SPIEGEL: Herr Spitz, Sie haben 1984 bei den Paralympischen Winterspielen debütiert, mit 15 Jahren. Woran denken Sie zurück, wenn Sie an Ihre Premiere denken?
Spitz: Es war eine andere Welt. Neue Eindrücke, neue Erfahrungen. Ich habe mich riesig gefreut, überhaupt dabei zu sein. Und dann habe ich sogar eine Medaille gewonnen, am fünften Jahrestag meiner Beinamputation. Die Spiele damals hatten aber nichts mit den Paralympics zu tun, wie wir sie heute kennen.
SPIEGEL: Inwiefern?
Spitz: Alles war kleiner. Damals nahmen 419 Athletinnen und Athleten teil. Es gab nur drei Sportarten, aber 107 Wettkämpfe. Bei der Eröffnungsfeier waren wir die einzige Mannschaft, die keine offizielle Kleidung getragen hat. Wir waren ein uneinheitlicher Haufen. Mein Vater saß auf der Tribüne, er empfand es als Trauerspiel.
Alexander Spitz, Jahrgang 1969, ist ein ehemaliger Para-Skifahrer. Mit zehn Jahren musste Spitz aufgrund einer Krebserkrankung das rechte Bein amputiert werden. Fünf Jahre später debütierte er bei den Paralympics. Spitz gewann vier paralympische Gold-, vier Silber- und drei Bronzemedaillen.
SPIEGEL: Was hatten Sie statt der Teamkleidung an?
Spitz: Ich sollte irgendeinen blauen Anzug anziehen.
SPIEGEL: Wie viele Fans haben die Wettkämpfe verfolgt?
Spitz: Wahrscheinlich hat es sich auf die Angehörigen beschränkt. Über uns wurde ja kaum berichtet. Es gab einen kurzen Bericht in der ZDF-Sportreportage, ein paar Lokalzeitungen haben über Sportler aus ihrer Region geschrieben. Das war es.
SPIEGEL: 1988 sollten erstmals Olympische und Paralympische Winterspiele an einem Ort stattfinden.
Spitz: Und dann wurden sie einfach abgesagt, finanzielle Gründe. Damals haben sich IPC und IOC gestritten, wir Sportler haben das aber nur aus der Ferne mitbekommen. Das war eine traurige Geschichte. Innsbruck ist kurzfristig eingesprungen.
SPIEGEL: Sie haben insgesamt an fünf Spielen teilgenommen und elf paralympische Medaillen gewonnen. Haben Sie jemals eine Prämie erhalten?
Spitz: So etwas gab es damals nicht. 1994 habe ich beim Ball des Sports den damaligen Sporthilfepräsidenten gefragt, warum nicht. Er hatte keine Antwort, hat danach aber Prämien eingeführt. Es dauerte 20 Jahre, doch seit 2014 schüttet die Deutsche Sporthilfe Prämien in gleicher Höhe wie bei Olympia aus.
Sportler Spitz (r.) 2011 im Olympiamuseum: »Es ist schön zu sehen, dass sich die paralympische Bewegung weiterentwickelt«
Foto: Jan Haas / picture allianceSPIEGEL: Welche Spiele sind für Sie ein Vorbild der paralympischen Bewegung?
Spitz: Die Sommer-Paralympics 1994 in Lillehammer waren der Höhepunkt und die Zuschauer wahnsinnig begeistert. Zum ersten Mal erreichten wir eine breite Öffentlichkeit.
SPIEGEL: Bis es in Deutschland größer wurde, dauerte es aber immer noch einige Jahre. ARD und ZDF übertragen erst seit 2010 deutlich mehr paralympische Wettkämpfe. Sie waren damals als Experte dabei.
Spitz: Und seitdem ist das Medieninteresse an den Paralympics immer weiter gewachsen. Nicht nur im TV, sondern auch in anderen Medien. Dadurch entwickelt sich die gesamte paralympische Bewegung.
SPIEGEL: Das merkt man auch bei den Leistungen. In der Spitze werden paralympische Sportler und Sportlerinnen stärker, in der Breite gibt es nun allerdings große Unterschiede. Schadet das der Bewegung?
Spitz: Zum Glück gibt es nicht so viele Menschen mit Behinderungen. Deswegen ist es logisch, dass es auch weniger Leistungssportler als im olympischen Sport gibt. Aber immer mehr Sportler trainieren unter professionellen Bedingungen. Hinten bricht das Niveau oft ab, weil andere Athleten diese Möglichkeiten nicht haben.
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SPIEGEL: Sie waren der erste deutsche Para-Skifahrer, der eine duale Karriere verfolgen konnte.
Spitz: Für mich war es einer der größten Erfolge, dass mich die Sparkasse als Arbeitgeber so unterstützt hat. So etwas kannte man sonst nur von den Amerikanern, Skandinaviern oder Kanadiern. Trotzdem musste ich meine Trainingslehrgänge und Reisen größtenteils selbst finanzieren. Das hat sich heute komplett gedreht.
SPIEGEL: Trotzdem sind nur wenige deutsche Athletinnen und Athleten Vollzeit-Profis.
Spitz: Die Sportler haben kaum eine Plattform, auf der sie sich vermarkten können. Für den paralympischen Sport gibt es nicht genug Förderstellen, wie etwa beim Zoll. Trainer haben oft nur befristete Verträge. Aber die Strukturen sind erheblich besser geworden. Und viele olympische Sportarten abseits des Fußballs kämpfen mit ähnlichen Problemen.
SPIEGEL: Andere Nationen investieren mehr in den Para-Sport. Wie soll Deutschland künftig mithalten?
Spitz: Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen uns entscheiden, ob wir den deutschen Spitzensport fördern möchten. Ohne Investitionen geht nichts mehr. Sonst haben wir keine Chance und können unseren Auftrag nicht wahrnehmen.
SPIEGEL: Wie sieht dieser Auftrag aus Ihrer Sicht aus?
Spitz: Die Paralympics sind ein Leuchtturmprojekt mit klarer Botschaft: Wenn man mit anderen Voraussetzungen geboren wurde oder Lebensumstände sich ändern, gibt es meistens eine Möglichkeit, einen anderen Weg zu finden. Schauen Sie mich an: Vor meiner Beinamputation habe ich Fußball gespielt und bin Ski gefahren. Beim Fußball stand ich danach im Tor, beim Skifahren brauchte ich nur die Krückenskier. Das ging wunderbar. Mit dieser Botschaft wollen wir Menschen mit Behinderungen zum Sport animieren.
Aktivist Spitz bei der »Tour der Begegnung – Inklusion läuft«, 2016: »Wir wollen Menschen mit Behinderungen zum Sport animieren«
Foto: Kerstin Bögeholz / funke foto services / IMAGOSPIEGEL: Warum ist Sport dafür so wichtig?
Spitz: Ein trainierter Körper bedeutet mehr Mobilität, Selbstständigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Gleichzeitig hilft Sport, Barrieren in den Köpfen abzubauen – weil dort Miteinander zählt, nicht Herkunft oder Einschränkung. Nur so kann Inklusion gelingen.

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