Europa träumt von der digitalen Dekade, doch die Realität auf den Baustellen und in den Bilanzen der Netzbetreiber sieht ernüchternd aus. Bis zum Jahr 2030 will die EU jedem Haushalt Gigabit-Anschlüsse und eine flächendeckende 5G-Versorgung garantieren. Zwischen diesen politischen Ambitionen und der wirtschaftlichen Umsetzung klafft indes ein Loch: Laut einer Analyse des europäischen Telekommunikationsmarkts der Unternehmensberatung Kearney fehlen mindestens 174 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Sollte diese Lücke nicht geschlossen werden, könnten bis zum Ende des Jahrzehnts rund 45 Millionen EU-Bürger ohne adäquate Netzwerkverbindung bleiben.
Bitter für den Standort Deutschland ist dessen Abschneiden im „European Telecom Health Index“, der erstmals Teil der Studie ist. Die größte Volkswirtschaft des Kontinents landet demnach beim Wohlergehen des Sektors nur auf dem 15. Platz von 20 untersuchten Ländern. Damit rangiert die Bundesrepublik im unteren Drittel, weit hinter digitalen Vorreitern wie Norwegen, Schweden oder Portugal. Deutschland erreicht lediglich 64 von 100 möglichen Punkten.
Dieser Befund bestätigt frühere einschlägige Ergebnisse. Er birgt laut Kearney erhebliche Risiken für die künftige Wettbewerbsfähigkeit. Denn gerade Länder in der unteren Hälfte des Index vereinten rund 70 Prozent der europäischen Bevölkerung und fast zwei Drittel der Wirtschaftsleistung.
Trügerische Stabilität des deutschen Marktes
Das Kernproblem der Branche ist laut der Untersuchung hausgemacht und systemisch. Die etablierten Telekommunikationsanbieter sind finanziell am Limit, da sie durch hohe Schuldenlasten und moderate Renditen kaum Spielraum für große Vorleistungen haben. Selbst der Branchenverband Connect Europe räumt ein, dass der Sektor zu schwach sei, um die Last allein zu schultern. In Deutschland zeigt sich zudem ein paradoxes Bild: Zwar erzielen die Betreiber noch solide Kapitalrenditen von rund zehn Prozent. Dieser Erfolg basiert aber weitgehend auf der hohen Auslastung veralteter Kupfer- und Koaxialnetze.
Glasfaser erreicht in Deutschland inzwischen rund die Hälfte der Haushalte. Doch die Anschlussquote liegt gerade einmal bei knapp über 25 Prozent. Viele Kunden nutzen weiterhin die bestehende Altinfrastruktur, was Erträge aus den neuen Investitionen nur schleppend fließen lässt. Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit: In schlechter abschneidenden Märkten wie Deutschland äußern Kunden eine höhere Wechselbereitschaft und fordern häufiger bessere Servicequalität sowie stabilere Netze als in den Top-Nationen.
KI-Boom nährt Datenhunger
Derweil geht die technologische Entwicklung weiter. Der Internetverkehr in Europa hat sich der Analyse zufolge zwischen 2014 und 2022 fast verneunfacht und wächst jährlich um weitere 20 bis 25 Prozent. Der eigentliche marktverändernde Faktor sei die Künstliche Intelligenz (KI), deren Adoption den Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 voraussichtlich verdreifachen werde. Firmen benötigten deutlich mehr Cloud-Kapazitäten und Rechenleistung, um mit der globalen Entwicklung Schritt halten zu können.
Allein durch einen verstärkten KI-Einsatz prognostizieren andere Berater wie Goldman Sachs einen Anstieg des Strombedarfs in Rechenzentren um 165 Prozent bis 2030. Diese Entwicklung mache deutlich, dass digitale Infrastruktur – Glasfaser, 5G und Edge-Knoten für Rechenleistung an den Enden der Netze – längst kein Nischenthema mehr sei, heißt es bei Kearney. Sie bilde das Fundament für moderne Innovation, Kommunikation und die Souveränität Europas. Die Konstitution der Wirtschaft hänge direkt von dieser Basis ab.
Private Equity als „Held“ der Netze
In dieser misslichen Lage schlägt laut den Autoren die Stunde von Private-Equity-Häusern und spezialisierten Infrastrukturfonds, die sich zu „verkannten Helden“ der digitalen Transformation entwickelten. Wenn Regierungen und klassische Netzbetreiber an ihre Grenzen stießen, verfügten solche Akteure der privaten Märkte noch über hinreichend tiefe Taschen: Das weltweit verwaltete Vermögen in privaten Infrastrukturanlagen habe sich im vergangenen Jahrzehnt auf die Rekordsumme von 1,4 Billionen US-Dollar vervierfacht. Investoren würden aktuell vor allem von stabilen, versorgertypischen Cashflows und dem enormen Aufwärtspotenzial durch KI und die Cloud angezogen.
Erste Großtransaktionen in Europa unterstreichen den Trend. Die Deutsche Telekom verkaufte 51 Prozent ihrer Funkturmsparte für 10,7 Milliarden Euro an Brookfield und DigitalBridge, um Schulden abzubauen und 5G-Investitionen zu finanzieren. Vodafone veräußerte Anteile an Vantage Towers an KKR und GIP. Auch im Glasfaserbereich seien Investoren wie Antin oder KKR drauf und dran, den Rollout in unterversorgten Gebieten zu beschleunigen. Private Capital sei mittlerweile kritisch, damit Europa mehr seiner eigenen Daten hosten und die Abhängigkeit von US-Hyperscalern abbauen könne.
Fragmentierung als Investitionsbremse
Die Studie verdeutlicht, dass Europa seine Marktstrukturen dringend überdenken müsse. Während in den USA und China jeweils nur etwa drei große Anbieter den Markt dominierten und auf über 97 Prozent des Umsatzes kämen, sei der europäische Sektor allein mit 90 Mobilfunkbetreibern sehr fragmentiert. In Deutschland kämpften hier weiter vier Anbieter um Anteile. Märkte mit drei Betreibern erzielten im Durchschnitt höhere Gewinnmargen und bessere Kapitalrenditen.
Kearney rät daher, die Konsolidierung voranzutreiben. „Buy-and-Build-Strategien“ etwa könnten helfen, kleinere Akteure zu effizienten Plattformen zu verschmelzen. Dies dürfte wiederum bei regionalen Glasfaseranbietern oder Rechenzentren zu Skaleneffekten führen, die niedrigere Stückkosten und mehr Innovation ermöglichten. Auch die Aufspaltung in reine Infrastruktur- und Dienstleistungsgesellschaften wird als logischer Schritt gesehen, um spezialisierte Investoren anzulocken.
Risiken von Private Equity
Damit das private Geld dauerhaft in europäische Netze fließt, so das Fazit der Berater, muss die Politik die Rahmenbedingungen ändern. Investoren bräuchten Planungssicherheit: Es müsse klar sein, welche Preise sie für die Netznutzung verlangen dürfen und wie die Vergabe von Funkfrequenzen langfristig abläuft. Ferner bremse zu viel Bürokratie den Fortschritt. Genehmigungen für neue Glasfaserleitungen oder Rechenzentren müssten deutlich schneller erteilt werden – etwa durch eine „Überholspur“ für digitale Bauprojekte. Auch finanzielle Anreize wie Steuergutschriften könnten helfen, das Interesse privater Geldgeber zu sichern.
Der Ruf nach mehr Private Equity ist nicht ohne Risiko. Kritiker geben zu bedenken, dass Finanzinvestoren oft auf kurzfristige Gewinnmaximierung und eine baldige gewinnbringende Weiterveräußerung schielen. Das harmoniert nicht immer mit dem staatlichen Interesse an einer dauerhaften, bezahlbaren Grundversorgung für alle Bürger. Zudem besteht die Gefahr, dass durch die Ausgliederung von Netzen die technische Gesamtverantwortung der klassischen Anbieter ausgehöhlt wird.
(akn)











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