Mit Gastbeiträgen von rechten Autoren hatte der Axel-Springer-Verlag nicht immer Glück. Nun publiziert die »Welt am Sonntag« einen Text von Ungarns Regierungschef Viktor Orbán – voller antiukrainischer Ressentiments.
Eine Einordnung von Anton Rainer
15.03.2026, 19.15 Uhr
Politiker Orbán: Die Ukraine als »existenzielle Bedrohung« für Ungarn
Foto: Olivier Hoslet / EPADer Axel-Springer-Verlag gilt in seiner Weltanschauung als zuverlässig inflexibel. Seit seiner Gründung steht das Haus, in dem »Bild« und »Welt« erscheinen, in jedem Fall auf der Seite von Israel, es setzt sich für die freie Marktwirtschaft ein und für ein festes, transatlantisches Bündnis mit den USA. So steht es bis heute in den Springer-»Essentials« , einer Art Unternehmensverfassung, zu der sich jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin weltweit bekennen muss.
Bis zum vergangenen Juni stand dort allerdings noch ein weiterer Grundsatz, nämlich das Eintreten für ein »vereinigtes Europa« – bis er plötzlich entfernt wurde. Warum? Springer begründete die Änderung damals damit, »dass wir heute mehr denn je aus internationaler Sicht auf die Welt blicken.« Man hatte sich ausgebreitet, vor allem auf dem US-amerikanischen Markt. Doch in diesen Tagen bekommen die aufgefrischten »Essentials« auch einen politischen Beigeschmack.
Dafür sorgt ein Gastbeitrag des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán , den die »Welt am Sonntag« am Wochenende veröffentlichte.
Wettern gegen Europa
Der Text erschien unter dem Titel »Warum glaubt man in Brüssel, dass die Geduld der europäischen Bürger grenzenlos ist?« und erstaunt aus mehreren Gründen. Weil der autoritär regierende Orbán darin in scharfen Worten gegen die EU-Führung wettern darf (»Europa wurde in Geiselhaft genommen«), aber auch, weil er relativ unverfälscht Talking-Points der russischen Regierung wiedergibt, wie etwa der Historiker Bert Hoppe kritisiert.
Europas Bürger müssten ertragen, schreibt Orbán, »dass auf dem Altar eines nicht zu gewinnenden Krieges ihre einst mächtige Industrie zugrunde gerichtet wird«. Die Ukraine stelle für Ungarn durch die Schließung der Druschba-Pipeline gar »eine existenzielle Bedrohung« dar – und hinter Selenskyjs Verhalten zeichne sich »der dunkle Schatten einer 800.000 Mann starken ukrainischen Armee ab, die aus dem Geld der Europäer aufgebaut wurde«. Orbán klingt nicht erst seit gestern, als müsste er sein Land, gegebenenfalls militärisch, gegen die Ukraine verteidigen. Dass ihm ein deutscher Verlag dafür Raum gibt, ist aber neu. Erst recht, wenn es um Axel Springer geht.
Springer-Chef Döpfner: Putin-kritisches Image
Foto: Peter Hartenfeser / Hartenfelser / IMAGOZwar haben auch andere Medien in der Vergangenheit Meinungsartikel ausländischer Politiker veröffentlicht: Die »Zeit« druckte noch 2021 einen Gastbeitrag von Wladimir Putin, der SPIEGEL veröffentlichte unter anderem Reden von Barack Obama, die »FAZ« veröffentlichte etwa 2016 einen Text Viktor Orbáns, in dem dieser den Bau eines Grenzzauns verteidigte. Doch erstens befindet sich der ungarische Politiker mitten in einer heißen Wahlkampfphase gegen den proeuropäischen Kandidaten Péter Magyar, die Veröffentlichung wirkt deshalb wie eine Parteinahme vor der Wahl in wenigen Wochen. Zweitens pflegte der Springer-Verlag in der Öffentlichkeit bisher ein dezidiert Putin-kritisches und proukrainisches Bild: Als Verlagschef Mathias Döpfner Orbán im vergangenen November zum Interview traf, konfrontierte er ihn mit der Gefahr eines russischen Angriffs auf Europa. Orbán verstrickte sich bei seiner Antwort in Widersprüche.
Drittens hatte sich der Springer-Verlag in den vergangenen Jahren öfter die Finger an Gastbeiträgen von weit rechten Autoren verbrannt. Als die »Welt« Ende 2024 einen Text von Elon Musk publizierte, in dem der Unternehmer offen zur Wahl der AfD aufrief, sorgte der Vorgang intern für einen Aufstand . Mehrere Journalisten verließen das Haus, man versuchte sogar, die Chefredaktion in einem offenen Brief noch vor der Veröffentlichung umzustimmen. Am Ende erschien der Text doch – und wurde weltweit verrissen. Ein Jahr später, im Dezember 2025, verhinderte die Redaktion erfolgreich einen Gastbeitrag von AfD-Parteigründer Alexander Gauland. Eine Version davon erschien schließlich in der »Berliner Zeitung«. Nun also der Gastbeitrag von Orbán, von Axel Springer prominent platziert, beworben und zunächst sogar mit einem Porträt bebildert, das direkt aus dem Büro des Politikers stammt. Gleich daneben steht, so viel Binnenpluralismus muss dann doch sein, ein Exklusiv-Interview mit dem ukrainischen Präsidenten .
Der Unterschied liegt auf der Hand: Selenskyj wird kritisch befragt. Orbáns Wort hingegen bleibt unwidersprochen.

vor 19 Stunden
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