Seit Assad gestürzt ist, bemüht sich Präsident Scharaa zumindest nach außen, das Land zu einen. Die Kämpfe im Kurdengebiet und ihre Folgen zeigen: Sorgen sind angebracht.
21. Januar 2026, 7:55 Uhr
Was gerade in Syrien passiert, könnte das Ende einer Unwahrscheinlichkeit sein und der Beginn von, ja von was eigentlich?
Seit Wochen kämpfen im Norden des Landes Regierungstruppen gegen die kurdische Miliz SDF, die Syrian Democratic Forces. Zuerst waren die Kämpfe begrenzt auf einige kurdische Viertel in Aleppo, gedämpft von einer fragilen Vereinbarung über einen Waffenstillstand. In der vergangenen Woche eskalierten die Kämpfe und erreichten weitere Teile der Region. Seit Sonntag gilt erneut ein Waffenstillstand. Ob der hält, ist fraglich.
Vieles spricht jedoch schon jetzt dafür, dass es das Ende der kurdischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien einleiten dürfte. Das auch unter dem Namen Rojava bekannt gewordene Projekt ist die große Unwahrscheinlichkeit in der Region. Inmitten des Bürgerkriegs, inmitten uralter Konflikte, hatte sich dieses Autonomiegebiet geformt. Eine Art liberales Utopia, sich selbst zur Einhaltung von Menschenrechten, zur Religionsfreiheit und zur Gleichberechtigung verpflichtend. Eine funktionierende Demokratie inmitten eines Kriegsgebietes.
Aus nachvollziehbaren Gründen wollte Rojava auch nach dem Sturz der Assad-Diktatur seine Autonomie nicht aufgeben. Aus strategisch nachvollziehbaren Gründen drängte Syriens neuer Herrscher Ahmed al-Scharaa dennoch darauf, dass die SDF sich in die Regierungstruppen eingliedere – schon allein, um keine Begehrlichkeiten bei anderen Minderheiten zu wecken. Und man darf wohl auch annehmen: aus wirtschaftlichem Interesse. Die Region ist reich an Öl- und Gasfeldern.
Die SDF sind geschlagen
Im vergangenen März unterzeichneten deshalb SDF-Anführer Mazlum Abdi und Interimspräsident Scharaa ein Abkommen, in dem sie vereinbarten, bis zum Jahresende eine Einigung zu finden. Doch die Frist verstrich ohne Ergebnis, das war der Ursprung der jüngsten Kämpfe.
Nun sind die SDF geschlagen. Vordergründig ist damit eine der drängendsten Machtfragen im noch jungen neuen Syrien beantwortet, die sich stellte, seit die islamistische Miliz HTS Diktator Baschar al-Assad aus dem Land jagte und damit im Dezember 2024 einen vierzehn Jahre andauernden Bürgerkrieg beendete. Doch wirklich gelöst ist das Problem damit nicht. Es stellen sich nur neue Fragen.
Seit er die Macht übernahm, beschwor Ahmed al-Scharaa seine Läuterung, legte seinen Kampfnamen ab und sich ein gemäßigtes Image zu. Er gliederte einst verfeindete Milizen in die Regierungstruppen ein und bemühte sich, die Fäden in Damaskus zusammenlaufen zu lassen. Trivial ist das nicht, so viel ist sicher. Syrien ist kein gespaltenes Land, es ist zersplittert. Im Bürgerkrieg kämpften Assad-Truppen gegen islamistische Milizen gegen Kurden gegen den IS, von außen mischten sich die USA genauso ein wie die Türkei und Russland. Allianzen veränderten sich.
Russland sowie die USA zogen sich zurück
Es gab und gibt gute Gründe, darauf zu hoffen, dass Syrien sich auf einem guten Weg befindet. Es gab und gibt genauso viele gute Gründe, das Gegenteil zu befürchten. Es ist ein schmaler Pfad, seine Abgründe sind zu allen Seiten steil.
Sie tun sich einerseits in der großen Geopolitik auf, die kaum noch vorhersehbar ist. Dass Assad damals gestürzt wurde, lag zu einem Teil auch daran, dass Russland damit beschäftigt war und ist, die Ukraine aufzufressen. Putin hatte Assad jahrelang im Kampf gegen die Rebellen unterstützt. Dass die SDF jetzt geschlagen wurden, hat auch damit zu tun, dass die USA ihnen ihre Unterstützung entzogen. Diese Unterstützung war immer zweckgetrieben im Kampf gegen den IS. In den USA wähnt man den wohl weitgehend gewonnen. Nun will man lieber das Verhältnis zum Nato-Verbündeten Türkei nicht weiter belasten. Allianzen verändern sich.
Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nämlich war die kurdische Rojava-Autonomie seit eh und je ein Ärgernis, das er immer wieder mit Bomben bewerfen ließ. Die türkischen Kurden sollten sich in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung kein Beispiel nehmen an den Kurden in Syrien.
Die Abgründe tun sich aber auch in Syrien selbst auf. Interimspräsident Scharaa beteuert zwar stets, alle Minderheiten im Land schützen und ihnen alle Rechte garantieren zu wollen. Aber selbst wenn das stimmen sollte, so ist es zumindest fraglich, ob er seine Patchwork-Armee vollständig unter Kontrolle hat. Die Massaker an der alawitischen Minderheit im März sowie die eskalierte Gewalt im drusisch dominierten Suweida im Sommer lassen befürchten, dass es nicht so ist. Gleiches gilt auch jetzt wieder für den Norden des Landes, wo die Waffenruhe fragil ist und die Lage noch unübersichtlich. Es ist die nächste, womöglich bisher größte Zerreißprobe für das neue Syrien.
Eine Petrischale für Radikalisierung
Inmitten von alldem schwelt gerade noch eine weitere Gefahr in der Region. In Nordostsyrien, also auf kurdischem Gebiet, befinden sich Tausende IS-Kämpfer in Haft. Bewacht wurden sie von den SDF – bis jetzt. Nun, wo die Kurdenmiliz geschwächt ist, mehren sich Berichte über Ausbruchsversuche und Ausbrüche. Die Zahl der geflohenen Gefängnisinsassen variiert je nach Angaben zwischen gut 100 und gut 1.000. Außerdem befindet sich im Nordosten ein Lager, in dem etwa 40.000 Angehörige von IS-Kämpfern eingesperrt sind – unter widrigsten Bedingungen. Dort leben Frauen und Kinder, manche von ihnen sind hier geboren. Man kann sich leicht ausrechnen, dass das eine Petrischale für Radikalisierung ist.
Nun fürchten viele in Syrien, diese Menschen könnten ausbrechen. Womöglich radikalisiert, auf Rache an ihren kurdischen Bewachern aus. Oder sie könnten sich dem IS wieder anschließen, der zwar als weitgehend geschlagen gilt in Syrien, aber immer noch Anschläge verübt. Die Regierung will die Kontrolle über die Gefängnisse übernehmen. Doch es ist nicht gesichert, dass ihr das gelingt. Die Gefahr ist genauso schwer kalkulierbar wie die Antwort auf die Fragen, ob das Abkommen zwischen SDF und Regierung hält, ob Scharaa seine Truppen im Griff hat und die sich selbst. Allianzen verändern sich und nichts ist gerade sicher in Syrien.

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