Am 17. März wäre der Schriftsteller Siegfried Lenz 100 Jahre alt geworden. Wie zu solchen Anlässen üblich, zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk, dass Kulturvermittlung zu seinem Auftrag gehört, und im Fall von Lenz, dessen Beitrag zum Kulturradio der Fünfziger- und Sechzigerjahre signifikant ist, gibt es auch ein umfangreiches Audioprogramm. Lenz im Rundfunk zu feiern und dabei die eigene Kompetenz und Bedeutung unter Beweis zu stellen, sollte eigentlich eine einfache Sache sein. Eine Sache des Kuratierens. Sowohl der NDR als auch 3sat/ZDF können aus den Archiven schöpfen. Die großen Romane sind verfilmt, viele Erzählungen, es existieren bemerkenswerte Hörspielinszenierungen, sogar auf Plattdeutsch.
Im Genre Literaturverfilmungen ist Lenz’ Werk ein Geschenk, gestaltet es doch zugängliche Figuren in existenziellen Entscheidungssituationen. Lenz’ Literatur ist politisch, aber nicht manifestartig, lebendig und misstraut dem Dogmatischen. Die Frage „Was würdest du tun?“ bewegt ihn. Themen wie Flucht und Vertreibung, Nationalsozialismus und Krieg, Klimakatastrophe, Menschenwürde, staatliches Gewaltmonopol und ziviler Widerstand stehen neben Aussöhnung bei Lenz auf der literarischen Tagesordnung. Kein Literat im Elfenbeinturm, hat der in Ostpreußen Gebürtige, der in Hamburg neue Heimat fand, für seinen Freund, den Bundeskanzler Helmut Schmidt, und die SPD lange Wahlkampf gemacht und unter anderem Bundeskanzler Willy Brandt auf Staatsbesuch nach Warschau begleitet.

Zu Lenz’ Rundfunk-Geburtstagsfeierlichkeiten bringen sowohl der NDR als auch 3sat jeweils eine Fernsehpremiere, mithin Filme, die sich an ein jüngeres Publikum richten. An ihnen kann man den aktuellen Zustand des Kulturfernsehens ablesen. Das NDR-Dokudrama „100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun“? (Regie und Buch Vera Weber, Kamera Benjamin Kahlmeyer) scheint zunächst vom Originalitätszwang der TV-Kulturredaktionen angestachelt. Klar: Niemand will verfilmte Schulstunden sehen, und die Aufgabe, Werk und Schriftsteller sichtbar zu machen, ist nicht leicht. „100 Jahre Siegfried Lenz“ benutzt die Handlungsbewegung der dargestellten Recherche: Inspektor Tondi, gespielt von Jonas Nay, der in „Schweigeminute“ die Hauptrolle hat, geht auf Spurensuche – nach seinem Vater Siegfried, denn Tondi ist die Figur einer Erzählung von Lenz. Wer über den häufig penetranten Musikeinsatz (Depeche Mode) und platte Inszenierungsideen (Nay steht als Tondi bis zum Hals in einem Teich, er rasiert sich, während er räsoniert) hinwegsehen kann, wird belohnt.
Günter Berg, der ehemalige Verleger und Freund, der aus dem Nachlass 2016 den Roman „Der Überläufer“ herausgab, und Sabine Rückert, Journalistin, die mit ihrer Schwester, der Theologin Johanna Haberer, den Bibel-Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“ gestaltet, kommentieren Leben, Werk und die Bedeutung von Begriffen wie „Gewissen“ und „Pflicht“. Wobei es so wirkt, als habe man der auskunftsfreudigen Rückert ein paar Mal die Rede abgeschnitten. Wirklich interessant wird es, als Tondi junge Polizisten bei einem Abschiebeeinsatz begleitet und mit den Beamten hinterher spricht. Einige hadern, andere sehen Notwendigkeit, Nay verlässt seine Rolle und hört zu. Von einigen übertriebenen Munterkeiten abgesehen, gelingt die Aktualisierung, die „100 Jahre Siegfried Lenz“ unternimmt.
Bei 3sat: Sechs Minuten Eigenlob, im Voiceover
Ganz anders die missratene 3sat-Dokumentation „Siegfried Lenz und die Kraft des Gewissens“ von Anna Pflüger und Lara Heinemann: Hier wird behäbig und brav inszeniert und unterkomplex getextet, der Schriftsteller mit dem lauwarmen Bad des Desinteresses ausgeschüttet. 37 Minuten gibt sich diese Würdigung Zeit, wobei sie auf die Literatur selbst wenig davon verwendet. Auch hier tritt Günter Berg auf, und sitzt vor einer Bücherwand, das soll wohl der Autorenreminiszenz genug sein. Zumeist ist Lenz bloß Stichwortgeber für den Versuch, Relevanz zu behaupten. Schon zu Beginn erfahren wir, worum es geht (und worum nicht): Nachdem kurz Lenz’ Anfänge beim Nordwestdeutschen Rundfunk NWDR gestreift werden, will man den Zuschauern den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erklären. Sechs Minuten Eigenlob, im Voiceover („Heute wettern Rechtspopulisten gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Sender, einst Kernidee für eine Demokratisierung, kämpfen um ihre Reputation“), dann von Social-Media-Creatorin Nina Poppel, die im Schneidersitz einen abgenutzten Ledersessel belagert und langwierig erklärt: „Die Öffentlich-Rechtlichen bieten uns eine gemeinsame Faktenlage, und das ist heutzutage gar nicht mehr selbstverständlich, weil wir haben eine sehr digitalisierte Medienlandschaft.“
Weiter geht es um journalistische Standards, die angeblich nur die Öffentlich-Rechtlichen beachten. Die Influencerin hat das letzte Wort, zu Lenz hat sie nichts zu sagen. Zum Thema Unterdrückung und Schuld schaltet der Film zu einer Queer-Demo, zum Thema Widerstand sehen wir Demonstranten, die sich auf der Straße festgeklebt haben. Für Lenz bleiben wenige Minuten, in denen Ulrich Tukur im Tonstudio liest. Da das aber offenbar zu langweilig ist, fängt die Kamera die Technik ein, Mischpult, Mikro, den Mann von vorn und der Seite. Sollte das der Brecht’sche Verfremdungseffekt sein? Der Geist des 2014 verstorbenen „Weltbestseller“-Autors Lenz juckt hier niemanden. Da feiert der NDR Lenz’ 100. würdiger.
Siegfried Lenz und die Kraft des Gewissens läuft am Samstag um 19.20 Uhr bei 3sat.
100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun? zeigt das NDR-Fernsehen am Montag um 22.45 Uhr. 3sat wiederholt zwischen dem 17. und 23. März die Lenz-Verfilmungen Die Flut ist pünktlich, Schweigeminute, Arnes Nachlass, Der Überläufer, Der Verlust und Deutschstunde. beim NDR läuft in der Audio-App die Siegfried-Lenz-Hörspiel-Edition mit 16. Stücken.

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