Die Lage am Abend Was ich dem gestrandeten Wal wünsche
17.04.2026, 17.56 Uhr
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1. Freie Fahrt auf der Straße von Hormus
Persischer Golf (April 2024)
Foto:Morteza Nikoubazl / NurPhoto / Getty Images
Auf diesen Tweet hat die Welt gewartet: Am Freitagnachmittag teilte Irans Außenminister Abbas Araghchi auf X mit, Teheran habe die Blockade der Straße von Hormus bis zum Ende der Waffenruhe im Libanon aufgehoben. Die Durchfahrt aller kommerziellen Schiffe erfolge auf einer koordinierten Route, die bereits von der iranischen Hafen- und Schifffahrtsbehörde bekannt gegeben worden sei, erklärte Araghchi weiter. US-Präsident Donald Trump reagierte mit einem kurzen »Thank you« auf seiner Plattform Truth Social.
Kurz wundert man sich über diese Tweet-Diplomatie, dann überwiegt die Freude. Die Börse reagierte sofort: Der Dax weitete seine Gewinne deutlich aus und stand Sekunden nach der Ankündigung 1,9 Prozent höher bei 24.662 Punkten. Die Ölpreise gingen nach der Ankündigung um mehr als acht Prozent zurück.
Wie stabil diese Zusage der Iraner ist, muss sich zeigen. Zuletzt hatten immer wieder einzelne Konfliktparteien die Verhandlungen für einen Frieden gefährdet. Noch am Mittwoch hatten sich Israels Militär und Hisbollah im Libanon beschossen.
Lesen Sie hier mehr: Iran öffnet Straße von Hormus – USA bleiben bei Blockade
Alice Weidel und Tino Chrupalla
Foto:Fabrizio Bensch / REUTERS
Zwei Linien, eine blau, die andere schwarz, sorgen für Bauchschmerzen im politischen Berlin. Denn die blaue Linie liegt über der schwarzen, die in Teilen rechtsextreme AfD hat die CDU in der Wählergunst überholt. Erstmals auch im Politbarometer des ZDF.
Überraschend kommt das nicht. Deutschland steckt schon länger in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Krieg in Nahost erhöht den Druck, die Probleme endlich zu lösen. Die Merz-Regierung erweckt leider nicht den Eindruck, als habe sie dafür einen Plan, findet meine Kollegin Maria Fiedler, stellvertretende Leiterin unseres Hauptstadtbüros: »Bürgerinnen und Bürger müssen gerade in Krisenzeiten das Gefühl haben, dass die Regierung die Dinge unter Kontrolle hat. Derzeit wirken Union und SPD aber getrieben, streiten sich über die richtigen Reformen.«
Maria hat mich etwas beruhigt, und das gebe ich gern an Sie weiter. Die Umfragewerte seien ein deutliches Warnsignal an die Regierung, aber drei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl kein Grund für Alarmismus. Maria empfiehlt, nach Ungarn zu schauen: »Rechtspopulisten und Extremisten hält man am besten klein mit einem funktionierenden Staat – das ist auch eine Lehre aus dem Wahlkampf in Ungarn, wo Magyar genau mit diesem Versprechen Orbán besiegt hat.«
Deshalb ist auch klar, was Union und SPD zu tun haben. In der Vergangenheit war es nur öfter so, dass Parteien, die von der AfD überholt worden waren, dachten, ihr Profil schärfen zu müssen – auch auf Kosten ihrer politischen Partner. Leider fallen mir auch in der aktuellen Regierung sofort einige ein, denen ich das zutraue. Das aber wäre genau die falsche Antwort.
Lesen Sie hier mehr: Politbarometer sieht AfD erstmals vor Union
Buckelwal, gestrandet vor Poel
Foto:Jens Büttner / dpa
Ich gebe es zu: Ich gehöre zu den Menschen, die dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal wünschen, dass er in Frieden sterben darf. Die meisten Experten, die sich zu dem Tier geäußert haben, sind sehr skeptisch, dass er gerettet werden und sich noch einmal erholen kann. Der Biologe Fabian Ritter etwa sagte meiner Kollegin Julia Köppe im Interview, dass der sogenannte minimalinvasive Rettungsversuch alles andere als harmlos sei. (Hier das Interview )
Die Anteilnahme und die Versuche, den Wal zu befreien, helfen vor allem uns, nicht dem Tier. Wir projizieren unsere Sehnsucht auf den gestrandeten Giganten. Wir wollen etwas Gutes tun inmitten des Irrsinns um uns herum. Ich verstehe das: Wer verzweifelt nicht in einer Welt, in der US-Kriegsminister Pete Hegseth bei einer Predigt im Weißen Haus aus der Bibel zu zitieren glaubt, in Wahrheit aber »Pulp Fiction« von Quentin Tarantino wiedergibt?
Heute soll nun der womöglich letzte – Millionen Euro teure und privat finanzierte – Rettungsversuch für das Tier beginnen. Auch wir haben diesen tierischen Eskapismus mit etlichen Artikeln befördert. Ich hoffe, dass es für den Wal nun bald vorbei ist, wie auch immer.
Es gibt noch genug Gutes zu tun. Etwa Walen und Delfinen wirklich zu helfen, wie Fabian Ritter erklärt: »Hunderttausende der Tiere sterben in Fischernetzen und Leinen. Sie ersticken, weil sie nicht mehr an die Luft kommen können, das ist kein schöner Tod.«
Lesen Sie hier mehr: »Der Wal hat eine reelle Chance, dort wegzukommen«
Was heute sonst noch wichtig ist
Trump attackiert US-Richter nach Baustopp für Ballsaal am Weißen Haus: Ein US-Bundesrichter stoppt das Prunkprojekt des US-Präsidenten – nur der unterirdische Bunker darf weitergebaut werden. Trump wütet daraufhin auf seinem Onlinedienst Truth Social.
Wirtschaftsforscher plädieren für radikale Reform der Umsatzsteuer: Hinter der Umsatzsteuer verbirgt sich ein kompliziertes Geflecht von Vorschriften. Ausnahmeregelungen führen zu Mindereinnahmen in Milliardenhöhe. Forscher sprechen sich für eine große Entrümpelungsaktion aus.
Schafhirte entdeckt Dino-Riesen Bicharracosaurus dionidei: Für die Forschung auf der Südhalbkugel könnte er wichtige Erkenntnisse liefern: Der bis dahin unbekannte Langhalssaurier Bicharracosaurus dionidei ist auf einer Farm entdeckt worden und soll bis zu 20 Meter lang sein.
Wurst, Chips, Tiefkühlpizza – so schädlich sind Fertigprodukte für Kinder: Vieles, was Kindern schmeckt, ist nicht gut für sie. Experten warnen vor Folgen für Gesundheit und Entwicklung. Der Überblick.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Chinesischer Elektro-VW: Eine bitter nötige Revolution
Foto:Qilai Shen / Bloomberg / Getty Images
Mit diesem Ungetüm startet Volkswagen seine China-Revolution: Der chinesische Automarkt ist mörderisch: Früher war VW die Nummer eins, mit der verpatzten Elektrowende folgte der Absturz. Nun haben die Manager einen radikalen Plan. Für den Standort Wolfsburg heißt das nichts Gutes .
Was heute weniger wichtig ist
Shannon Elizabeth in »American Pie 2«
Foto:Mary Evans / IMAGO
Die Freizügigkeit nehm ich mir: Schauspielerin Shannon Elizabeth, 52, hat sich einen OnlyFans-Account eingerichtet. Ihre Entscheidung begründete sie gegenüber »People« damit, »einfach frei« sein zu wollen. Ende der Neunzigerjahre wurde Elizabeth nach ihrer Rolle in der »American Pie«-Reihe zum Sexsymbol. Das sei eigentlich gar nicht ihr Plan gewesen und passe auch überhaupt nicht zu ihrer Persönlichkeit, sagte Elizabeth. OnlyFans wird immer wieder kritisiert, weil die Plattform sexuelle Inhalte kommerzialisiert. Elizabeth scheint das nicht zu stören. »Ich habe meine gesamte Karriere in Hollywood verbracht, wo andere Leute die Erzählung und den Verlauf meiner Karriere kontrollierten. In diesem neuen Kapitel geht es darum, das zu ändern, eine sexy Seite zu zeigen, die noch niemand gesehen hat, und meinen Fans näher zu sein.«
Aus der »Neuen Westfälischen«
Darsteller Melton als Austin in »Beef«: Unzufrieden mit sich selbst ist hier jeder
Foto:Netflix
Könnten Sie die zweite Staffel von »Beef« schauen. Vor zwei Jahren begeisterte der erste Teil der Netflix-Serie über einen eskalierenden Streit der beiden Hauptfiguren. Die zweite Staffel setzt ganz woanders an, sortiert die Stars des ersten Durchlaufs aus – und bleibt sich trotzdem treu.
Diesmal stehen zwei Paare im Mittelpunkt: Josh Martín (Oscar Isaac), der Manager eines Country-Clubs für Reiche in Kalifornien, und seine britische Frau, die Innenarchitektin Lindsay (Carey Mulligan). Und deren Angestellte Ashley (Cailee Spaeny) und Austin (Charles Melton). Die sprechen als sensibles Gen-Z-Pärchen zwar ständig über ihre Gefühle, haben aber keine Skrupel, ihre Chefs mit einem kompromittierenden Handyvideo zu erpressen.
Wie schon im ersten Anlauf gehen sich auch im neuen Setting die Figuren alsbald an die Kehle und schmieden sinistre Pläne, wie sie die anderen täuschen oder betrügen können.
»Mit großem Gespür für die Mechanismen der Macht und der Fähigkeit, diese in sprechende Bilder zu kleiden, gehen die »Beef«-Macher erneut an eine Kapitalismuskritik«, schreibt mein Kollege Oliver Kaever über Staffel zwei . Das ist sehr lustig, aber nicht nur heiter, wie Oliver schreibt: Als Zuschauer fühle man sich bei dieser bissigen Gegenwartssatire auch immer wieder mitgemeint.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort

vor 2 Stunden
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