Schaumburg-Lippe in der Weimarer Zeit: Die kleine Hochburg der Demokratie

vor 20 Stunden 1

Der Blick auf die Weimarer Republik und vor allem der auf ihren Untergang hat angesichts der zahllosen Krisen weltweit nicht erst seit gestern wieder Konjunktur. Man schaut dabei zumeist auf die Vorgänge in der Reichshauptstadt Berlin, auf die Ränkespiele der konservativen Eliten und den Profiteur Adolf Hitler. Manchmal wäre es allerdings vielleicht besser, den Blick zu weiten und sich auf die 18 damals existierenden Länder zu konzentrieren. Ein recht erstaunliches Stück Zeitgeschichte hat hier jüngst der Jurist und Verfassungshistoriker Heiko Holste vorgelegt, er nennt es ein „zu Unrecht vergessenes Stück deutsche Demokratiegeschichte“. Sein Untersuchungsgegenstand: der Freistaat Schaumburg-Lippe, das kleinste aller Länder zwischen 1918 und 1933.

Und dieser Freistaat mit seinen etwa 48 000 Einwohnern, umschlossen vom mit Abstand größten deutschen Land Preußen mit seinen 38 Millionen Einwohnern, führte ein fast vorbildliches republikanisches Leben, sogar bis weit ins Jahr 1933 hinein, als anderswo längst alle demokratischen Überreste von der rasant sich ausbreitenden NS-Diktatur zerstört worden waren. Holste, der sich bereits mehrfach mit vermeintlichen Nebenaspekten der Weimarer Zeit befasst hat, gebührt das Verdienst, mit seinem scharfen Blick das Bild vom belächelten Zwergstaat korrigiert zu haben. Denn in Schaumburg-Lippe funktionierte das, was in Berlin nicht recht klappen wollte: Kein Landtag (der allerdings nur 16 Mitglieder hatte) wurde vorzeitig aufgelöst, SPD und liberale DDP hatten anders als im Reich bis 1933 stets eine Mehrheit, alle Großkrisen wurden immer demokratisch gelöst.

Woran das lag, erklärt Holste mit einem deutlichen biografischen Ansatz. Das Hauptverdienst für die Stabilität gebühre mehreren Männern an der Staatsspitze (Staatsrat genannt), allen voran dem Sozialdemokraten Heinrich Lorenz (1870–1947) – „ein Pragmatiker, kein weltfremder Ideologe“ –, der maßgeblichen Anteil daran hatte, dass sich Republikgegner und völkische Extremisten in Bückeburg und Stadthagen schwerer taten als anderswo. Denn die gab es natürlich auch in Schaumburg-Lippe, vor allem in der Bürokratie und beim einstigen Fürstenhaus.

Feinden der Freiheit darf man keine Freiheit lassen

Trotz einiger Schwächen in der Landesverfassung und trotz der seit 1930 immer stärker gespaltenen Bevölkerung war also „Schaumburg-Lippe keine Republik ohne Republikaner“. Holste hat diesen selbstbewussten, besonnenen niedersächsischen Sozialdemokraten und Republikanern ein bleibendes Denkmal gesetzt. Und eine Erkenntnis wiederholt: Ohne Loyalität der Eliten ist eine fragile Demokratie stets bedroht; nur wenn man den Feinden der Freiheit wehrhaft gegenübertritt, ist Stabilität möglich.

Gesamten Artikel lesen