Pierre Littbarski (l.) und Lothar Matthäus: Fußball-Weltmeister von 1990
Foto: Lutz-Bongarts/ Bongarts/Getty ImagesDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Lothar Matthäus, Weltmeister, ist da. Auch Pierre Littbarski, Weltmeister, und Thomas Häßler, Weltmeister.
»Weltmeister ist man immer, irgendwie«, sagt Rudi Völler (Weltmeister) an einer Stelle von »Ein Sommer in Italien«, der im CinemaxX-Kino am Dammtor seine Hamburg-Premiere feiert. Volles Haus, grüner statt roter Teppich, durch die Boxen säuselt Toto Cutugno »L’italiano«. Fußball, Italien, 1990, der WM-Titel. Das ganze Paket, knapp 36 Jahre später.
Matthäus bei der Hamburg-Premiere
Foto: Valeria Witters / WITTERSMatthäus, Littbarski und Häßler sind die Stargäste. Autogramme auf angereichten Nostalgie-Trikots, Selfies, einmal die Weltmeister berühren. Die Begeisterung vor dem Kino und im Saal ist echt, erstaunlich viele junge Fans wollen die Fußballhelden von damals sehen, persönlich und auf der Leinwand.
Teamchef Franz Beckenbauer, umringt von seinen Spielern
Foto: Werek / dpa / Tobis Film / picture allianceDie Geschichte der Fußball-Weltmeister von 1990 kann man auf verschiedene Arten wiedergeben. Zum Beispiel als große Erzählung eines Landes nach dem Mauerfall, als schwarz-rot-goldener Epochenbruch.
So wie die demütigen Weltmeister von 1954 Deutschland in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker zurückführten, hätte man die Weltmeister von 1990 explizit als Vertreter des Neuen, des bald Wiedervereinigten inszenieren können. Bilder vom Mauerfall, Trabis, der Empfang mit mehreren Zehntausend Deutschlandflaggen auf dem Frankfurter Römer.
Nichts davon ist im Film zu sehen.
Explizit nur den »Mikrokosmos Italien« wollten die beiden Regisseurinnen zeigen, wie Vanessa Goll sagt. Genau wie Nadja Kölling ist sie keine Sportjournalistin, was der Dokumentation gut bekommt.
Matthäus wünscht sich »Zusammenhalt und Respekt«
Die beiden widerstehen der Verlockung, ein für den deutschen Fußball historisches Turnier als stringente sportliche Heldengeschichte zu erzählen. Stattdessen geht es in den gut anderthalb Stunden um ein Thema, das weit über den Fußball hinausreicht: Gemeinschaft, Zusammenhalt, das Kämpfen für ein gemeinsames Ziel.
Der damalige Kapitän Matthäus spricht wenige Minuten vor der Premiere eindrücklich von diesen Werten. Der 64-Jährige wünscht sich, dass sich dieser besondere Geist, der gegenseitige Respekt der damaligen Teammitglieder füreinander »auch wieder mehr in unserer heutigen Gesellschaft wiederfindet«.
Da spricht plötzlich nicht der »Sky«-Sidekick, als den ihn viele jüngere Fußballzuschauer kennen, sondern der Kapitän eines Teams, das sportlich und menschlich bis heute fasziniert.
Lothar Matthäus in »Ein Sommer in Italien«
Foto: B|14 Film / Tobis FilmMatthäus nimmt in der Dokumentation ob seiner Rolle eine prägende Rolle ein. Als sein unglaublicher Treffer im Auftaktspiel gegen Jugoslawien gezeigt wird, brandet im Saal Applaus auf. Die damaligen Mitspieler ergehen sich in Lobeshymnen über den Anführer im Mittelfeld, der in diesen vier Wochen das Turnier seines Lebens spielt.
Wenn Matthäus über den vor zwei Jahren verstorbenen Andreas Brehme spricht, spiegelt sich in seinem Gesicht der ganze Schmerz des oft so Vorlauten über den Verlust seines »Bruders«.
Fast alle Weltmeister kommen zu Wort
Die Regisseurinnen Goll und Kölling gehen mit dem Tod Brehmes angenehm zurückhaltend um. Die Gesichter von Häßler und Matthäus genügen als Pinselstrich, es bedarf keiner weiteren, mit dramatischer Musik angereicherten Großaufnahmen des Finalsiegtorschützen, um Emotionen anzufachen.
Da bis auf wenige Ausnahmen alle Spieler des damaligen Kaders zu Wort kommen, zeichnet der Film ein vielstimmiges Bild dieses Sommers, das immer wieder um das gleiche Thema kreist: Hier haben sich sehr unterschiedliche Menschen zusammengefunden und aus innerem Antrieb heraus ein Team gebildet. »Ich bin mit meinen Freunden Weltmeister geworden«, das ist das Völler-Bonmot, das es zusammenfasst.
Guido Buchwald bei seiner Rückkehr ins Guiseppe-Meazza-Stadion
Foto: B|14 Film / Tobis FilmDem Erfolg waren glückliche Fügungen zuträglich: Da Matthäus, Brehme und Jürgen Klinsmann zu jener Zeit bei Inter Mailand unter Vertrag standen, wurde das Mailänder Guiseppe-Meazza-Stadion zur natürlichen Heimspielstätte der Deutschen. Über die Alpen reisten Fans aus West und erstmals Ost an und verbündeten sich mit den Mailänder Fans, die die Deutschen herzlich durchs Turnier begleiteten.
Die ersten fünf der sieben Turnierspiele durfte man »zu Hause« in San Siro bestreiten. Der furiose Auftakt gegen Jugoslawien, die Schlacht gegen die Niederlande im Achtelfinale, das denkwürdig miese Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei, im Zuge dessen selbst Kenner skurriler Franz-Beckenbauer-Geschichten noch Neues erfahren.
Der Teamchef war wegen der desaströsen Darbietung seines Teams so erzürnt, dass er am liebsten alle Spieler ausgewechselt hätte. Als Andreas Möller in die Partie kommen sollte, wandte er sich Hilfe suchend an Beckenbauer: Wer soll denn eigentlich den Platz verlassen? »Such dir einen aus«, soll dieser geantwortet haben.
Deutschland, Fußball-Weltmeister 1990
Foto: Martina Hellmann / dpa / Tobis Film / picture allianceBeckenbauers Ausbruch inklusive Rumpelstilzchen-Auftritt in der Kabine war der Weckruf, den die Spieler als letzten Schub benötigten. Es folgte der Halbfinalsieg gegen England, dann das Finale gegen Argentinien. Guido Buchwald nahm Diego Maradona aus dem Spiel, Brehme verwandelte den Strafstoß kurz vor Schluss.
Deutschland war Weltmeister, Beckenbauer, der Menschenzusammenführer, schlenderte gedankenverloren allein über den Platz. Momente, die sich in das deutsche Sportgedächtnis eingegraben haben.
Es waren die letzten Momente Beckenbauers als Verantwortlicher für dieses Team und mit seinem Abgang zerbrach das Gebilde, das in Kombination mit seinen Fans so tief verbunden durch dieses Turnier geschritten war.
Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.
{$dispatch('toggle')}, 250);">
Externen Inhalt anzeigen
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
»Es ist eine Freude, den Spielern zuzuschauen, das hat es seit 1974 nicht mehr gegeben«, hatte der Teamchef vor dem ersten WM-Spiel gesagt.
Und es stimmte auch: 16 Jahre lang hatten sich Fans und Nationalspieler entfremdet, 1982 mit der »Schande von Gijón« und Schumachers Attentat auf den Franzosen Patrick Battiston, war der Tiefpunkt erreicht, selbst 1986 noch verspottete Beckenbauer die Leistungsfähigkeit seines eigenen Kaders.
16 Jahre bis zum nächsten »Sommermärchen«
Und es sollte erneut 16 Jahre bis zum »Sommermärchen« der Heim-WM dauern, bis die Fußballnation wieder ähnlich zugewandt war. Bereits 1994 hatten die Ich-AGs von Stefan Effenberg bis Mario Basler das Klima vergiftet, 1998 prügelten deutsche Hooligans den Polizisten Daniel Nivel fast tot, 2002 rumpelten die Deutschen in schlimmster deutscher Rumpelmanier bis ins Finale.
Leicht, so richtig leicht fühlte sich die deutsche Fußballnationalmannschaft für viele Jahrzehnte nur in diesen vier Wochen in Italien an.
Mit ihrem Zusammenhalt, den gemeinsamen Fahrten über den wunderschönen Comer See, als das deutsche Sehnsuchtsland Italien auf die hölzerne deutsche Fußballseele abfärbte.
Pierre Littbarski (l.) und Thonas Häßler fahren noch einmal über den Comer See
Foto: B|14 Film / Tobis FilmDank bislang unveröffentlichter Aufnahmen von Torwarttrainer Sepp Maier und Torwart Bodo Illgner und Schätzen aus dem Fifa-Archiv kommt man diesen Wochen nahe.
»Ich hab’ in diesem Sommer zum ersten Mal gscheide Spaghetti gegessen«, erinnert sich Karl-Heinz Riedle. Und Weltmeister ist er geworden. Das ist man dann ja immer, irgendwie.
»Ein Sommer in Italien« läuft ab 19. März in den Kinos

vor 2 Stunden
1










English (US) ·