Verletzte Frau aus Faschir: Fliehen konnten hauptsächlich Frauen und Kinder
Foto: Amr Abdallah Dalsh / REUTERSDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
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Die Bilder vom Fall der Stadt Faschir gingen um die Welt. Als im vergangenen Herbst Kämpfer der Rapid Support Forces (RSF) die Verteidigungslinien von Darfurs größter Stadt durchbrachen, Tausende töteten und ihre Leichen verbrannten , erinnerten sie die Welt daran, dass im Sudan gekämpft wird. Seit drei Jahren führen zwei mächtige verfeindete Generäle einen Bürgerkrieg im Sudan, ohne dass ein Ende erkennbar wäre.
Der sudanesische Bundesstaat Darfur war bereits Anfang der Nullerjahre Schauplatz ethnischer Massaker. Durch die Gräueltaten in Faschir wurde es erneut zum Symbol für den zerstörerischen Krieg. Mittlerweile haben sich die Kämpfe in den Süden des Landes verlagert, doch die Zivilbevölkerung leidet noch immer unter den Folgen der Kämpfe.
Carl Skau, stellvertretender Exekutivdirektor des World Food Programme, ist in der vergangenen Woche durch die Region gereist. Aus dem Auto berichtet er von seiner Reise, den Nöten der Menschen und der Hoffnung auf Besserung.
Carl Skau, 48, ist stellvertretender Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen. Er arbeitet seit 20 Jahren im Bereich der Diplomatie, humanitären Hilfe, Friedensförderung und Entwicklungszusammenarbeit.
SPIEGEL: Herr Skau, seit Kriegsbeginn im Sudan wurde um Darfur erbittert gekämpft. Sie reisen derzeit durch den Bundesstaat. Wie ist die Lage aktuell?
Skau: In den vergangenen Monaten hat sich die Lage in Darfur etwas stabilisiert. Aktive Kämpfe gibt es jetzt hauptsächlich in Kordofan, südlich von Darfur. Aber Hunger und Mangelernährung sind hier weiterhin große Probleme. Geflüchtete in den Camps erhalten nicht genug Unterstützung. Wir verteilen alle zwei Monate Lebensmittel – Sorghum, Linsen, Bohnen, Öl – aber das reicht nicht. Die Menschen sind verzweifelt, versuchen Geld zu verdienen und Essen zu kaufen. Aber die Märkte sind leer.
SPIEGEL: Viele der Geflüchteten kommen aus Faschir, der Hauptstadt Darfurs. Die Rapid Support Forces haben Tausende getötet, als sie die Stadt einnahmen. Fliehen konnten hauptsächlich Frauen und Kinder.
Skau: Wir waren gerade in Tawila, dem nächstgelegenen Flüchtlingscamp bei Faschir. Ich habe so etwas noch nie gesehen, und ich habe wohl alle Konflikte dieser Welt bereist. 700.000, 800.000 Menschen leben dort. Wir fuhren Kilometer um Kilometer, aber die Zelte hörten einfach nicht auf.
Kämpfer der Rapid Support Forces: Ein Ende des Kriegs ist bislang nicht in Sicht
Foto: Hussein Malla / APSPIEGEL: Was haben die Menschen Ihnen erzählt?
Skau: Es sind Geschichten, die wir seit Monaten hören. Von Kindern, die allein in den Camps ankamen; die gesehen haben, wie ihre Eltern getötet wurden. Von Frauen, die vergewaltigt wurden. Was mich am meisten beschäftigt, ist aber etwas anderes: Diese Menschen kamen vor Monaten oder sogar einem Jahr in den Camps an. Einen gesicherten Zugang zu ausreichend Nahrung haben sie bis heute nicht. Wir können die Grundbedürfnisse der Menschen im Sudan nicht befriedigen.
SPIEGEL: Warum gelingt das nicht?
Skau: Zum einen brauchen wir mehr Zugang zu betroffenen Gemeinschaften. Auf unserer Darfurreise haben wir uns zwischen drei verschiedenen Orten bewegen können, wir brauchten verschiedene Reisegenehmigungen. Außerhalb der Kontrollgebiete der Regierung können wir kaum agieren. Wir haben so viele Kollegen in diesem Krieg verloren, als sie Lebensmittel an bedürftige Gemeinschaften lieferten. Dieses Risiko nehmen wir überhaupt nur auf uns, wenn es eine Hungersnot gibt.
»Dieser Krieg dauert bereits zu lange.«
SPIEGEL: Immer wieder werden im Sudan zivile Fahrzeuge angegriffen – von beiden Seiten. Camps wie in Tawila erreichen sie aber.
Skau: Auch an diesen Orten ist das, was wir tun können, einfach nicht genug. Wir müssten mehr Lebensmittel verteilen, wir brauchen mehr Mitarbeiter vor Ort, die die Verteilung organisieren können. All das kostet Geld, das wir nicht haben. Wir müssen unseren Einsatz vor Ort gerade zurückschrauben, weil uns die Finanzierung fehlt. Vor einem Jahr war das nicht der Fall, da haben wir unsere Unterstützung ausgebaut.
Waisen aus Faschir: Es fehlt an Nahrung für die Geflüchteten
Foto: Amr Abdallah Dalsh / REUTERSSPIEGEL: Die humanitäre Hilfe für den Sudan ist unterfinanziert. Anlässlich des dritten Jahrestags des Kriegsbeginns findet in dieser Woche in Berlin die Sudankonferenz statt , bei der unter anderem Spenden gesammelt werden sollen. Setzen Sie große Hoffnungen auf diese Konferenz?
Skau: Wir haben definitiv Hoffnungen, und wir sind der deutschen Regierung dankbar, dass sie ihren Einfluss geltend macht. Das Wichtigste ist aber, dass in Berlin getroffene Spendenzusagen auch tatsächlich ausgezahlt werden. Wir haben bei den vergangenen Sudankonferenzen in Paris und London gesehen, dass großzügige Zusagen getroffen wurden – das Geld aber nie vollständig ankam. Der humanitäre Aspekt ist nur eine Seite. Dieser Krieg dauert bereits zu lange. Die Kämpfe müssen aufhören. Auch wenn es nicht der Kern der Konferenz in Berlin ist, hoffe ich, dass aus dem Treffen ein gewisses Momentum hervorgehen kann.
SPIEGEL: Der Krieg im Sudan geht diese Woche in sein viertes Jahr. Hoffnungen auf ein baldiges Ende gibt es kaum. Was ist jetzt wichtig?
Skau: Die Welt hat dabei versagt, den Krieg im Sudan zu verhindern. Sie hat versagt, Zivilistinnen und Zivilisten zu schützen und Gräueltaten, wie wir sie in Faschir gesehen haben, hätten nicht geschehen dürfen. Die Welt darf jetzt nicht versagen, die mehr als zehn Millionen Geflüchteten mit den grundlegendsten Dingen zu versorgen. Zu viele Menschen gehen jeden Abend hungrig zu Bett.

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