Paralympics 2026: Marco Maier kritisiert Bedingungen und schlägt Januar als neuen Termin vor

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SPIEGEL: Herr Maier, einen Langläufer und Biathleten sieht man bei Rennen normalerweise nicht in kurzer Hose und T-Shirt. Sie sind bei den Paralympics aber genau so an den Start gegangen. Wie ist es dazu gekommen?

Maier: Ich musste einfach aufpassen, nicht zu überhitzen. Es herrschten bei meinem Rennen zwölf Grad Lufttemperatur, das ist eigentlich nicht warm. Aber der Schnee reflektiert die Sonne, dadurch fühlte es sich viel wärmer an. Eine ungewohnte Belastung. Vor den Spielen haben wir noch bei Minusgraden trainiert. Deswegen gab es die Entscheidung für die kurze Hose, aber ich habe das noch nie vorher gemacht.

Foto: Martin Schutt / dpa

Marco Maier, Jahrgang 1999, ist ein deutscher Para-Biathlet und -Langläufer. Bei den Paralympics 2026 gewann er drei Bronzemedaillen und eine Silbermedaille. Maier ist Athletensprecher des deutschen Teams.

SPIEGEL: Haben Sie die Hosenbeine und Ärmel einfach abgeschnitten?

Maier: Das war zuerst der Plan. Aber die Techniker von Ottobock hatten zum Glück eine Nähmaschine dabei.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich sonst noch vor Überhitzung geschützt?

Maier: Ich habe sehr viel getrunken, Elektrolyte zu mir genommen. Beim Biathlonrennen über 12,5 Kilometer habe ich mir zweimal Wasser über den Kopf geschüttet. Wie man es eher von einem Radrennen kennt. Absurd, dass ich mir bei Winter-Paralympics Gedanken über Wasserstationen und Kühlung machen muss.

 »Der Sport gibt kein gutes Bild ab«

Maier: »Der Sport gibt kein gutes Bild ab«

Foto: Martin Schutt / dpa

SPIEGEL: Die Temperaturen haben sich nicht nur auf die Athletinnen und Athleten ausgewirkt, sondern auch auf die Strecke. Das Laufen im tiefen Schnee muss anstrengend gewesen sein.

Maier: Man macht einen Schritt vorwärts, sinkt ein und rutscht ein paar Zentimeter zurück. Das macht keinen Spaß. Es gibt auch viel mehr Stürze, wie schon bei den olympischen Kombinierern. Durch die Bedingungen sehen wir aus wie Anfänger. Der Sport gibt kein gutes Bild ab.

SPIEGEL: Beim Ski alpin wurden mehrfach Rennen um eine halbe Stunde nach vorn gezogen.

Maier: Das ist zwar hilfreich. Aber letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

SPIEGEL: Als Athletensprecher vertreten Sie auch Interessen der Sportlerinnen und Sportler. Haben Sie Vorschläge, wie man das Klimaproblem im März für die Paralympics lösen kann?

Maier: Schneesichere Winter werden in Europa immer seltener. Man könnte die Spiele auf einem anderen Kontinent austragen. Das würde vielen aber nicht gefallen.

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SPIEGEL: Machen Sie sich Sorgen, dass die Winter-Paralympics angesichts der Klimakrise irgendwann vielleicht nicht mehr stattfinden werden?

Maier: Am Schneemangel in vielen Regionen werden wir nichts ändern können; beim Weltcup in Schweden war der Schnee nur noch so dünn, dass wir bereits den Boden darunter berührt haben. Ich habe dabei mehrere Skier zerstört. Wir bekommen diese Situation wahrscheinlich nur mit Technik gelöst, darauf vertraue ich: Schnee umweltschonend herzustellen, ist möglich. Dafür muss aber in Technologien investiert werden.

SPIEGEL: Gibt es noch eine andere Option, dem Klimaproblem im März aus dem Weg zu gehen?

Maier: Wir könnten die Paralympics nach vorn verlegen, in den Januar, vor den Olympischen Spielen. Danach könnten wir unsere Weltcup-Saison fortsetzen, ähnlich wie die Olympioniken es jetzt tun.

SPIEGEL: Die Para-Weltcup-Saison startet oft erst im Dezember. Dann hätten die Sportlerinnen und Sportler kaum Zeit, sich zu qualifizieren.

Maier: Man müsste die Qualifikationszeiträume neu gestalten. Ergebnisse aus dem Vorjahr oder standardisierte Leistungstests wären eine Möglichkeit. Andere Sportarten veranstalten Qualifikationsturniere. Für jüngere Athletinnen und Athleten müsste es andere Chancen geben, sich zu beweisen. Man müsste das gut durchdenken, klar. Aber wer will, findet Wege.

»Der Para-Sport muss professioneller und spannender werden«

Maier

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Foto: Martin Schutt / dpa

SPIEGEL: Hätten Sie Sorge, dass Paralympics dann als reines Vorprogramm für Olympia wahrgenommen werden?

Maier: Olympia wird immer einen höheren Stellenwert als die Paralympics haben. Man glaubt an Märchen, wenn man darauf hofft, sie gleichzustellen. Aber momentan fällt die Spannung nach Olympia ab, der Hype ist vorbei. Ziehen wir die Paralympics vor, müssten wir nur aufpassen, nicht in den Qualifikationszeitraum für Olympia zu fallen. Denn in diesem Zeitraum geht es nur darum, wer sich die letzten Olympia-Plätze sichert. Dann gingen wir weiter unter.

SPIEGEL: Was bräuchte es aus Ihrer Sicht noch, um die Popularität von Winter-Paralympics zu steigern?

Maier: Die Berichterstattung wird qualitativ immer besser. Aber viele Wettkämpfe werden nur im Livestream gezeigt. Interessierte müssen also gezielt danach suchen. Es fällt Menschen aber immer leichter, etwas zu verfolgen, wenn es ihnen etwas präsentiert wird. Der Para-Sport muss zudem professioneller und spannender werden, neue Formate entwickeln. Das fesselt Zuschauer und Zuschauerinnen.

SPIEGEL: Wie sehen Ihre perfekten Paralympics aus?

Maier: Verschneiter Wald, Sonnentage, keine Dreckstellen im Schnee. Ein Athletendorf mit vielen Sitzmöglichkeiten und Aktivitäten, in dem Werte wie Gemeinschaft und Austausch gelebt werden können. Weniger Konflikte, die den Sport überlagern. Wir zeigen, was Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen erreichen können. Aber trotz der Umstände: Ich freue mich, dass ich in Italien sein durfte. Ich bin einfach glücklich, bei den Paralympics solche Chancen zu bekommen und meiner Leidenschaft nachgehen zu können.

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