Britische Boulevardpresse Prinz Harry gegen die »Daily Mail« – darum geht es bei dem Prozess
Prinz Harry, Elton John und Liz Hurley werfen der »Daily Mail« vor, Telefone abgehört und vertrauliche Informationen erschlichen zu haben. Nun befasst sich ein Gericht damit. Der Fall weckt ungute Erinnerungen.
19.01.2026, 17.35 Uhr
Prinz Harry vor dem Gerichtsgebäude in London
Foto: James Manning / empics / picture allianceDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
In London hat ein Gerichtsprozess begonnen, der die britische Boulevardpresse erschüttern könnte. Auf der einen Seite: unter anderem Prinz Harry. Auf der anderen Seite: Associated Newspapers Limited, Herausgeber der britischen Boulevardblätter »Daily Mail« und »Mail on Sunday«. Die Klägerinnen und Kläger werfen dem Verlag illegale Recherchemethoden und Verletzung der Privatsphäre vor. Associated Newspapers Limited weist dies zurück.
Welche Promis klagen?
Prinz Harry, Elton John und dessen Ehemann David Furnish, die Schauspielerinnen Liz Hurley und Sadie Frost sowie die Aktivistin und Labour-Politikerin Doreen Lawrence und der Ex-Lib-Dems-Abgeordnete Simon Hughes. 2022 reichten sie offiziell Klage beim High Court ein. Seither war es darum gegangen, ob der Fall überhaupt verhandelt wird. Das wird er nun. Es wird allerdings auch darum gehen, ob die Klage schon früher hätte eingereicht werden können, weil dann unter Umständen Verjährung eine Rolle spielen könnte.
Liz Hurley mit ihrem Sohn vor dem Gerichtsgebäude
Foto: Jeff Moore / empics / picture allianceWas werfen die Kläger dem Verlag vor?
Die Kläger um Prinz Harry machen geltend, dass Journalisten von Associated Newspapers Limited zwischen 1993 und 2011 Privatdetektive beauftragt haben, die rechtswidrig gehandelt haben sollen. Sie sollen unter anderem Voicemail-Nachrichten auf Handys gehackt, Wanzen in Wohnungen und Autos installiert, Festnetztelefone abgehört und vertrauliche Informationen wie Flugdaten, Bankinformationen und Krankenakten erschlichen haben, etwa indem sie falsche Identitäten angaben.
Die Klage stützt sich auf Indizien, vor allem auf Zahlungsverkehr zwischen den Journalisten und Privatdetektiven. Anhand von 14 Artikeln, in denen private Details – etwa zur Beziehung Harrys mit seiner Ex-Freundin Chelsy Davy oder seinem Bruder Prinz William – veröffentlicht wurden, will Harry zudem belegen, dass die Informationen nur illegal beschafft werden konnten. Eindeutige Beweise legte die Klägerseite bislang nicht vor.
Unter den in der Klage genannten Journalisten befinden sich einige hochrangige aktuelle und ehemalige Reporter, darunter Redakteure nationaler Zeitungen.
Associated Newspapers Limited bezeichnet die Vorwürfe als »absurde Verleumdungen« und versucht, ein anderes Bild zu zeichnen: Die sozialen Kreise der Kläger seien »undicht« gewesen, Freunde und Bekannte hätten regelmäßig Informationen an die Presse weitergegeben. Anders als in früheren Verfahren gebe es keine strafrechtlichen Verurteilungen gegen Journalisten, hieß es in einer schriftlichen Eingabe der Verlags-Anwälte. Die schwersten Vorwürfe hätten daher keine Grundlage. Ohnehin habe der Verlag von möglicherweise problematischen Praktiken bereits vor langer Zeit Abstand genommen.
Die Kläger hoffen hingegen darauf, dass die schiere Masse an Indizien das Gericht überzeugen wird. Mehr als drei Millionen Pfund (derzeit etwa 3,5 Millionen Euro) habe der Verlag für Privatdetektive ausgegeben, sagte Kläger-Anwalt David Sherborne vor Gericht. Er warf dem Verlag systematischen Gesetzesbruch und eine »Kultur der unrechtmäßigen Informationsbeschaffung« vor, die »das Leben so vieler Menschen zerstört« habe. Viele Dokumente, die als Beweise hätten dienen können, seien jedoch vernichtet worden.
Was passiert beim Prozess?
Harry und alle anderen Kläger werden vor Gericht erwartet, um auszusagen und sich den Fragen der Anwälte von Associated Newspapers Limited zu stellen. Elton John und sein Ehemann David Furnish sollen dabei voraussichtlich remote aussagen. Prinz Harry saß zum Prozessauftakt im Gerichtssaal, seine Aussage ist derzeit für Donnerstag terminiert. In einer schriftlichen Stellungnahme teilte er dem Gericht jedoch schon mit, er empfinde die Praktiken, die dem Verlag vorgeworfen werden, als »zutiefst beunruhigend«. Die Journalisten hätten etwa »Freunde« des Prinzen als Quelle genannt, um ihre unrechtmäßigen Recherchemethoden zu verschleiern. Das habe die Beziehungen belastet, Misstrauen erzeugt und »mich unvorstellbar in Verfolgungswahn getrieben und isoliert«, so Harry.
Für Associated Newspapers Limited werden aktuelle und ehemalige Redakteure und leitende Journalisten aussagen. Unter ihnen ist auch Paul Dacre, langjähriger ehemaliger Herausgeber der »Daily Mail« und jetzt Chefredakteur von DMG Media. Dacre soll als erster Zeuge für Associated Newspapers Limited aussagen. Die Anwälte des Verlags hatten vor dem Prozess angekündigt, zuerst »die Spitzenleute« vorzuladen.
Das Verfahren wurde auf eine Dauer von neun Wochen angesetzt.
Gab es so was schon mal?
Für Harry ist dieser Prozess bereits das dritte Verfahren gegen die britische Boulevardpresse. Der Sohn von König Charles III. klagte bereits erfolgreich gegen den Verlag des »Daily Mirror« und einigte sich auf einen Vergleich mit dem Verlag der »Sun«. Im Prozess gegen den »Mirror-Verlag« saß er auch schon einmal im Zeugenstand, äußerst ungewöhnlich für ein Mitglied der britischen Königsfamilie.
Dass einige britische Boulevardjournalisten im besagten Zeitraum nicht vor illegalen Methoden zurückschreckten, ist unumstritten. Ziel von Abhör- und Bespitzelungsaktionen waren nicht nur Prominente, sondern auch Verbrechensopfer und deren Angehörige. Im Jahr 2011 kam es zu einem Skandal um die Wochenzeitung »News of the World«, die zum Medienimperium von US-Geschäftsmann Rupert Murdoch gehörte. Das Blatt hatte sich illegal Zugang zu den Voicemails einer ermordeten Schülerin verschafft. Der Skandal war so gewaltig, dass das Blatt eingestellt wurde. Dass in seinem Auftrag auch Prinz Harrys Telefon abgehört worden war, gestand der Verlag später ein.
Mit Material von dpa und Reuters

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