Friedrich Merz: Operation Besänftigung

vor 23 Stunden 3

Friedrich Merz will eine Eskalation mit der US-Regierung vermeiden und setzt auf seinen guten Draht zu Trump. In Davos will er nun beschwichtigend auf ihn einwirken.

19. Januar 2026, 17:57 Uhr

10 Kommentare
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) setzt nicht auf eine Eskalation im Zollstreit mit den USA – aber er zeigt die Instrumente, die Europa hat.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will keine Eskalation im Zollstreit mit den USA – aber er zeigt die Instrumente, die Europa hat. © Michael Kappeler/​dpa

Vorsichtig, aber bloß nicht ängstlich – das war die Tonlage der ersten öffentlichen Äußerungen des deutschen Bundeskanzlers zu den neuen Zollandrohungen von Donald Trump. Der US-Präsident hatte damit auf eine Erkundungsmission von acht Nato-Anrainerstaaten in Grönland reagiert, an der auch Soldaten aus der Bundesrepublik beteiligt gewesen waren. Man sei sich nicht nur in der Europäischen Union, sondern auch mit dem Vereinigten Königreich und Norwegen einig, "dass wir möglichst jede Eskalation in diesem Streit vermeiden wollen". Die nächste Möglichkeit zur direkten Besänftigung des US-Präsidenten bietet sich dem Kanzler diese Woche in der Schweiz. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos werde er versuchen, mit Trump zu sprechen, sagte Merz. Die Erfahrung sei, dass der amerikanische Präsident sich Gesprächsangeboten zugänglich zeige.

Es ist verständlich, dass der Kanzler nach außen seinen Optimismus bewahren will. Allerdings weiß auch er sehr genau, dass sich der Streit um Grönland in Wahrheit gewaltig von allem bisher da gewesenen unterscheidet. Denn hier richtet sich die amerikanische Aggression, einschließlich der Androhung militärischer Gewalt, erstmalig explizit gegen einen Verbündeten, gegen den Nato-Partner Dänemark. Das skandinavische Land war lange sogar ein besonders treuer Verbündeter der USA gewesen und hatte die Alliierten in vielen Kriegseinsätzen mit eigenen Soldaten unterstützt. Kein Land hat im Irak so viele Gefallene im Verhältnis zur Bevölkerungszahl verzeichnet wie Dänemark. Gerade deshalb hatte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erklärt, wenn es tatsächlich einen Zugriff der USA auf Grönland gebe, dann sei "die Nato tot".

Das "Es reicht"-Gefühl der Europäer

Merz fügte deshalb seinen beschwichtigenden Bemerkungen auch ein "aber" an. "Wir wollen keinen Handelsstreit mit den Vereinigten Staaten von Amerika", sagte der Bundeskanzler. "Aber wenn wir mit solchen Zöllen, die wir als unangemessen empfinden, konfrontiert werden, dann sind wir in der Lage zu reagieren." Wie Europa reagieren wird – was beispielsweise aus dem im Sommer ausgehandelten Zollabkommen mit den USA wird, bei dem die USA gar keine und die Europäer 15 Prozentraten akzeptiert haben –, ist derzeit offen. Die Tatsache, dass sich inzwischen sogar Trump-Versteher wie der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb kritisch äußerten, war ein weiteres Indiz für die "Es reicht"-Stimmung, die sich inzwischen in einigen europäischen Großstädten breitgemacht hat.

Interessant war vor dem Hintergrund der Gerüchte über eine mögliche Kabinettsumbildung, die der Spiegel ins Gespräch gebracht hatte, ein Unterschied in der Lageeinschätzung zwischen dem Bundeskanzler und seinem Fraktionschef Jens Spahn – der Hauptpersonalie einer angeblichen Rochade. Spahn hatte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt, Trump habe mit seinen Sicherheitsbedenken in Sachen Grönland einen Punkt. Auch Merz sieht das Sicherheitsthema: Chinesische und russische Begehrlichkeiten auf Rohstoffe oder Gebiete, die durch den Klimawandel zugänglich würden, könnten in naher Zukunft zur Gefahr werden.

Dass die Gefahr derzeit nicht akut ist, wie der Fraktionsvorsitzende in Übereinstimmung mit Trump behauptet, ließ Merz in einem süffisanten Hinweis durchblicken: Auch die Amerikaner selbst hätten einmal über 30.000 Soldaten auf Grönland stationiert; mittlerweile seien es gerade einmal 200. So groß scheint die Gefahr also nicht zu sein – die übrigens auch mit keinem Wort in der erst vor wenigen Wochen veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie Erwähnung fand. Zu den Gerüchten um eine Kabinettsumbildung, bei der Fraktionschef Jens Spahn abgelöst werden könne, sagte Merz nur: "Unsinn."

Der Kanzler hatte auf seiner Pressekonferenz im Hinblick auf die internationale Lage vor allem zwei Botschaften. Die eine war laut und vernehmlich: Wir wollen unsere Instrumente nicht nutzen, aber wir haben welche. Und die andere war etwas leiser und wird vermutlich ein wenig untergehen. Eine Bedrohung der Sicherheit in Europa gehe derzeit "mehr vom Osten aus als vom Westen". Der Krieg in der Ukraine sei vor allem für Osteuropa die viel größere Gefahr als Grönland. "Das", so sagte Merz abschließend, "ist zurzeit meine größte Sorge."

Ob das bedeuten wird, dass man Grönland aufgibt, um in der Ukraine von den Amerikanern Sicherheitsgarantien zu bekommen, auf die man auch vergeblich hofft – vielleicht weiß man darüber am Ende dieser Woche mehr.

Gesamten Artikel lesen