Sängerin Ware: Pop und Podcasts
Foto:Jack Range
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Jessie Ware – »Superbloom«
Die größte Unverschämtheit im skandalösen Video zu Jessie Wares neuem Song »Ride« ist nicht, dass sie darin den als Cow- und Toyboy verkleideten Schauspieler James Norton reitet wie eine Wildwest-Domina, während sie dazu singt: »I’m bad, beautiful/ Hold my hips, watch me move«, dass selbst Madonna erröten müsste.
Nein, die größte Frechheit ist, dass sie den zackigen Elektrobeat, der dazu zuckt und ruckt, mit Ennio Morricones Pfeif-Thema aus dem Spaghettiwestern »Zwei glorreiche Halunken« garnieren ließ. Kennen junge Leute natürlich nicht mehr, aber boy, oh boy, dieses olle, popkulturell komplett durchverwurstete Motiv zu verwenden, DAS muss man sich trauen! Und der Witz ist: Es funktioniert auch noch.
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Umso mehr Respekt hat man vor Jessie Ware. Mit ihrem dritten Album nach einer musikalischen Rundum-Neuerfindung macht sie sich völlig frei: von möglichen Vorwürfen, sie würde wie Kylie Minogue und andere KollegInnen einfallslos ihre Masche als reife Disco-Queen für queere Fans ausleiern. Aber auch vom sexistischen Dogma, das Frauen ab einem gewissen Alter vorschreibt, sich doch lieber nicht mehr als Sex-Vamp oder überhaupt sexuelles Wesen mit Lüsten und Leidenschaften zu gerieren, weil angeblich peinlich. Sexy ab 40? Kein Problem für Jessie Ware. »Superbloom«, was sich als »Superblüte« übersetzen lässt, enthält einige der saftigsten und souveränsten Songs ihrer bisherigen Karriere. Und die startete bereits 2012 mit ihrem gefeierten Debüt »Devotion«.
Damals glaubte Ware, heute 41, sie müsste eine R&B-Diva sein, die fragile Trip-Hop-Tracks haucht, wie es damals auch The xx gemacht haben. Problem nur: Diese Rolle entsprach so gar nicht der eher extrovertierten Persönlichkeit der Britin. Ihr Talent zur Klatschtante lebt sie seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit ihrem Podcast »Table Manners« aus. Darin lädt sie zusammen mit ihrer nicht minder redseligen und schlagfertigen Mutter Lennie prominente Gäste in ihre Londoner Küche ein, kocht Lieblingsgerichte und plaudert über Gott und die Welt.
Mehr über Jessie Wares Neuerfindung als Podcasterin und Disco-Queen lesen Sie hier .
Inzwischen dürfte Jessie Ware, die seit 2014 mit ihrem Jugendschwarm verheiratet ist und mit ihm drei Kinder hat, als Podcast-Host fast bekannter sein als für ihren Hauptberuf als Popstar. Allerdings wird sie vor allem in Großbritannien als Celebritystar umarmt – und eben doch als große Diva inszeniert, aber halt eine zum Anfassen. Bei der Verleihung der britischen Bafta-Filmpreise im Februar sang sie eine berührende Version von Barbra Streisands »The Way We Were« zu Ehren des verstorbenen Robert Redford. Sie sei jedoch viel zu nervös gewesen und habe den Song schon viel besser gesungen als dort, sagte sie später über den Auftritt.
Diese sympathische Bescheidenheit und die Aura einer Jederfrau, die mitten im Alltag steht und sich eben so durchstruggelt, dürfte zu Jessie Wares Erfolgsgeheimnissen gehören. Seit ihrem 2020 veröffentlichten Album »What’s Your Pleasure?« gibt sie musikalisch und auf der Bühne eine lebensfrohe Performerin von Retro-Disco-Tunes und überschwänglichem Soulpop, die unapologetisch über Sinnesfreuden singt. Das gipfelt jetzt auf »Superbloom« in buchstäblich schwitzigen Sexhymnen wie »Sauna«, S&M-Koketterie wie »Ride« oder, umwerfend, »Automatic«, das von einem Traumehemann handeln könnte, der alle Wünsche erfüllt – aber genauso gut auch von einem allzeitbefriedigenden Dildo. Gefolgt wird der beschwingte Track von einem Interludium aus Himmels-Chören, die kurz postorgasmisch schwelgen und auskosten. Es ist toll. Und mitreißend. Und macht sehr viel Spaß.
Mit ihrem Sexpositivismus, dem sie nun nach sechs Jahren das Krönchen aufsetzt, ergänzt Jessie Ware einen Emanzipationstrend mittelalter Künstlerinnen aus Pop, Kunst und Literatur, die ihre Sexualität, ihre Körperlichkeit und ihre teils freudigen, teils leidvollen Erfahrungen mit schonungsloser Offenheit diskutieren: Die schwedische Elektropopsängerin Robyn veröffentlichte gerade ein Album, auf dem sie ihre In-Vitro-Schwangerschaft thematisierte, Lily Allen schrieb ein ganzes Album über das Explodieren ihrer Ehe, Sophie Ellis-Bextor tanzte fröhlich zum Groove ihrer Wechseljahre auf ihrem Album »Perimenopause«. Soeben veröffentlichte die Kreuzberger Musikerin und Autorin Christiane Rösinger (Lassie Singers, Britta) ihren Altersratgeber »The Joy of Ageing«.
»Wir legen alle unsere Seele bloß«, sagte Ware kürzlich der Londoner »Times« über ihre gleichaltrigen oder auch älteren Kolleginnen. Madonna, die sich diese Woche mit der Ankündigung eines neuen Albums zurückmeldete, das im Juli erscheinen soll, ist die Pionierin, die Ur-Tabubrecherin und das Vorbild, an dem sich diese Künstlerinnen orientieren.
So verletzlich und weiblich wie ihre Epigoninnen durfte sich Madonna zurzeit ihrer Vamp- und Vogue-Posen jedoch nicht geben. Sie musste mehr Härte demonstrieren, um sich Respekt zu verschaffen. Es ist also eine Errungenschaft dieser erkämpften Unverschämtheiten, sich einerseits als domestizierte Hausfrau, Mutter und Podcasterin am Familienherd präsentieren zu können, andererseits aber auch als Domina mit Peitsche und Cowboy-Fantasien glaubhaft zu wirken. Eine glorreiche Halunkin, diese Jessie Ware. (8.5/10)
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Kurz abgehört:
My New Band Believe – »My New Band Believe«
Zur Wiedervereinigung der weithin bestaunten britischen Experimentalrockband Black Midi wird es wohl kaum mehr kommen: Seit 2024 befindet sich die Gruppe in einer Schaffenspause, Band-Frontmann Geordie Greep veröffentlichte bereits ein ganz ordentliches Soloalbum, kürzlich starb Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin im Alter von nur 26 Jahren. Tragisch, aber das wird die Freude oder Begeisterung über das Solodebüt vom anderen Black-Midi-Vordenker neben Greep, dem Multiinstrumentalisten Cameron Picton, nicht schmälern.
Das Ganze klingt wie ein alternativer, noch überkandidelterer Soundtrack zum Schokoladen-Musical »Wonka«, der selbst dessen nicht minder hochbegabten Komponisten Neil Hannon (The Divine Comedy) Respekt abnötigen dürfte. Das sind die Popdimensionen, über die wir hier reden: hinreißend britisch verspulter Freak Folk mit Niedlichkeitsfaktor, der sich immer wieder zur Bohemian Rhapsody aufschwingen will. Angeblich wollte Picton für die Studio-Veredelung der komplett akustisch mit Piano, Streichern, gezupfter Gitarre und Standbass eingespielten Arrangements von My New Band Believe den 83-jährigen Van Dyke Parks anheuern, der einst mit Brian Wilson an den »Smile«-Sessions arbeitete. War aber wohl zu teuer. Noch. (8.2/10)
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Tomora – »Come Closer«
Stellen wir uns darauf ein: Dieses glockenhelle »Do-do-do-do-do-do-do-do«-Motiv von Sängerin Aurora wird uns mit hoher Wahrscheinlichkeit den ganzen kommenden Sommer über begleiten und als Begleitmusik bis in TV-Magazinbeiträge bei RTL sickern. So hoch ist das Hit- und Ohrwurmpotenzial der verträumten Dance-Single »Somewhere Else«, die die Norwegerin zusammen mit dem Briten Tom Rowlands aufgenommen hat, eine Hälfte der Block-rockin-Beats-Fabrikanten Chemical Brothers. Aus der früheren, gelegentlichen Kollaboration Auroras mit den Brothers ist jetzt ein Bandprojekt geworden, das gerade beim Coachella-Festival erstmals live aufgetreten ist.
Auf »Come Closer« finden sich aber nicht nur psychedelische Party-Banger wie »Ring The Alarm« oder »In A Minute«, sondern auch die Aurora-typischen ätherischen Balladen und experimentellere, freiere Kompositionsformen, die jedoch immer nahbar bleiben, wie es der Albumtitel so anheimelnd verheißt. Fusioniert mit der nervösen Energie von Club-Antreiber Rowlands entstehen dabei im besten Fall Trip-Hop-Hybride wie der Hyper-Chanson »Have You Seen Me Dance« oder der Elektro-Blues »A Boy Like You«. Klingt, als würde die, Pardon, Chemie zwischen Tom und Ora ganz gut stimmen. (7.7/10)
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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

vor 2 Stunden
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