In der Krise muss das normale Geschäft trotzdem weitergehen. Das gilt erst recht, wenn man den traditionellen Vorweihnachtsempfang für Angehörige von Bundeswehr- und Polizeikräften im Auslandseinsatz schon verschoben und neu terminiert hat. So begrüßte der Kanzleramtsgastgeber am Dienstagvormittag seine Gäste mit einem Bekenntnis, das sie ihm abgenommen haben dürften: „Wir alle hoffen gemeinsam mit Ihnen, dass die Zahl der Einsätze, die wir anordnen müssen, so klein wie möglich bleibt.“
Zu einem neuen Bundeswehreinsatz in der Arktis ist Bundeskanzler Friedrich Merz in diesen Tagen sehr wohl bereit. Es geht ihm dabei aber mehr darum, den Amerikanern mit ihren grönländischen Sicherheitsbedenken im Nato-Rahmen entgegenzukommen. Dass US-Präsident Donald Trump diese Bereitschaft zu größerem militärischen Engagement als Provokation empfand und den schon auf Erkundungstour befindlichen Europäern Strafzölle androhte, hat auch Transatlantiker Merz als irrationalen Affront empfunden.
Nun trifft er sich an diesem Freitag mit Trump, der in den Schweizer Bergen regelrecht Hof hält. So könnte eine Zusammenkunft, von der am Dienstag erwartet wurde, dass ihr genauer Zeitpunkt erst sehr kurzfristig bestätigt werden würde, in seinem luxuriös glänzenden Hotel Alpendorf stattfinden oder in einer kleinen Kirche an der Davoser Promenade. Dort ist in diesem Jahr ein „USA House“ eingerichtet worden.
Erst trifft der Kanzler Investoren
Nach Merz’ für 15 Uhr geplanter Anreise dürfte das Gespräch mit dem US-Präsidenten am späteren Nachmittag oder frühen Abend stattfinden. Neben Trump gehören zum Davoser Besuchsprogramm des Kanzlers auch zwei Runden mit Investoren, die Merz für große Anlagen in Deutschland gewinnen will. Zudem will er sich vor dem EU-Sondergipfel am Donnerstag weiter mit europäischen Akteuren in der Grönland-Krise abstimmen oder mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte, der ebenfalls in Davos weilt.
450
Millionen Verbraucher leben im EU-Binnenmarkt – auf deren Marktmacht setzt der Kanzler nun verstärkt
Diese Gespräche – mit Rutte waren es gleich zwei – bildeten am Dienstag den Kern der Vorbereitung auf das Treffen mit Trump. Weil Deutschland mit Frankreich und Großbritannien das E3-Format bildet, das nun nicht mehr nur in der Ukrainepolitik, sondern auch in der Grönlandfrage ein mächtiges Abstimmungstrio bildet, wurde auch mit Präsident Emmanuel Macron und Premier Keir Starmer telefoniert. So wie schon am Sonntag und Montag besprach sich Merz auch mit Italiens Giorgia Meloni, die ihrerseits über einen der besten europäischen Drähte mit Trump verfügt – und natürlich mit Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.
Geschlossenheit ist zentral für Europas Gegenwehr
Geschlossenheit ist das größte Pfund, mit dem Merz wuchern kann, wenn er sie denn hergestellt hat. Je mehr er den Amerikaner davon überzeugt, als Kanzler für das Gros der EU-Regierungen zu sprechen und in der Handelspolitik die Marktmacht von 450 Millionen Verbrauchern und Verbraucherinnen im EU-Binnenmarkt zu repräsentieren, umso größer seine Erfolgsaussichten.
Zu Merz’ Vorbereitung zählte am Dienstag daher neben dem Besuch der Grünen Woche auch die Rücksprache mit seinen außen- und europapolitischen Beratern. Günter Sautter und Michael Clauß waren mit ihren Pendants im Austausch, insbesondere um die Abschlusserklärung des Brüsseler Sondergipfels am Donnerstag vorzubereiten. Neben der Solidarität mit Dänemark und Grönland sowie einer anhaltenden Dialogbereitschaft mit den USA soll sie auch die handelspolitische Entschlossenheit dokumentieren. Die EU-Kommission soll ihr schärfstes Schwert, das sogenannte Anti-Coercion Instrument, noch nicht einsetzen, aber ziehen.
Für die Deeskalation, die der Kanzler anstrebt, will er den US-Präsidenten nicht mehr nur einbinden, sondern seinerseits Druck auf ihn ausüben. Sehr klar soll in dem Gespräch werden, dass amerikanische Zölle eine harte Gegenreaktion zur Folge hätten. Überdies reist Merz auch direkt nach seiner Rede am Donnerstagmorgen ab. Der Trump-Show rund um das „Board of Peace“, eine Art Alternative zu den Vereinten Nationen unter seiner Ägide, will Merz nicht beiwohnen – auch das wurde am Dienstag als Teil der Vorbereitung so beschlossen.

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