Drama um sterbenden Buckelwal Timmy: Jetzt kommen auch noch die Extremisten

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Am Montag haben Demonstranten den Schutzzaun durchbrochen. Bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage. Der Zaun war errichtet worden, damit der sterbende Buckelwal, den Medien Timmy tauften, Ruhe hat.

Einige Demonstranten hoben ein Stück des Zauns aus der Verankerung und rannten zum Ufer. Sie wollten ein Zeichen setzen und dem Wal nahe sein.

Timmys Sterben zieht nicht nur Schaulustige an

Seit zwei Wochen liegt das Tier jetzt in der Wismarbucht vor der Insel Poel im flachen Wasser. Noch länger schon wird um sein Leben gebangt. Mehrere Rettungsversuche scheiterten, wiederholt verlor der Wal die Orientierung.

Sein Sterben zieht Schaulustige an. Und zunehmend auch Menschen, die glauben, der Staat verheimliche ihnen hier etwas. Mächtige hätten ein Interesse daran, dass der Wal, den sie selbst „Hope“ getauft haben, stirbt.

 Marcus Golejewski/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Teilnehmer einer Demonstration für die Rettung des Buckelwals.

© dpa/MARCUS GOLEJEWSKI

Im Netz wird seit Tagen in die Bucht mobilisiert. Auf einem Aufruf ist ein KI-generierter Buckelwal zu sehen, der um Gnade fleht: „Lasst mich leben!”. Facebook- und Telegramgruppen wurden gegründet, in denen Aktivisten Argwohn gegen Politik und Behörden streuen, aber auch Zweifel an den Fähigkeiten der beratenden Wissenschaftler.

„Das sind die gleichen Experten wie bei Corona, wo die Angehörigen einsam im Altenheim sterben mussten“, schreibt ein Aktivist in einer Facebook-Gruppe. Derselbe Mann erklärt auch: „Für die Ukraine ist Geld in Unmengen da, aber nicht für die Rettung eines wundervollen Lebewesens.“

Werdet wütend. Steht auf. Timmy wird das Symbol unserer Rebellion.

Gruppe Pixelhelper, auf der Plattform „X“

Ein Treiber der Proteste ist die umstrittene Gruppe Pixelhelper. Auf „X“ veröffentlicht sie Sätze wie „Das ist kaltblütiger Mord an allem, was noch fühlt“. Und sie appelliert: „Werdet wütend. Steht auf. Timmy wird das Symbol unserer Rebellion“.

Außerdem versucht sie, den Hashtag #JeSuisTimmy zu etablieren, denn was mit dem Wal in der Bucht von Poel passiere, sei „exakt dasselbe wie der islamistische Anschlag auf Charlie Hebdo“: ein brutaler, gezielter Mord an unschuldigem Leben.

Die rechte Empörungsindustrie ist ebenfalls eingestiegen. Im „Patriotenkanal“ auf Telegram wird ein Video des Desinformationsmediums „AUF1“ geteilt. Der Fall des Buckelwals offenbare, wie „kaputt Deutschland heute ist“, heißt es dort. Es handle sich um ein Komplettversagen des Staates: „Sind wir 2026 schon so weit im Land der Ingenieure, dass man nicht einmal einen gestrandeten Wal zurück ins Meer ziehen kann?“

Ein Meeresmuseum wird verdächtigt

Aktivisten überbieten sich mit Verschwörungsgerau­ne. Ein beliebtes Narrativ lautet: Der deutsche Staat sei nicht bloß unfähig, den Wal zu retten, er wolle ihn unbedingt tot sehen. „Für das Meeresmuseum in Stralsund wäre sein Skelett von unschätzbarem Wert“, erklärt ein Autor der rechtsextremen Plattform „Compact“. Vom Tod des Wals würden allerdings noch andere profitieren. Der Mann warnt: „Sie lassen den Wal verrecken.“

Experten haben kaum Hoffnung, dass der Wal überlebt. Eine private Rettungsinitiative wird noch geduldelt. Die letzten staatlichen Rettungsversuche wurden aufgrund des Gesundheitszustandes des Tiers eingestellt, um es in Frieden gehen zu lassen. Dies kann Tage dauern.

Die Erzählung lautet stets: Experten versagen, Behörden täuschen, irgendwo profitiert jemand im Hintergrund.

Sebastian Leber, über die Austauschbarkeit von Verschwörungsmythen

In dieses Zeitfenster drängen nun Stimmen, die versuchen, eine eigene Erzählung zu etablieren. Und somit auch beeinflussen wollen, wie später an den Fall erinnert werden wird.

Schon wieder versuchen Extremisten, ein emotionales Thema zu kapern. Damit schaden sie auch allen, die sich – und das sind viele – ernsthaft für das Wohl des Tiers interessieren.

Was hier im Kleinen geschieht, lässt sich auch an größeren Debatten beobachten. Der konkrete Anlass ist fast austauschbar. Heute ist es ein sterbender Buckelwal, morgen ein Zugunglück oder eine gesperrte Brücke. Die Erzählung lautet stets: Experten versagen, Behörden täuschen – und irgendwo profitiert jemand im Hintergrund.

Ein sehr trauriges Ereignis, das auch Anlass sein könnte, über Fischfang, Schifffahrtsrouten oder den Schutz von Meeressäugern zu sprechen, wird so vergiftet.

Kritik an staatlichem Handeln gab es immer, sie ist wichtig. Im Fall des Flughafens Berlin Brandenburg empörte sich das ganze Land jahrelang über multiple Pannen und Kostenexplosionen. Was es damals jedoch nicht gab, war der Deutungsversuch, der BER sei der endgültige Beweis dafür, dass die Bundesrepublik komplett versage und radikal umgeformt werden müsse.

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