Kommissarin über die Relativität von Gerechtigkeit. Das klingt dann so: »Gerechtigkeit ist doch ein Gefühl, ein Konstrukt, eine Idee. Gerechtigkeit ist kein Naturgesetz.«

Tobias Moretti verkörpert den Anwalt als Jura-Jongleur, der sich für die Fadenscheinigkeit seiner Argumente nicht schämt. Die zweifelhafte moralische Verfasstheit des Juristen kann vom Publikum schnell erfasst werden, dafür führt die Figur sehr geschmeidig in die entscheidende Frage: Kann man die Schuld von der Strafe entkoppeln? Kann einer die Sühne für die Verbrechen des anderen übernehmen? Hier gewinnt der über Strecken etwas zu leichtherzige Dostojewski-to-go-Krimi dann doch an Tiefe, weil er die durch den Tauschhandel verbandelten Charaktere ernst nimmt.

Kommissarin Blom bleibt angesichts des unauflösbaren Jura-Abfucks nur die Flucht in die Esoterik. Einer mögliche Täterin gegenüber mahnt sie: »Wir können vielleicht unserer Strafe entkommen, aber nicht unserer Schuld. Versau dir nicht dein Karma!«

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Polizeiruf: Ablass«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Foto: Bettina Müller / HR

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