Gerade waren Schulferien in Hamburg, und ich hatte unsere nun 17-jährigen Zwillingstöchter gefragt, was sie denn gerne in dieser Zeit machen würden. Eine sagte, sie würde gerne mit ihrer Freundin und mir in die Berge fahren (der Vater musste arbeiten und hatte keine Zeit). Die andere hatte keine Lust dazu. Sie wollte lieber zuhause bleiben und die Zeit mit ihren Freundinnen verbringen. Die beiden waren schon immer ziemlich unterschiedlich. Und ich? Ich wollte am liebsten mit beiden Töchtern verreisen.
Ich habe einer Freundin davon erzählt, und sie sagte: »Du kannst doch deine Tochter dazu zwingen, mit in die Berge zu fahren, sie ist doch noch nicht volljährig.« Ich musste spontan lachen. Mal davon abgesehen, dass ich meine Tochter nicht zu einer Reise verpflichten will, die sie nicht unternehmen möchte, weil dann übellaunige Zeiten drohen: Wie sollte ich eine 17-Jährige überhaupt noch zu etwas zwingen?
Klar, der Erziehungsauftrag endet formal, wenn sie 18 Jahre alt sind. Aber er läuft vorher schon allmählich aus. Wenn 16-Jährige Bier und Wein trinken, in Hamburg die Bürgerschaft wählen können, mit 17 Jahren begleitet Autofahren dürfen – wäre es dann angemessen zu verkünden »Du musst um 22 Uhr zuhause sein«, »Du gehst nicht mit deinen Freunden zum Feiern in den Club«, »Du räumst jetzt dein Zimmer auf«, »Du fährst jetzt mit in die Berge«? Ich denke: nein.
Jugendliche im Club
Foto:Mindful Media / Getty Images
Wir haben immer das Ziel gehabt, unsere Töchter zu selbstständigen, eigenverantwortlichen Menschen zu erziehen, und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sie das dann auch sind. Und dieser Zeitpunkt muss nicht zwingend mit dem 18. Geburtstag zusammenfallen.
Erziehung bedeutet für mich, die Kinder dabei zu unterstützen, sich und ihr Potenzial zu entwickeln, eigenständig zu denken und zu handeln. Anfangs sind dabei die Leitplanken enger, dann wird der Raum immer weiter. Das ist nicht immer einfach, denn manchmal wollen Kinder Dinge oder wollen sie gerade nicht, die Erwachsene nicht gut oder gerade gut finden.
Wäre es nicht super für die Entwicklung, wenn die Kinder ein Musikinstrument lernen würden? Also setzt man sie im Babyalter auf die Warteliste der Jugendmusikschule und wartet (in unserem Fall: 8,5 Jahre) auf einen Platz für Klavierunterricht. Und dann, ja, dann kann man sie zum Unterricht bringen und zu Hause freundlich erinnern, auch mal zu üben. Aber man kann sie nicht zwingen, Klavierspielen zu mögen. Irgendwann spielen sie entweder gern Klavier oder sie lassen es, egal, ob sie 18 Jahre alt sind oder erst 12.
Haben Sie auch Erfahrung mit einem sich verändernden und dann auslaufenden Erziehungsauftrag? Ich freue mich, wenn Sie mir Ihre Erfahrungen schreiben!
Die Einflussmöglichkeiten schwinden, und, ja, ich gebe es zu, es fällt mir manchmal schwer, es mit der Erziehung sein zu lassen. Jahrelang (gefühlt: jahrhundertelang) habe ich mich am Thema Zähneputzen abgearbeitet. Aus eigener bitterer Erfahrung wissen mein Mann und ich, wie wichtig Zähneputzen ist. Wir haben mit Belohnungspunkten gearbeitet, mit Zahnputzvideos, mit Sanduhren, haben selbstverständlich Fluorid-Zahnpaste gekauft.
Die Strategie war auch erfolgreich: Sie haben kein Karies. Doch es fällt mir heute wahnsinnig schwer, die 17-Jährigen abends nicht daran zu erinnern, dass sie bitte die Zähne putzen sollen. Natürlich putzen sie die auch ohne Erinnerung. Meine Frage nehmen sie als etwas nervige Marotte ihrer Mutter hin. Glaube ich jedenfalls. Naja, manchmal machen sie auch einen Witz darüber, und damit haben sie auch recht: Dieser Erziehungsauftrag ist definitiv ausgelaufen.
Hier noch ein Hinweis zum Zähneputzen: Glauben Sie nicht der aktuellen Anti-Fluorid-PR . Mein Kollege Julian Aé hat recherchiert, welche wirtschaftlichen Interessen hinter dieser Kampagne stecken könnten.
Ach ja: Der Urlaub in den Bergen haben wir zu dritt sehr genossen, und unsere andere Tochter hat sich jeden Tag mit ihren Freundinnen in Hamburg getroffen und fand das toll.
Meine Lesetipps
Vor einiger Zeit habe ich erzählt, dass die Weltpolitik nun auch bei uns am Esstisch sitzt. Die Weltlage ist seitdem leider nicht besser geworden, im Gegenteil. Mein Kollege Markus Deggerich hat sich daher mit der Frage beschäftigt, wie man über den Iran-Krieg spricht mit den Kindern, wie man sie beruhigt. Einige Erkenntnisse dazu hat er beim gemeinsamen Theaterbesuch gewonnen . Auch wenn Sie nicht in Berlin wohnen und bei Ihnen »Parzival« gerade nicht gespielt wird: Ein Familien-Theaterabend ist eigentlich immer eine gute Idee.
In Australien sind die Sozialen Medien für unter 16-Jährige verboten, in Deutschland wird darüber noch debattiert. Ich hätte mir dieses Verbot gewünscht, aber vor allem hätte ich gern gewusst, wie Über-16-Jährige mit dem Social-Media-Konsum wieder aufhören. Für Eltern, die hier noch Einfluss haben (oder gern hätten), gibt es fünf Tipps, ein bisschen Australien in die eigene Wohnung zu bringen. Wenn der empfohlene Bildschirm-Sessel ungenutzt bleibt, dann könnten Sie ihn einfach nutzen, mit einem Buch, als Lesesessel. Kinder lernen ja auch am Vorbild.
Während der Schulferien würde ich gern am Vorbild meiner Töchter lernen und sehr lange schlafen. Die Frühjahrsmüdigkeit! Dachte ich. Aber jetzt weiß ich: Die gibt es gar nicht wirklich, oder, besser gesagt, es gibt sie ausschließlich in Deutschland. Warum ist das so? Es liegt an der Sprache.
Das jüngste Gericht
Zum Erwachsenwerden unserer Töchter gehört: Sie kochen selbst. Nicht unbedingt für die ganze Familie, oft auch nur schnell für sich selbst, weil sie gerade Hunger haben. Ich empfinde das als sehr große Entlastung, schon deshalb, weil mir trotz der vielen Kochbücher die Ideen ausgehen. Immer Nudeln? Ja, immer Nudeln, unsere Töchter lieben Pasta. Mit vegetarischer Tomatensoße, mit Pesto, mit Avocado-Paste, mit Bolognese-Soße. Nun bin ich auf die von uns irgendwie übersehene Amatriciana-Variante gestoßen. Auch mal eine Idee, das Rezept klingt überzeugend.
Mein Moment
Wie schützt man seine Kinder vor verstörenden Nachrichten und Bildern in dieser bedrohlichen Zeit? Dazu hat mir eine Mutter ihre Erfahrungen geschildert:
»Als unser Sohn klein war, hat er immer gerne mit mir Nachrichten geschaut. Ich als Nachrichtenjunkie fand das toll. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ihn vor der Realität beschützen muss. Mit dem Ukraine-Krieg wurde das anders. Es fiel mir schwer, keine Nachrichten mehr zu schauen, wenn er noch wach war. Aber seit er in der 5. Klasse sein eigenes Handy hat, ist das natürlich schwierig. Über gewisse Einstellungen an Handy und Laptop haben wir es versucht, aber sehr lange hat es nicht geklappt. Es gibt immer Ältere im Freundeskreis oder welche, die technisch sehr versiert sind. Aber er ist eben auch immer super über alles informiert, und wir können uns auf Augenhöhe über alle Weltereignisse unterhalten, und das ist wirklich für mich als Mama einmalig.
Herzlich,
Ihre
Marianne Wellershoff

vor 2 Tage
3








English (US) ·